Meilenstein mit Facelift: Black Mesa

Was tun, wenn große Entwickler falsche Erwartungen wecken und diese dann enttäuschen? Es einfach selber machen! Das dachten sich auch gewiefte Hobby-Entwickler nach dem Release von Half-Life Source. Doch kann es ihr ambitioniertes Projekt Black Mesa mit dem Original von 1998 aufnehmen?

Unglaublich aber wahr: Half-Life 2 hat mittlerweile schon elf Jahre auf dem Buckel. Die letzte Erweiterung, Episode Two, erschien Ende 2007. Seit dem wartet die Zocker-Gemeinde sehnsüchtig auf den dritten Teil um Rambo-Wissenschaftler Gordon Freeman. Immer wieder keimen Gerüchte auf, dass eine Ankündigung bald bevorsteht. Hinweise, dass der Titel schon längst in der Entwicklung ist. Doch Valve kennt kein Erbarmen, schweigt sich stoisch zu ihrer Vorzeige-Marke aus. Fans müssen sich also weiter gedulden und bis dahin mal wieder die genialen Vorgänger installieren. Wer Teil 1 wegen der mittlerweile veralteten Grafik aber nicht mehr anfassen will, dem bietet sich eine andere Möglichkeit: Black Mesa.

Komm, wir packen das!

Als Half-Life 2 seiner Zeit angekündigt wurde, wurde auch Valves neue, hauseigene Source-Engine vorgestellt. Und die Jungs und Mädels um Firmenchef Gabe Newell ließen sich nicht lumpen: Der neue Grafik-Motor sollte nicht nur in Teil 2 seinen Dienst verrichten, sondern auch Neuauflagen von Counter-Strike und Half-Life grafisch nach vorne pushen.

Das Ergebnis war jedoch zwiespältig. Während Counter-Strike Source tatsächlich komplett überarbeitet wurde und grafisch hervorragend aussah, wurde Half-Life Source nur marginal verbessert und bekam einige neue Effekte spendiert. Nicht wenige Zocker waren davon massiv enttäuscht.

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Half-Life Source: Erkennt tatsächlich jemand gravierende Unterschiede zum Original?

„Dann eben selbst!“ dachten sich einige freiwillige Fans. Noch 2004 startet das Mod-Projekt Black Mesa: Source. Das Ziel: Ein vollständiges Remake von Half-Life auf Basis der neuen Source Engine. Das Team belässt es nicht dabei, einfach das alte Spiel mit der neuen Technik nachzubauen: Man überarbeitet das Leveldesign, fügt die aus Half-Life 2 bekannten Physik-Rätsel hinzu, ändert die Storyline ab und überarbeitet die KI. Das Ergebnis lässt auf sich warten: Erst im September 2012 erscheint Black Mesa als kostenfreie Mod. Das Source musste zwischenzeitlich aus dem Titel gestrichen werden – eine Bedingungen von Valve, um den Titel von eigenen Produktionen abgrenzen zu können.

Das Ergebnis ist jedoch nicht final. Auch wenn die Mod schon sehr viel richtig macht, stecken noch einige Fehler im Detail. Ein paar Abstürze hier, ein paar Bugs da – ach und ein paar Levels fehlen auch noch. Doch die Entwickler arbeiten fleißig weiter. Knapp drei Jahre später, im Mai 2015, erscheint Black Mesa kostenpflichtig auf Steam. Knapp 20 Euro werden als Verkaufspreis aufgerufen. Und so viel sei gesagt: Black Mesa ist jeden Cent wert.

Der Geist des Originals

Zu Half-Life muss man eigentlich nicht mehr viel sagen. Nur so viel: Es ist ein Meilenstein und hat das Genre der Ego-Shooter revolutioniert. Wo Shooter vorher nur gradlinige Schießbuden waren, setzt Half-Life auf eine Geschichte, die komplett aus der Ego-Perspektive inszeniert wird. Zwischensequenzen gibt es nicht, stattdessen kämpfen wir uns in der Rolle des Wissenschaftlers Gordon Freeman durch die abwechslungsreichen Abschnitte der Forschungsstation Black Mesa. Die wurde nämlich nach einem gescheiterten Experiment von Aliens vom Planeten Xen angegriffen, kurz darauf infiltrieren Truppen des Militär die Anlage – die nicht nur die außerirdische Bedrohung in den Griff kriegen, sondern auch potenzielle Mitwisser wie uns zum Schweigen bringen sollen. Aber ach, jetzt rede ich doch schon wieder zu viel über Half-Life!

