Early Access – Bounty Train

Bounty Train lockt mit einer interessanten Genremixtur. Steini frohlockt! Eisenbahn, Indianer, Cowboys und Vieles mehr gibt es in dem Early Access Titel zu sehen. Lohnt sich die Fahrt jetzt schon?

Der Early Access-Titel aus dem Hause Corbie Games führt noch etwas in die Irre. Im Wilden Westen ist es weniger die Jagd auf Verbrecher die uns antreibt, sondern eher die Fertigstellung der großen Eisenbahnstrecke von dem Osten der USA an die Westküste.

Wer sind wir? Warum tun wir das?

Die Handlung ist schnell erzählt: Wir erben die Anteile an einer Eisenbahngesellschaft von unserem verstorbenen Vater. Seine Vision war eine, für alle erschwingliche und wirtschaftlich tragbare, Eisenbahnverbindung von der Ost- an die Westküste der USA. Doch der Notar eröffnet uns, dass Vaters alter Geschäftspartner einen anderen Plan verfolgt. Der garstige Cornelius Tilberdnar will möglichst viel Geld verdienen und eine längere Strecke bauen. Diese Strecke soll zu allem Überfluss noch durch Indianer-Territorium führen. Tilbednar und seinen Plan können wir nicht gewähren lassen! Um den Vorstand aber umzustimmen und den Plan zu torpedieren, brauchen wir die Unterstützung unserer Familie, die ebenfalls Anteile geerbt hat und stimmberechtigt ist.

Bounty Train I

Tilberdnars Attitüde ist Hass; wir bekämpfen sie mit rüder Sprache!

Zugegeben; die Handlung von Bounty Train ist etwas unausgegoren. Warum wir uns daran machen unseren innerbetrieblichen Wiedersacher das Handwerk zu legen (Durch Majoritäts-Votum im Aufsichtsrat, versteht sich!), kann man ja noch verstehen. Aber was ist unsere Motivation? Immerhin lässt Bounty Train uns die Wahl: Das unternehmerische Erbe unsere Vaters antreten, oder sich auszahlen lassen. Herz- und Ideallose Kapitalisten wählen das Letztere und wundern sich über einen Abspann nach knapp 15 Minuten Spielzeit(!). Wer sich auf das moralische Edutainment einlässt, stellt sich dennoch die Fragen: Was genau treibt uns an? Wieso bestraft mich das Spiel, wenn ich das Geld nehme? Den Cash wollte ich doch eigentlich handwerklich einwandfrei versaufen! Und: Warum liegt hier eigentlich Stroh rum? Warum haben wir einen Privatzug?

Meine Dampflok, meine Kohle, …

Man weiß es nicht. Zugegeben: Inhaltliche Plausibilität ist nicht eine von Bounty Trains Stärken. Die Verwunderung schlucken wir herunter, entscheiden uns natürlich für die Vervollständigung von Vaters Vision und erhalten den Auftrag binnen anderthalb Jahren unsere Familie in New York zu versammeln. Die Sippe ist aber über die ganze Ostküste der USA verstreut und will natürlich chauffiert werden.

Bounty Train V

Ein Kartenausschnitt der bereisbaren Städte.

Wir besteigen unseren Privatzug und fahren von Stadt zu Stadt. Die Städte dienen als Knotenpunkte für Missionen, Handel und der Auf- und Ausrüstung unseres Zuges. Hier gewinnt das Spiel an Appeal. Unseren Zug können wir nach Herzenslust mit Rollmaterial und Lokomotiven zusammenstellen. Das Geld dafür verdienen wir durch Aufträge in den Städten. In Detroit will Barnabas nach Buffalo gebracht werden (Fun Fact: Barnabas ist bereit uns dafür $251 (1862) zu bezahlen; die knapp 410 Kilometer lange Fahrt ist ihm damit infaltions-justiert beinahe $6.000 (2015) wert), um den Trip für uns lukrativer zu gestalten, nehmen wir noch einen Frachtauftrag an. Das so akkumulierte Geld will nicht nur in bessere Loks oder geräumigere Waggons investiert werden: In den Städten lässt sich auch Personal anheuern – welches auch dringend benötigt wird.

