Teenie-Horror auf der PS4: Until Dawn

Mit Scream begann Mitte der neunziger Jahre eine echte Renaissance für Teenie-Slasher-Movies, die meist durch klischeehafte Figuren, eine vorhersehbare Handlung und jede Menge Blut „glänzten“. Mit Until Dawn für die PS4 ist bereits 2015 ein Teenie-Horror zum selberspielen erschienen. Ob´s das Spiel besser macht als die Vorlagen?

Zugegeben: Taufrisch ist Until Dawn nicht mehr – immerhin ist das Horror-Adventure der Macher von Supermassive Games schon im letzten Sommer exklusiv für die Playstation 4 erschienen. Aber mal ehrlich, wann gruselt es sich denn bitteschön besser vor dem heimischen Fernseher? Im August, bei schönstem Grillwetter und warmen Temperaturen – oder im nasskalten Winter, gemütlich unter einer Decke bei Kerzenschein? Na also! Wer also bislang gezögert hat, dem verrät Thomas, ob sich der Gruseltrip lohnt.

Nicht noch ein Teenie-Horror-Movie

Doch worum geht es eigentlich in Until Dawn? Genau ein Jahr ist es her, als ein als Party-Trip geplanter Ausflug in eine abgelegene Berghütte für die Clique um Sam, Micheal, Josh, Chris, Jessica, Ashley, Matt, Emily, Hannah und Beth in einem tragischen Unfall geendet ist. Obwohl den meisten aus der Gruppe nicht ganz wohl ist, beschließen sie, den Ausflug zu wiederholen. Doch irgendetwas scheint nicht ganz geheuer zu sein. Dumm nur, dass die einzige Seilbahn ins Tal manipuliert wurde und ein heftiger Schneesturm eine Rettung erst am nächsten Tag ermöglicht. Als dann auch noch ein Verrückter auftaucht und die Gruppe terrorisiert, gibt es für die Teenager nur noch ein Ziel: Überleben. Until Dawn – bis zum Morgengrauen.

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Welches Spiel treibt der Verrückte mit den unschuldigen Teenies?!

Wer jetzt schon genervt aufschreit „Och ne, ein Teenie-Shlasher!“, dem sei gesagt: Nur Bedingt! Tatsächlich bedient Until Dawn jede Menge Klishees, gerade bei der Charakterzeichnung. Da gibt’s den gut gebauten Schönling, die attraktive Cheerleaderin, die taffe Heldin, die zickige Ex, den zurückhaltenden Computer-Nerd und die schüchterne Kreative. Und auch beim Setting bedienen sich die Entwickler bei so manchem Horror-Film der letzten 30 Jahre – die sollen aus Spoiler-Gründen aber nicht näher benannt sein. Gerade Filmfans könnten daraus zu viele Rückschlüsse auf die Handlung ziehen.

Mehr als nur Schablonen

Denn tatsächlich hält Until Dawn so manche Überraschung und Wendung parat und verläuft nicht so vorhersehbar, wie die Zusammenfassung es vermuten lässt. Das gilt auch für die Figuren: Wo uns vermutlich in jedem Horror-Film das Ableben der Jugendlichen nicht jucken würde, weil es ja eh nur Schablonen sind, schaffen es die Entwickler, hier tatsächlich so etwas wie eine Bindung zu den Charakteren aufzubauen. Das liegt daran, dass wir in den insgesamt zehn Kapiteln, die jeweils knapp einer Stunde Spielzeit entsprechen, abwechselnd jeden der Jugendlichen übernehmen. Das Spiel nimmt sich die Zeit, die Figuren zu entwickeln. Und wo uns die Zicke zu Beginn noch tierisch auf die Nerven gegangen ist, sind wir am Ende geschockt, sollte ihr Kopf neben ihrem leblosen Körper zu Boden fallen.

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Butterfly Effect: Jede noch so kleine Entscheidung kann Auswirkungen auf die Geschichte haben.

Ob das eintrifft, liegt allein bei uns, unseren Entscheidungen und unserem Geschick am Gamepad. Erwischen wir im Quicktime-Event die falsche Taste – stürzt unser Protagonist und blickt dem sicheren Tod ins Auge. Sind wir zu neugierig und riskieren einen Blick zu viel – dann rollt der Kopf. Until Dawn kennt keine Gnade und setzt konsequent auf den Schmetterlings-Effekt. Jede noch so kleine Entscheidung hat Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte. Das kann mitunter dazu führen, dass wir ganze Abschnitte nicht zu Gesicht bekommen, regt dadurch aber auch zum Mehrfachspielen an. Denn tatsächlich ist es möglich, dass alle Teenies die Nacht des Horrors überleben können.

