Qualitätsserien VIII: Deutschland 83

Viel Hype und nichts dahinter? Mit Deutschland 83 haben RTL und die UFA eine hochwertige Serie aus der Taufe gehoben, die mit hohen Erwartungen angetreten ist. Aber irgendwie verebbt die Spionage-Hatz im Äther. Woran liegt das?

Donnerstag, 26. November 2015, Viertel nach Acht. Serienliebhaber sollen nicht auf ARD, ZDF, Vox oder Arte schalten. Sollen ihrer Breitbandinternetverbindung eine Ruhepause gönnen und die Angebote der VoD-Dienste – wenn auch nur kurzzeitig – ignorieren. Auch Sky soll die kalte Schulter erfahren. RTL will Aufmerksamkeit! Deutschland 83 läuft seit drei Wochen – ein Zwischenfazit.

DSDS, IbeS und Deutschland 83?!

Seit drei Wochen flimmert Deutschland 83 über die Mattscheiben. RTL hatte im Vorfeld das neue Produkt auf dem eigenen Sender engmaschig beworben und fast schon penetrant ge-plugt. Die Medien generierten Buzz. Die Kölner gestanden der acht-teiligen Serie sogar den Premium-Spot in der Programmplanung zu. Der kolportierte Siegeszug  ist aber nicht eingetreten. Vielleicht liegt das daran, dass RTL nicht das wirklich gute Original-Intro verwendet:

Wohl eher nicht. Aber wie DWDL vermeldete, erzielte die UFA-Produktion zum Auftakt solide Einschaltquoten; mehr nicht. Dass gerade die Kölner – die in der Regel bundesdeutsche Haushalte mit medialem Rauschen versorgen – eine solche Serie ordern, ist einleuchtend und verwunderlich zugleich: Denn RTL geht es nicht gut. Nemesis ProSieben hat in der Regel mehr Erfolg und etablierte RTL-Formate verlieren stetig an Reichweite. Deutschland 83  verlor in der zweiten Woche über eine Millionen Zuschauer, Tendenz fallend… .

RTL – Wahrer der Qualität?!

Wenn man darüber nachdenkt, hat RTL in dem letzten Jahrzehnt einige gute Formate auf den Bildschirm gebracht: Exportschlager Cobra 11 geht auf dem internationalen Verwertungsmarkt immer noch weg wie warme Semmeln. Balko, Abschnitt 40 und Konsorten sind mir eigentlich auch in guter Erinnerung geblieben.

Aber eine Qualitätsserie? Mit der Senderstruktur und diesem Konzept? Der Schritt verlangt Mut. Man kann den Kölnern hier nur applaudieren. Über die Entscheidung gleich zwei Folgen Deutschland 83 pro Sendetag auszustrahlen, kann man streiten. Dass Imka Bause und der un-kaputtbare Nachrichtenritter Kloeppel im Nachgang den Zuschauer in den zeithistorischen Kontext lotsen sollen, mag ebenfalls so Manchem übel aufstoßen. Aber unter dem Strich ist die Verbreitungsstrategie stimmig. Dass man in den sozialen Medien nicht geschickt agiert, ist hingegen ärgerlich.

Deutschland 83 spielt in Deutschland im Jahr 1983!

Die Serie ist an sich grundsolide. Die Themen reizen mich: Der kalte Krieg aus der innerdeutschen Perspektive. Der drohende nukleare Armageddon mit einem europäischen Epizentrum. Das zweigeteilte Deutschland als Spielball der Supermächte. Pershing, 1980er, Walkman, Casio… . Die Eheleute Anna und Jörg Winger, welche das Skript zu Deutschland 83 geschrieben haben, bedienen Sujets, die für mich einen inhärenten „Failsafe“ haben.