Railroad Tycoon+Pirates!+The Sims+Baldurs Gate

Die arbeitswilligen Männer und Frauen fahren den Zug und – was noch wichtiger ist – verteidigen ihn. Denn während der zahlreichen Trips wird die Karawane auf Schienen oft überfallen. Die Übeltäter sind anfangs nur Indianer und Banditen. Später gesellen sich – je nach Spielentscheidung – Unionstruppen oder Konföderierte zu den Widersachern. Damit wir wehrhaft bleiben, bestücken wir den Zug mit Gatling-Kanonen und gepanzerten Waggons. Unsere Angestellten sammeln in den Kämpfen Erfahrung, die wir in Fähigkeiten wie beispielsweise gezielte Gewehrschüsse, aber auch bessere Charakterattribute, investieren können.

Bounty Train III

Pimp my Train!

Während der Überfälle steuern wir nicht nur unsere treuen Mitarbeiter, sondern auch unser Stahlross. Das je nach Fahrweise und Zusammenstellung Schaden nimmt. Manchmal ist man gezwungen einen Waggon voller Waren abzukoppeln und zurückzulassen, um heil aus einem Hinterhalt zu entkommen. Während den Schießereien weisen wir Ziele zu und postieren unsere Zugbegleiter taktisch sinnvoll. Wenn einer der Waggons Feuer fängt, müssen wir einem Teammitglied einen Kübel Wasser in die Hand drücken. Die Strolch-Abwehr macht sehr viel Spaß, wird jedoch leider repetitiv. Mit fortschreitender Spieldauer werden die Auseinandersetzungen kniffliger; jedoch nie unfair.

Bounty Train VI

DUI! Jacob hat mal wieder zu viel Schnaps genascht und ist zu schnell in die Kurve gefahren! Die Folgen seines sportlichen Fahrstils sind auch nicht mehr über eine Versicherung zu regulieren. Unser Zutun war natürlich nicht Schuld.

Gemessen an der seichten Story, besitzt das eigentliche Spielkonzept enormen Tiefgang. Ein wirtschaftlicher Aspekt wird in Bounty Train mit Strategie- und Rollenspielanleihen unterfüttert. Und es funktioniert. Der Titel, der genretechnisch auf vielen Hochzeiten tanzt, fesselt mit seinem erfrischenden und frechen Genremix an den Bildschirm. So sehr, dass die ohnehin schon triviale Handlung nebensächlich wird.

Lincoln?! Du hier?

Garniert wird die motivierende Eisenbahnerei mit Spezialmissionen, die teilweise historische Relevanz haben. Ein gewisser Abraham Lincoln will sicher nach Washington gebracht werden. Auf einen bekannten Gesetzlosen ist ein lukratives Kopfgeld ausgesetzt. Nebeneinkünfte gibt es zu Hauf. Im Vorbeigehen erzählt das Spiel den Fortgang des Amerikanischen Bürgerkrieges. Bounty Train verspricht dabei spielerische Freiheit: Anstatt zu kämpfen, kann man auch durch Dialog und Handel mit den verschiedenen Gruppen interagieren. Ein Reputations-System macht das möglich.

Bei all der Faszination, wird der Spieler immer daran erinnert, dass man seine liebe Familie innerhalb der vorgegebenen Zeit in New York versammeln muss. Was der Begeisterung wieder einen Dämpfer verpasst. Unsere Schwester ist erkrankt und hat sich in die Obhut eines Schamanen begeben, erst wenn wir für ihn die Zutaten und ein Paar Stiefel(?!) organisieren, erklärt sich die Jüngste unsere Sippschaft dazu bereit für uns zu stimmen. Natürlich erst nachdem wir sie zum Vorstand gekarrt haben. Mit unseren drei Brüdern verhält es sich genau so. Eine Sprachausgabe hat Bounty Train nicht. Die Dialoge in Textform sind nicht zeitgemäß und vermitteln kein Bild von den Charakteren. Es scheint, dass alle Personen hilflos sind. Beispiel: Einer unserer Brüder ist Sheriff in Chicago, um seine Gunst zu gewinnen, sollen wir einen bekannten Banditen ausschalten. Warum kann er das nicht alleine? Er ist hier der Ordnungshüter! Warum geht unsere Schwester nicht zu einem richtigen Arzt?

Bounty Train IV

Strukturschwacher Wilder Westen! Aufrgund eines unbeschrankten Bahnübergangs hat der Privatzug einen Planwagen gerammt. Wer hat Schuld? Unsere freundlichen Mitropa-Zugbegleiter klären die Kompensationsforderungen mit den aufgebrachten Planwagenhaltern unter Waffeneinsatz.

