Qualitätsserien XI: Better Call Saul

Mit Better Call Saul hat AMC 2015 den Spin-Off zu einer der erfolgreichsten Serien des goldenen Zeitalters des Fernsehens auf den Bildschirm gebannt. Ist Saul Goodmans Geschichte mehr als nur ein schnöder Breaking Bad-Ableger?

Im letzten Artikel unserer Reihe Qualitätsserien befassten wir uns mit der Frage, ob AMC mit Turn der nächste große Wurf gelungen ist. Nach Erfolgen mit Breaking Bad, Mad Men und aktuell The Walking Dead sind die Amerikaner auf der Suche nach der nächsten Epoche-machenden Produktion. Turn beschreitet dabei einen risikoreichen Weg. Das Historiendrama entführt den Zuschauer in die vom Fernsehen verhältnismäßig unerschlossene Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und will mit einer Spionagegeschichte überzeugen.

Mit dem Breaking Bad-Ableger Better Call Saul bewegt sich das Unternehmen mit Sitz in New York derweil auf einem vermeintlich einfacheren Pfad. In der Tat müssten Spin-Offs eigentlich immer Erfolg haben, oder? Jedoch floppte eine beachtlich Anzahl von Sprösslingen bekannter Fernsehserien in der Vergangenheit. Es scheint, je erfolgreicher die ursprüngliche Serie, desto größer die Fallhöhe des Ablegers.

Origin-Story mit Anwaltszulassung

Und die Fallhöhe ist für Better Call Saul enorm: Bob Odenkirks Charakter Saul Goodman wurde bereits in der hochgelobten Serie Breaking Bad etabliert, nur fristete der windige Catchphrase-Strafverteidiger hier ein Dasein als Nebenrolle. Der beinahe überlebensgroße, Meth-kochende Walter White (Bryan Cranston) und sein Komplize Jesse Pinkman (Aaron Paul) ließen wenig Platz für den listenreichen Goodman. Die durchweg positive Resonanz auf den schmierigen Advokaten war für die Autoren Vince Gilligan und Peter Gould Grund genug im letzten Jahr Better Call Saul an den Start zu bringen.

Einen Charakterbasierten Spin-Off zu produzieren, ist beinahe schon eine Liebeserklärung an die Figur selbst und zeugt von ihrem Massenappeal. Aber anstatt Saul Goodmans dunkle Machenschaften weiter auszubauen, befasst sich die Serie mit der Frage: Wer ist Saul Goodman eigentlich? Der Zuschauer reist in das schon aus der Mutterserie bekannte Albuquerque im Jahr 2002 – beinahe sechs Jahre vor den Geschehnissen Breaking Bads – und trifft Jimmy McGill der sich sein Reputation als Rechtsbeistand von Verbrechern erst noch verdienen muss und das eigentlich gar nicht so recht will.

Ein Ausgelagerter Teil des Breaking Bad-Universums

Better Call Saul erzählt eine spannende Geschichte, die sich nicht nur für Fans von Breaking Bad lohnt. Die Spin-Off Serie kann als „Standalone“ betrachtet werden. Kenntnis über das Serien-Universum braucht man bei der Sichtung der in zwei Staffeln verbrachten 20 Folgen nicht. Die Metamorphose, des in seiner Jugend auf die schiefe Bahn geratenen Jimmys, hin zu einem juristischen Schutzschild seiner Gemeinde und zurück zu einem Ganoven mit Staatsexamen, ist fesselnd. Better Call Saul zeigt seinen bereits bekannten Protagonisten in einer ebenso bekannten Welt die mit unvorhersehbaren Plot-Twists und frischen Ideen aufwartet.

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Albuquerque, ein Strafvertreidiger auf Abwägen und ein mysteriöser älterer Herr. Hinzu kommt viel Neues. (Photo: AMC)

Ein eigentlich recht simples Konzept, welches vielen Serienablegern in der Vergangenheit fehlte; Gerade wenn es um die Fortführung von bereits allzu bekannten Figuren ging. Man denke nur an NBCs Joey: Matt LeBlancs Paraderolle aus Friends funktionierte nicht ohne eine Rachel oder einen Chandler. 2006, nach nur zwei Staffeln in ebensovielen Jahren, hatten die Zuschauer genug und Joey Tribbianis langweiliger Soloausritt wurde wie eine gesprungene Schallplatte aussortiert. Dass es auch (etwas) besser geht, bewies 2001 der Akte X-Ableger The Lone Gunmen. Vince Gilligan, der Erschaffer des Breaking Bad-Universums, war an beiden Serien beteiligt.

Kann Jimmy auf eigenen Füßen stehen?

Einen Spin-Off zu produzieren, ist in der Regel eine wirtschaftliche Entscheidung. Die zugrundeliegenden Handlungen, Charaktere oder Subplots haben schon eine willige Anhängerschaft. Das Risiko und die damit verbundene Investition scheinen kalkulierbar. Entspräche das der Realität, würde man Dave Chapelle heute vielleicht mehr mit dem lieblosen Hör´ mal, wer da hämmert-Spin-Off Buddies assoziieren, in dem er 1996 die Hauptrolle übernahm – aber das tun wir (Gott sei Dank) nicht.