Deutschland 83 Artikel VII

Martin Rauch (a.k.a. Moritz Stamm oder einfach nur Kolibri) muss schnell lernen, dass man sich in der BRD nicht um die Entrichtung des Rundfunkbeitrages drücken kann. (Photo: UFA, RTL)

Der junge DDR-Grenzsoldat Martin Rauch (Jonas Nay) wird vom MfS als Spion rekrutiert. Er wird als „Kundschafter des Friedens“ in die oberste Führungsetage der Bundeswehr eingeschleust und soll herausfinden, was westlich der Berliner Mauer geplant ist. Wird der Kalte Krieg nochmal heiß? Rauch nimmt die Identität Moritz Stamms an. Der richtige Stamm erreicht seine neue Dienststelle als Ordonanzoffizier bei General Edel nicht. Das MfS schickt Rauch mit Stamms Identität zum  kapitalistischen Nachbarn. Der junge Protagonist lässt seine Freundin und seine kranke Mutter, mit deren Leiden er erpresst wird, im Osten zurück. Nach einem kurzen Spionage-Crashkurs findet sich der falsche Stamm im Mittelpunkt des Spannungsfeldes Ost/West wieder: Präventivschlag, Bruderkrieg, Reagan, Andropov… . Aber auch an der Heimatfront brennt der Baum; Interessanter Stoff!

Deutschland 83 Artikel III

„Classic Lighting, Baby.“ Die Szene am Ende der zweiten Episode „Brave Guy“ war zu dick aufgetragen und unangenehm lang. (Photo: UFA, RTL)

Der Cast weiß ebenfalls zu überzeugen. Allen voran Nay, der in der Regel einen guten Job macht, die innerlichen und äußerlichen Zerwürfnisse, die ihm der Plot vor die Füße wirft, zu bündeln. Die Nebencharaktere sind gut besetzt und das Drehbuch schmeichelt der Handlung. Die Kameraarbeit gefällt mir sehr gut. Ein paar Unstimmigkeiten gibt es aber doch: Beispielsweise der Closing Cut der zweiten Episode ist etwas überbordend gelungen und reiht sich nicht in die eigentliche Linie ein. Manch ein Charakter bleibt zu eindimensional.

Ü30 Musik! Tanzt!

Die Unzulänglichkeiten, die sich mit kleinen, kaum wahrnehmbaren, genialen Momenten vermischen, gleichen sich aus. Wo Deutschland 83 definitiv punkten kann:  in seiner Dramaturgie, im Schnitt und natürlich mit der Musik. Auch hier: Anstatt viel zu experimentieren, wurde auf klassiche Produktionswerte zurückgegriffen. Die Darstellung der 1980er Jahre gelingt herrlich unaufgeregt und organisch. Die Musik (hier die Spotify Playlist) stützt das. Es ist beinahe schon befremdlich, wenn man zum Outro der ersten Folge „Quantum Jump“ „Blue Monday“ hören kann. So etwas ist man nicht gewohnt; überzeugt aber sehr schnell.

Deutschland 83 Artikel VI

BRD-„Tourist“ Martin Rauch erlebt klare bildliche Tonalität; wir auch. (Photo: UFA, RTL)

Deutschland 83 Artikel II

Kleine aber feine Dinge: Martin Rauch im Gespräch mit dem MfS, das ihn rekrutieren will. Die Einstellung bietet mit dem vordergründigen Gitter eine graphische Realtion. Es darf interpretiert werden; oder auch nicht. (Photo: UFA, RTL)

Grundsätzlich versucht Deutschland 83 in den ersten Folgen auf das typische Ossi/Wessi-„Shit-Bingo“ zu verzichten. Die Unterschiede sind präsent, aber nicht auf eine Empore gestellt. Als Nays Charakter auf der Flucht befindlich durch einen westlichen Konsumtempel rennt, hält er kurz vor den gefüllten Regalen inne. Die Kommentarfunktion des Gezeigten ist dabei subtil. Osten und Westen erhalten die gleiche Behandlung. Wenn sich die Serie äußert, gelingt es ihr den Unterschied der DDR und der BRD charmant und pointiert herauszustellen.

Die 1980er für Alle!

Deutschland 83 hat in den ersten vier Episoden gute Arbeit geleistet, Handlung und Exposition zu verbinden. Immer wenn die Charaktere ihre Wahlscheiben-Telefone oder die alten IBMs bedienen, steht nicht die alte Technik im Vordergrund sondern der Plot. Hipster frohlocken: Nays Charakter wird vom MfS mit einer Kapitalisten-Uniform ausgerüstet, wofür der konsumkritische Großstadtbewohner heute morden würde. Aber die stylische Casio (mit Taschenrechner) und das Puma Throwback-Ensemble sind zu keiner Zeit Fokalpunkt des Betrachters.