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Trügerische Idylle: Obwohl wir immer mal wieder im freien unterwegs sind, gibt es aus Black Mesa so schnell kein Entkommen.

Das Remake (nennen wir es jetzt einfach mal so) – und das ist das Schöne – fängt den Geist in der Vorlage zu jeder Zeit ein. Das beginnt schon bei der genialen, minutenlangen Bahnfahrt durch den Black-Mesa-Komplex. Wie im Original wird hier schon das Gefühl aufgebaut, an einem streng geheimen, hermetisch abgeriegelten Ort zu sein – der durch die vielen Forschungseinrichtungen, Abwassersysteme, Lagerhallen, Aufbereitungsanlagen und zig anderen Levelabschnitte trotzdem gigantisch wirkt.

Neue Stärken, kaum Schwächen

Das herausragende Leveldesign, die spielerische Abwechslung und die Immersion sind immer noch die hervorstechenden Merkmale von Half-Life – pardon, Black Mesa. Von den technischen Verbesserungen profitiert die Wiederauflage enorm. Die Entwickler haben jede Textur und jedes Modell überarbeitet – und auch die Geräusche und Musik angepackt. Das bringt der ohnehin schon grandiosen Atmosphäre nochmal ein dickes Plus. Wenn der Gang vor uns nur durch lodernde Flammen ausgeleuchtet wird und uns drei Zombies entgegen schlurfen, dann fühlen wir uns unweigerlich an den Ravenholm-Level aus Half-Life 2 erinnert.

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Burn, Baby! Black Mesa profitiert enorm von den Lichteffekten der Source-Engine.

Sicher, ganz taufrisch ist die Optik von Black Mesa nicht mehr. Immerhin ist auch Half-Life 2 wie eingangs erwähnt über zehn Jahre alt – und damit auch die Source-Engine. Mit aktuelleren Titeln vom Kaliber eines Crysis 3 oder Far Cry Primal kann Black Mesa technisch nicht mithalten. Trotzdem sind das Design und die Beleuchtung immer noch so stimmig, dass man über diesen Nachteil gerne hinweg sehen kann. Und auch die langen Ladezeiten sind zu verkraften – betrifft es doch meist nur die erste beim Spielstart.

Wirklich schade ist, dass das Spiel immer noch nicht komplett ist. Wenn wir uns endlich in den Lambda-Komplex vorgekämpft haben, das Dimensionstor nach Xen endlich offen ist und wir hindurch springen – dann flimmert der Abspann über den Bildschirm. „To be continued“ verspricht ein Schriftzug am Ende. Hoffen wir´s.

Immer noch an der Spitze

Black Mesa kann man gar nicht genug loben. Nicht nur, weil es ein Fan-Projekt ist, in das insgesamt 80 freiwillige Entwickler in mittlerweile über zehn Jahren viel Zeit und Herzblut investiert haben. Es zeigt dem gesamten Genre auch heute noch, was es bedeutend besser machen kann. Tatsächlich treten Solo-Shooter seit Jahren auf der Stelle und versuchen spätestens seit Modern Warfare, sich mit immer krasseren Effekt-Gewittern gegenseitig zu überbieten. Oder sie pfeifen ganz auf eine Solo-Kampagne und fokussieren sich ausschließlich auf den Multiplayer.

Packende, atmosphärisch dichte Abenteuer für Solisten sind rar geworden. Titel wie die beiden Metro-Teile oder das neue Wolfenstein sind da schon die Ausnahme. Wer sich wieder mal nach so einem Titel sehnt, der kann bei Black Mesa bedenkenlos zugreifen. Das gilt nicht nur für alte Hasen, die damals schon das Original geliebt haben. Selbst wer heute erst mit dem Gaming anfängt, sollte sich das Spiel unbedingt zulegen. Er holt da nicht nur ein Stück Geschichte nach, sondern spielt gleichzeitig auch einen der – ach was – den besten Ego-Shooter des letzten Jahres. Bleibt zu hoffen, dass Half-Life 3 keine Utopie bleibt.

(Bilder: Valve)

Thomas

Thomas

Seine große Leidenschaft ist das Zocken! Lange Jahre sowohl auf PC und Konsole unterwegs, dominieren dank Gamerscore- und Trophäen-Sucht mittlerweile Xbox und Playstation seine Abendstunden. Vom gradlinigen Ego-Shooter über dunkle Schleichabenteuer bis hin zu riesigen Open-World-Hits wandert fast alles ins Laufwerk. Doch auch im Kino ist er kein Kostverächter. Damit das alles finanziert werden kann, verbringt Thomas die meiste Zeit des Tages als kaufmännischer Angestellter im Büro.
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