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Während Better Call Saul im Großen und Ganzen auf eigenen Füßen stehen kann, gilt das nicht für Protagonist Jimmy. Zum Glück gibt es den mysteriösen (Noch-)Parkwächter Mike, der dem beinahe mittellosen Juristen unter die Arme greift. (Photo: AMC)

Es braucht etwas Eigenes. Die Lone Gunmen verpackten Akte Xs Verschwörungstheorien in charmanten Klamauk. Rein handwerklich bewegt sich Better Call Saul nur wenig von der Mutterserie weg. Die in der Regel 45 Minuten langen Episoden breiten sich langsam aus: Manche Szenen vermögen es auch nach zwei Minuten den Plot nicht voran zu treiben. Dafür sind sie ein großartiger Sehgenuss, die beinahe auf jeder dramaturgischen und emotionalen Ebene funktionieren. Ihr wirkliches Alleinstellungsmerkmal findet die Serie in der Zentrierung auf den zukünftigen Anwalt, dem die Verbrecher vertrauen und seiner virtuos erzählten Geschichte.

Ein großartiger Odenkirk

Neben dem Hauptplot laufen verschiedene Nebenhandlungen, Vor- und Rückblenden parallel auf Jimmy McGills Geschichte zu und schaffen eine tiefgehende, wie auch interessante Warte auf den zukünftigen juristischen Paten Albuquerques Unterwelt. Diese narrative Struktur ist ein Grund dafür, warum Serienfreunde einen Blick riskieren sollten. Bob Odenkirk, der hierzulande vor Breaking Bad eher ein Schattendasein fristete, ist der Andere: Das Spiel des Comedian, der schon als Chief Oswalt in Fargo überzeugen konnte, ist so subtil, wie es natürlich wirkt. So fällt es nicht schwer sich dem Anwalt, der seine Zulassung von der University of American Samoa erhalten hat, anzunähern.

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Schrullig, skurill und witzig: James Morgan McGill aka Saul Goodman. (Photo: AMC)

Gepaart mit dem unverkennbaren und latenten Schwarzen Humor, der aus den Federn Gilligans und Gould trieft hat der Zuschauer eine zwar ausgebreitete, jedoch nie ermüdende Reise vor sich. Die biete dem aus trashigen Werbespots bekannten Anwalt einen guten Rahmen bietet, sich zu entfalten. Bob Odenkirks Performance ist es dabei, die der Serie ihre endgültige Form  und Richtung gibt. Dennoch arbeitet Better Call Saul mit Netz und doppelten Boden.

Tuco & Mike – Der obligatorische Fan-Service

Denn so ganz will sich die Produktion, die just für eine dritte Spielzeit bestätigt wurde, nicht von Breaking Bad weg bewegen und Flügge werden. Mike Ehrmantraut (Jonathan Banks) hält die Genealogie zu Heisenberg und seinem Komplizen Cap´n Cook hoch und bekommt seine eigene, kleine Origin-Story. Tuco Salamanca (Raymond Cruz) – New Mexicos friedfertigster Drogenbaron – kreuzt ebenfalls Jimmys Weg.

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Tuco und sein widerwilliger Rechtsbeistand bei einer einseitigen Diskussion über die Verhältnismäßigkeit von Strafen. (Photo: AMC)

Doch Better Call Saul geht mit den Anleihen und Charakteren aus Breaking Bad in der Regel sparsam um. Die – bis auf Mike – flüchtigen Erinnerungen an die 16-maligen Emmy Gewinnerin wirken dabei nie als „Cash-Grab“ und betten sich leise und stimmig in den Spin-Off ein. Den Anspruch etwas Neues, Eigenes zu erzählen hatten sich in der Vergangenheit viele Spin-Offs auf die Fahnen geschrieben. Jedoch blieben schnell in der Versenkung verschwundene Ableger wie Mrs. Columbo (Columbo) oder Baywatch Nights (Baywatch) diesen Versprechen schuldig. Die Serie Better Call Saul ist hier anders, weil sie auch betont anders als ihre Mutterserie sein will.

Ein würdiger Spin-Off

Aus diesem Grund funktioniert Better Call Saul auch nicht auf derselben Ebene, wie ihre vor Zitat-strotzende Vorgängerin. Jimmy McGills persönliche Odyssee, an deren Ende Saul Goodman steht, fühlt sich wie eine liebevoll ausgestaltete Biographie an. Im Vergleich zu Breaking Bad ist Better Call Saul beinahe schon Figuren-arm. Der Zuschauer hat mehr Zeit um mit Jimmy zu interagieren und sich auf den eitlen Advokaten einzulassen.

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Jimmy pflegt mit Kim Wexler (Rhea Seehorn), die ebenfalls der Juristerei verfallen ist, ein latent romantisches Verhältnis. Seehorn und der restliche Supportcast machen eine durchweg gute Figur. (Photo: AMC)

Es ist diese Nähe, die von Drehbuch, Photografie und gutem Supportcast gestützt wird, die Better Call Saul nicht nur zu einem vollends gelungenen Spin-Off, sondern auch zu einer brillanten Serie macht, die stets zu überraschen weiß. Ruhiger, langsamer und zentrierter als Breaking Bad und dabei doch in derselben Liga.

Wie hat euch Better Call Saul gefallen? Was macht für euch einen gelungenen Spin-Off aus? Welche Ableger könnt ihr empfehlen? Welche würdet ihr gerne vergessen? Diskutiert mit uns!

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: AMC

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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