The Black List: Hollywoods schmackhafter Giftschrank

Seinen Namen auf einer schwarzen Liste wiederzufinden, ist in den meisten Fällen eine zweifelhafte Ehre. Die Autoren auf Hollywoods Black List dagegen dürfen hoffen, schließlich repräsentiert diese Aufstellung ein „most wanted“ der bisher unverfilmten Drehbücher. Späterer Kinoerfolg nicht ausgeschlossen.

Woher nimmt Hollywood seine Ideen? Dieser Frage wollen wir in einer Mini-Serie nachgehen. Gerade in diesem Jahr haben Remakes und Reboots Hochkonjunktur, dicht gefolgt von Buchverfilmungen. Bekannte Stoffe bringen schließlich ein gewisses Fanpotenzial mit, zumindest die Produktionskosten werden so bestimmt wieder eingespielt – über die diese in Hollywood vorherrschende Denke hat David bereits in seinem Beitrag sinniert.

Dass das Kino weitaus mehr zu bieten hat, als die x-te Neu- und Weiterverfilmung, dürfte jedem, der sich sich nur ansatzweise mit Filmen beschäftigt, eigentlich klar sein. Die subjektive Wahrnehmung jedoch ist eine andere: Man denke nur an Mad Max, Jurassic World, Terminator Genisys, Avengers 2 oder den kommenden Star Wars in diesem Jahr. Im PR-Krawall der großen Blockbuster gehen kleine Filme und originäre Geschichten natürlich unter. Ein schönes Instrumentarium, an dem sich der Erfolg von unbekannten, vergessenen oder übersehenen Geschichten sprichwörtlich ablesen lässt, ist die Black List.

Was ist die Black List?

Die Black List ist das Ergebnis einer seit 2005 jährlich stattfindenden Umfrage unter einflussreichen Filmproduzenten. Sie sind am Ende des Jahres aufgefordert, die besten Drehbücher zu nennen, die derzeit in Hollywood kursieren, aber noch auf eine Realisierung warten. Die Chancen, dass bisher unberücksichtigte Skripte eine neue Aufmerksamkeit erfahren, stehen gut. Von insgesamt 987 Drehbüchern auf den schwarzen Listen von 2005 bis 2014 wurden inzwischen 302 umgesetzt. Die dazu gehörige Homepage www.blcklst.com versteht sich als Vermittlerplattform zwischen Autoren und Produzenten.

Wie erfolgreich sind die Black List-Filme?

25 Milliarden Dollar spielten die Black List-Filme bisher ein – im Schnitt etwa 87 Millionen Dollar pro Film. Das ist natürlich nichts im Vergleich zu einem Marvel-Blockbuster, der im Alleingang die Milliarden-Marke knackt. Bedenkt man jedoch, dass sich unter den Drehbüchern viele kleine Indie-Projekte befinden, ist das eine respektable Summe. Ein gutes Beispiel ist Juno. Das Skript für die sympathische Coming-of-Age-Geschichte um eine schwangere Ellen Page erhielt die zweitmeisten Nennungen auf der allerersten Black List, wurde anschließend mit einem Budget von 6,5 Millionen Dollar verfilmt und spielte schließlich 231 Millionen Dollar ein.

Nicht nur die wirtschaftlichen Kennzahlen überzeugen, auch die Anzahl der Auszeichnungen kann sich sehen lassen: Auf 302 Black List-Filme fallen 223 Oscar-Nominierungen, 43 Goldjungen nahmen sie mit Hause.

(Ein)Trächtige Tragikkomödie: Juno spielte weit über 200 Millionen Dollar in den Kinos ein - das dazugehörige Drehbuch war das mit den meisten Nennungen auf der allerersten Black List aus dem Jahre 2005.

(Ein)Trächtige Tragikkomödie: Juno spielte weit über 200 Millionen Dollar in den Kinos ein – gerade mal 6,5 Millionen Dollar hat der Film gekostet. Kinoplakat: Fox Seachlight Pictures / Ausschnitt: Black List 2005/www.blcklst.com

Was sind bekannte Filme von der Black List?

Mit Slumdog Millionaire, The King’s Speech und Argo brachte die Black List bisher drei Filme hervor, die den Oscar in der Kategorie „Bester Film“ errangen. Weitere Academy Award-Gewinner sind etwa die Öl-Magnaten-Saga There Will Be Blood, Ang Lees Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger, das Boxer-Biopic The Fighter, die musikalische Tour de Force Whiplash, das herrliche Roadmovie Little Miss Sunshine oder das von uns im Rahmen der Aktion Ein Film – Viele Blogger gesprochene Drama Tagebuch eines Skandals.

Mit Christopher Nolans Prestige, dem exzellenten Neo-Western Todeszug nach Yuma, Darren Aronofskys The Wrestler oder The Road, für mich der beste Endzeitfilm überhaupt, sind einige meiner persönlichen Alltime-Favorites vertreten, die man getrost als moderne Klassiker bezeichnen kann.

Sind nur gute Filme auf der Black List?

