Auf Wiedersehen – Der Elefantenmensch

Filme sind immer ein Produkt ihrer Zeit; heißt, sie sind manchmal nur zu verstehen, wenn wir dabei waren. Andererseits gibt es Klassiker die auch Jahrzehnte nach ihrem Entstehen noch immer begeistern können. David besucht „alte Freunde“. Den Anfang macht Der Elefantenmensch.

Was mit unserer Reihe „Geht’s noch?“ für Videospiele funktioniert, soll jetzt auf Filme angewandt werden. Die Regeln sind einfach: Der Film muss einen gewissen Bekanntheitsgrad haben (die Super-8-Filme aus dem Vendig-Urlaub ’73 zählen also nicht) und sollte mindestens so alt sein wie der Rezensent. In meinem Fall heißt es also mehr als 30 Jahre. Bonuspunkte gibt es, wenn jemand den Film zum ersten Mal gesehen hat. Als erstes geht ins Rennen: David Lynchs achtfach oscar-nominierter und aktuell in der IMDB Top 250-Liste vertretene Film Der Elefantenmensch

Das gibt’s zu sehen

Der Elefantenmensch beruht auf der wahren Geschichte von Joseph Merrick (1862-1890), im Film John genannt (John Hurt). Der arme Kerl litt an einer bis heute nicht näher geklärten Krankheit, die große Teile seines Gesichts und Körpers stark deformierte. Er wird auf einer Freak-Show vom Arzt Frederick Treves (Anthony Hopkins) entdeckt. Er wird in einem Krankenhaus untergebracht und zum ersten Mal menschlich behandelt. Die Ärzte sind überrascht als sie feststellen: Der Mann kann trotz seiner Deformationen reden (boah!) und sogar die Bibel und Shakespeare zitieren (doppel-boah).

Da sehen wir gerne hin

Im zeitlosen schwarz-weiß zaubert David Lynch zusammen mit Kameramann Freddie Francis eine Landschaft des 19. Jahrhunderts, die wirklich verblüffend ist. Teilweise hat er sich bei sehr alten Aufnahmen bedient, um den authentischen Look Londons zu der Zeit noch zu verstärken. Auch die Schauspielleistung von John Hurt ist ein Hingucker. Er gibt seiner Figur unter der dicken Maske Würde und Persönlichkeit. Anthony Hopkins als Arzt Treves ist trotz der leicht klischeehaften Rolle auch durchaus sehenswert. Das Setting und die Kostüme sind ebenfalls überzeugend. Besonders John Hurts Maske ist hervorragend gemacht und muss sich nicht hinter moderner Tricktechnik verstecken. Ein Problem, dass viele ältere Filme haben: Die Sehgewohnheiten haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Hier ist das aber kein Problem, weil wir es hier mit einem Drama und keinem gehetzten Action-Film zu tun haben.

Das können wir nicht mehr sehen:

Trotz all seines Könnens schafft es David Lynch nicht, den klebrigen Fallen Hollywoods zu entkommen. Hier menschelt es an jeder Ecke. John Merrick ist nobel, mutig und tapfer in einer Welt, die verabscheut. Aber was für eine Wahl hatte er denn? Menschen mit Behinderungen werden gerne als „tapfer“ bezeichnet, weil sie mit ihren Problemen umgehen und zurecht kommen. Ja, es ist bewundernswert, aber es ist für diese Menschen normaler Alltag. Wir sollten, statt ständig diesen Umgang mit dem Makel in den Vordergrund zu rücken, ganz normal mit solchen Menschen umgehen. Aber das ist ein Problem das der Film schon zum Kinostart hatte, schon Roger Ebert bemängelte genau das in seiner Kritik von 1980. Auch der Anfang mit der Vergewaltigung? von Johns Mutter durch einen Elefanten wirkt heute eher albern.

Sollen wir mal hinsehen?

Der Elefantenmensch ist gut gealtert und die Geschichte ist zeitlos. Trotz der typischen Fallen dieser Geschichte ist der Film nicht weniger sehenswert als noch vor rund 35 Jahren. Wer mit 12 Years a Slave was anfangen konnte, findet bestimmt auch Der Elefantenmensch gut.

Welchen Film sollen wir uns als nächstes vorknüpfen? Wie fandet ihr Der Elefantenmensch? Und findet ihr, dass man ihn heute noch sehen kann?

(Bilder: Brooksfilms/Arthaus)

David

David

Er hat vielleicht nicht jeden Film gesehen. Er kann aber zu jedem etwas sagen. In seiner Muttermilch war Zelluloid. Auch vor Musik und Videospielen macht er keinen Halt. David sabbelt nebenbei auch professionell im Radio. Damit ist er aber offensichtlich nicht ausgelastet. Mehr von ihm gibt es hier bei den Medien-Nomaden.

david@Medien-Nomaden.de
David

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