Gruseln wie bei Quantic Dream

Wer aufmerksam gelesen hat, dem wird auffallen: Quicktime-Events? Entscheidungsmöglichkeiten? Ja, spielerisch orientiert sich Until Dawn stark an Titeln wie Heavy Rain, Life is Strange oder den Telltale-Adventures wie The Wolf among Us – ist also mehr ein interaktiver Film als ein „richtiges“ Survival-Horror-Game a la Resident Evil oder Dead Space. Traditionell ist in solchen Titeln die Interaktionsmöglichkeit begrenzt. Zwischensequenzen dominieren, Action-Passagen laufen in den von vielen Spielern verteufelten QTEs ab. Abwechslung ist trotzdem geboten und die Präsentation passt einfach zur gut erzählten Geschichte. Adventure-Freunde freuen sich, dass es genug versteckte Hinweise zu entdecken gibt, die Infos zur Hintergrundgeschichte liefern. Richtig cool sind die Totems, die Visionen von Geschehnissen aus der Zukunft offenbaren – ob diese tatsächlich eintreten, hängt wieder an uns und unseren Entscheidungen. Wirklich schwer zu finden sind die Hinweise und Totems jedoch nicht. Wer etwas aufmerksam guckt, der wird in einem Spieldurchlauf problemlos alles finden.

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Technisch top: Dass Hayden Panettiere nicht gerade wohl ist, können wir aus ihrer Mimik ablesen.

Technisch ist Until Dawn über jeden Zweifel erhaben. Die Areale sind hübsch und detailliert gestaltet und die Beleuchtung schafft eine stimmungsvolle Atmosphäre – wobei es etwas seltsam anmutet, dass die Kids in der Berghütte nicht einmal das Licht anknipsen. Echtes Highlight sind aber die detailgetreuen Gesichter, insbesondere durch die glaubwürdige Gestik und Mimik. Jede Emotion wird spürbar. Jede Figur wird per Motion Capture von einem Schauspieler verkörpert, wenn auch keine Berühmtheiten. Die bekanntesten sind Rami Malek (Mr. Robot), Peter Stormare (Fargo) und Hayden Panettiere (Scream 4). Auch der Sound geht in Ordnung: Die Umgebungsgeräusche passen und die spärlich eingesetzte Musik überzeugt. Allein die Synchronstimmen in der deutschen Fassung sind etwas zu weinerlich. Da kann das ganze Geschreie und Geheule schon zur Geduldsprobe werden – und vielleicht sogar im Tod der Figur enden: „Hoppla, das war wohl die falsche Taste…“

Until the Fazit

Während im Spiel der Wind gegen die Bäume peitscht, die Protagonisten sich durch unheimliche Gemäuer gruseln und sich der Schnee durch das Blut der Toten rot färbt, sitze ich gemütlich auf der Couch, eingekuschelt unter eine Decke und mit einer Kerze auf der Fensterbank. Draußen ist es mindestens so stürmisch wie im Spiel, nur das bei mir Regen und kein Schnee gegen die Fensterscheiben prasselt. Dank der tollen Atmosphäre im und außerhalb des Spiels hatte ich echt Spaß mit Until Dawn – ein Effekt, der sich bei mir beim Release im Hochsommer nie, nie, nie hätte einstellen können.

Und das wäre schade gewesen, denn anders als vielleicht vermutet wartet Until Dawn mit der einen oder anderen Überraschung auf und ist eben kein Klischee-Teenie-Slasher wie so viele Horror-Filme in den neunziger Jahren. Klar, einen Twist der Marke The Sixth Sense sollte man nicht erwarten. Wer aufpasst und sich auf die Geschichte einlässt, der kann dem Braten auf die Schliche kommen. Und auch wenn die ganz großen Schock-Momente gefehlt haben, hat mir Until Dawn gut gefallen. Denn Until Dawn überzeugt durch seine Geschichte und seine Figuren, die im Spielverlauf alle ein Profil entwickeln und einem mehr oder weniger ans Herz wachsen. Wenn dann ausgerechnet meine persönliche Favoritin durch meine bloße Neugier den Kopf verliert, ihr Gesicht mit weit aufgerissenen Augen und Mund in die Kamera blickt, dann ärgere ich mich tierisch, bin wütend auf mich, das Spiel, die Entwickler – muss aber bis zum Ende mit der Konsequenz meiner Entscheidung leben.

Also: Wer Horror-Filme und Spiele wie Heavy Rain etwas abgewinnen kann, der sollte unbedingt mal einen Blick riskieren. Wer beides verteufelt, der wird auch mit Until Dawn keinen Spaß haben.

(Bilder: Sony / Supermassive Games)

Thomas

Thomas

Seine große Leidenschaft ist das Zocken! Lange Jahre sowohl auf PC und Konsole unterwegs, dominieren dank Gamerscore- und Trophäen-Sucht mittlerweile Xbox und Playstation seine Abendstunden. Vom gradlinigen Ego-Shooter über dunkle Schleichabenteuer bis hin zu riesigen Open-World-Hits wandert fast alles ins Laufwerk. Doch auch im Kino ist er kein Kostverächter. Damit das alles finanziert werden kann, verbringt Thomas die meiste Zeit des Tages als kaufmännischer Angestellter im Büro.
Thomas

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