Gut ist natürlich subjektiv. Filme wie Abraham Lincoln: Vampirjäger, Snow White and the Huntsman oder World War Z sind finanziell gesehen keine Flops – aber ob sie das zu guten Filmen macht, darüber lässt sich streiten. Fest steht nur: Die Black List beinhaltet nicht nur anspruchsvolles Oscar-Material, sondern auch jede Menge Inspiration für’s Kopf-aus-Kino. Gott sei Dank.

Ist eine hohe Anzahl von Nennungen auf der Black List ein Garant für einen erfolgreichen Film?

Schaut man sich die Filme mit den meisten Nennungen in den jeweiligen Jahren an, dann muss man ganz klar sagen: Nein. Ein Spitzenplatz auf der Blacklist garantiert noch nicht mal eine Umsetzung. Das Polit-Drama zur US-Präsidentenwahl 2002, Recount, schaffte es immerhin zu einer TV-Verfilmung, Filme wie The Beaver (mit Jodie Foster und Mel Gibson), der NFL-Streifen The Draft oder das US-Debüt der dänischen Regisseurin Susanne Bier, Things We Lost In The Fire, sind nicht mehr als Kinorandnotizen. Ausnahme ist die Geschichte des Enigma-Codebrechers Alan Turing: The Imitation Game belegte auf der 2011er Black List mit 133 Nennungen uneinholbar den ersten Platz, die Verfilmung mit Benedict Cumberbatch und Keira Knightley in den Hauptrollen spielte 219 Millionen Dollar ein – bei Produktionskosten von etwa 14 Millionen Dollar – womit der Film zum finanziell erfolgreichsten Independentfilm 2014 avancierte.

Umgekehrt muss eine vernachlässigbare Anzahl von Nominierungen auf der Black List kein Ausschlusskriterium sein. Bestes Beispiel ist das Skript zu Hangover, das seinerzeit nur drei Stimmen erhielt. Die Chronik eines chaotischen Junggesellenabschieds gehört zu den erfolgreichsten Komödien aller Zeiten – zusammen mit seinen beiden Fortsetzungen spielte die Serie weltweit 1,4 Milliarden Dollar ein. Mit einem R-Rating, wohlgemerkt.

Der Ausnahmefilm: 133 Nennungen für The Imitation Game sind Rekord in der Historie der Black List.

Der Ausnahmefilm: 133 Nennungen für The Imitation Game sind Rekord in der Black List-Historie. Gleichzeitig ist der Codebrecher-Streifen mit Benedict Cumberbatch die bislang erfolgreichste Black List-Nr. 1. Dabei ist ein Spitzenplatz nicht immer erfolgsversprechend. Kinoplakat: The Weinstein Company / Ausschnitt: Black List 2011/www.blcklst.com

Welche interessanten Projekte schlummern noch auf der Black List?

Haha, erwischt! Diese Frage wollen wir Euch in einem separaten Beitrag beantworten, mit den persönlichen Einschätzungen und Wünschen der Medien-Nomaden. So viel sei verraten: 2014 standen die Biographie von Katharina der Großen und die filmische Aufarbeitung des O.J. Simpson-Prozesses ganz oben. Wer sich durch die bisherigen Listen wälzen möchte, findet diese unter folgendem Link.

Was nehmen wir von der Black List mit?

Hollywood ist kreativer, als es manchmal den Anschein hat. Was fehlt, ist oftmals der Mut der Filmemacher. Die Black List hat sich in den vergangenen Jahren als brauchbare Ideenbörse erwiesen, die insbesondere den sträflich vernachlässigten Drehbuchautoren zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. So konnten einzelne Schreiber nach einer Black List-Nominierung neue Jobs an Land ziehen. Inwieweit die Macher der Blacklist profitieren, bei einem Wettbieten beispielsweise, ist allerdings nicht ersichtlich. Die Prüfung und die Aufnahme der Skripts in die Black List-Datenbank sind offensichtlich nicht kostenlos.

Für uns Filmfreunde ist die Black List eine schöne Möglichkeit, im Ideenpool Hollywoods zu stöbern. Wunschfilme, auf die man sich freuen kann, sind schnell ausgemacht. Immerhin wird – Pi mal Daumen – jeder dritte Film auf der Black List realisiert. Ansonsten bietet die Black List die Gelegenheit, Trends und Vorlieben inerhalb der Filmindustrie auszumachen. Wenn mal wieder Biopics und Endzeitfilme dominieren, lässt es sich herrlich über Hollywoods Ideenlosigkeit ablästern.

Hollywood und die Black List.

Ausschnitt: Black List 2008/www.blcklst.com

Patrick

Patrick

Mit Gameboy und Ghostbusters aufgewachsen, teilt Patrick das Schicksal vieler 1980er-Jahrgänge. Die viereckigen Augen wird er nicht mehr los. Stünde aufgrund seines ausgeprägten Sammlertriebes ohne Steam & Stream vor dem finanziellen Ruin. Hätte gerne einen purpurnen Tentakel als Haustier. Patrick arbeitet bei einem großen Medienunternehmen und geht auf journalistenfilme.de immer öfter den Medien-Nomaden fremd.

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