Natürlich! Um die Story voran zu bringen, müssen wir diese Aufgaben erledigen. Aber es geht doch auch anders, handwerklich besser konzeptualisiert. Anstatt dessen versteht sich der Spieler als gesetzeswahrender, diplomatisch-versierter Teilzeit-Händler mit Universitätsabschlüssen in Nahverkehrssystem-Management, Guerillataktik und Schimpfwörtergebrauch (Manche Antwortmöglichkeiten in den Dialogen sind FSK 16 und unpassend komisch). Man muss erstmal internalisieren, dass man die einzig fähige Figur in dem Spiel ist.

Ticket lösen?

Ich beantworte diese Frage nicht direkt, sondern mit einer Geschichte aus dem Spiel: Ich hasse Deadlines und Zeitdruck. Deshalb dachte ich mir: Sippschaft einsammeln; Ost-West-Verbindung bauen; Bounty Train genießen. Ich wollte mehr von dem Binnenspiel sehen, was mich so richtig überzeugt und begeistert hat. Meinen Zug an die Westküste (Anfänglich kann man nur die Ostküste bereisen) steuern, neue Loks, all die schönen Sachen… . Gesagt getan! Nach gut sechs Stunden Spielzeit hatte ich meine unfähigen Geschwister zum Aufsichtsrat gezerrt. Spiel vorbei.

Ungläubig ließ ich den Credit-Roll gewähren, doch beim Erblicken des Hauptmenüs wurde es traurige Gewissheit: Das Spiel war wirklich vorbei. In einem Anfall kindlicher Enttäuschung stammelte ich: „Aber die Westküste… .“ Wenige Spiele lassen mich sprachlos zurück. Bounty Train hat das geschafft, eben weil es von der Anlage kein schlechtes Spiel ist. Der Mittelteil der Zug-Simulation ist genial. Ich würde sogar so weit gehen und den Entwicklern raten, die seltsame und lebensferne Story wegzulassen und einen reinen Sandbox-Modus zu schreiben. Mit diesem Gedanken bin ich nicht alleine. Vielleicht kriegt der Early Access Titel hier noch eine andere Entwicklungsrichtung anheim gestellt – die Hoffnung bleibt.

Bounty Train II

Viel Schatten; wenig Licht. Die Frühform von Bounty Train überzeugt nur in wenigen Punkten.

Man fragt sich: Was macht Bounty Train gut? Das Spielkonzept! Das macht wirklich schon sehr viel Laune. Nahezu alles andere ist noch problematisch. Und das ist ärgerlich, weil der Genremix wirklich motiviert, Spaß macht und überrascht. Wirklich Alles andere ist zur Zeit eher im defizitären Bereich. Die Musik ist einfältig und repetitiv. Die grafische Präsentation gleicht einem Browserspiel. Eigene Speicherstände darf man nicht anlegen. Im derzeitigen Entwicklungsstand hat Bounty Train viel Potenzial, welches es nur auf Sparflamme verbrennt. Ein Sandbox-Modus ist erstmal nicht geplant. Das Spiel des Entwicklers Corbie Games ist in der aktuellen Iteration eher wie ein zeitlich eng strukturiertes Brettspiel. Dennoch ist der Dialog zwischen Entwicklern und Spielern hier sehr gut. Die Autoren antworten auf Fragen umgehend und lassen nach eigenen Angaben Spielerideen in den Entwicklungsprozess einfließen.

Viel ist noch geplant: Die Spielwelt soll expandiert werden, mehr Möglichkeiten und mehr Abwechslung. Dennoch bittet der Early Access Titel Interessierte mit 25 Euro (via Steam) zur Kasse. Das ist, gemessen am derzeitigen Entwicklungsstand, Umfang und geplanten Features, ein sehr hoher Preis für ein Produkt, welches man nur wegen seines stiefmütterlich behandelten Spielkonzepts empfehlen kann. Dennoch muss ich nochmal betonen. Wer sich bei Priates! und ähnlichen Titeln gut aufgehoben gefühlt hat, sollte Bounty Train beobachten und vielleicht sogar jetzt schon kaufen. Ja, so gut ist das Spielkonzept.

Nachtrag 25. September 2015: Corbie Games hat heute für Bounty Train ein Update, samt experimentellen Sandbox Modus, veröffentlicht. Ein überaschender Schritt des Entwicklers, der zu dem Thema eigentlich klar Position bezogen hatte und stets verlauten ließ, man wolle sich vorrangig um den weiteren Ausbau der Handlung kümmern.

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Testsystem: OS Win 8.1 / CPU i7-4770K@3,5GHz / 16 Gb RAM / nVidia GeForce GTX 770

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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