Deutschland 83 Artikel IV

Auch in zivil macht General Edel (Ulrich Noethen) eine gute Figur. (Photo (UFA, RTL)

Das ist stark gemacht und die Throwback-Kultur ist ein gutes Stichwort: Wenn ich eine Serie in einer so spezifischen Handlung ansiedele, ist es eine bewusste Entscheidung. Naturgemäß ist der Appeal für Zeitzeugen größer  als für jüngere Semester. Deutschland 83 erkennt das. Es gibt eine (noch) etwas blasse Liebesgeschichte (beinahe schon ein dreifaches Dreieck), für Leute, die es mögen. Zu guter Letzt generiert Deutschland 83 viel Spannung. Die schlägt sich bis jetzt weniger in globalen Plot-Twists nieder als in kleinen – aber handwerklich gut inszenierten – Schüben.

Aber Wenige schalten ein…

Deutschland 83 will, trotz hoher Spezifität, viele Zuschauer gewinnen und leistet hier gute Arbeit. Die Produktion umschiffte bis jetzt viele kleine Unwetter. Die Charakterentwicklung ist noch etwas in der Schwebe. Aber aller Anfang ist schwer. Wenn Nays Charakter Tresore knackt oder nur knapp der Enttarnung entgeht, wenn er naiv durch die ihm fremde BRD schreitet, dann ist das gut gemacht und verdient eigentlich unsere Aufmerksamkeit.

Deutschland 83 Artikel V

Nutzer Kitsune hat der Serie seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt und moniert die wehrtechnische Beratung. Für mich ebenfalls ein NoGo! Bei der UFA hat wohl keiner gedient! Alle normalen Menschen freuen sich über das neue Produkt der Potsdamer.

Aber mit unserer Aufmerksamkeit gehen wir sparsam um. Die Serie scheint unter ihrem Besteller zu leiden. Wenige trauen RTL eine gute, hochwertige Produktion zu. Zu publik sind DSDS und IbeS. Der Programm-Slot am Donnerstag ist etwas problematisch (das „Vorwochende“ ist in der Regel stark umkämpft), wie auch die Entscheidung, Doppelfolgen auszustrahlen. Hat RTL kein Vertrauen in sein eigenes Produkt? Warum nicht der Mittwoch? Oder einfach mal den Montag um 20.15 Uhr? Den Mut eine solche Produktion zu bestellen hatten die Kölner; nun knicken sie bei der Ausstrahlung ein. Schade! Man hätte Deutschland 83 auch ruhig mehr traditionell bewerben können. Bis dato habe ich kein Plakat finden können, hierdurch verliert man potentielle Zuschauer.

UFA bezieht den Zuschauer mit ein

Dass wir mit Deutschland 83 kein deutsches True Detective präsentiert bekommen, liegt auf der Hand. Es ist auch nicht das TV-Ereignis des Jahres, welches versprochen wurde. „D83“ hat im Vorfeld schon eine recht hohe Fallhöhe zugeschrieben bekommen. Die Produktion zahnt an ein paar Stellen und kann mit ihren Artgenossen aus Übersee nicht voll mithalten. Und das, obwohl Deutschland 83 gerade in den USA sehr gut aufgenommen wurde. Nur in Deutschland nicht. Die Quote bleibt hinter den Erwartungen zurück. Produzent UFA Fiction begab sich in den sozialen Medien auf Ursachenforschung und erhielt bemerkenswerte Rückmeldungen.

Liebe Serienfans, es ist kein Geheimnis, dass uns Deutschland 83 besonders am Herzen liegt. Wir sind von der Serie ü…

Posted by UFA Fiction on Freitag, 4. Dezember 2015

 

Viele Probleme haben wir in unseren früheren Artikeln schon erkannt. Neben den Verdachten, die sich nun erhärten, geben die Kommentare unter dem Facebookposting der Potsdamer interessante Einblicke in die Seele deutscher Serienfreunde und ihre vermeintliche Aversion wider der Agentenhatz. Diese bezieht sich in erster Linie auf RTL.

Man liest über das Unverständnis des verzögerten Serienstarts in der BRD. US-Sender Sundance TV strahlte Deutschland 83 bereits im Sommer aus. Manch einer griff hier schon beim Streaming-Angebot der Amerikaner zu. Die Werbeunterbrechungen bringen viele Serienfreunde auf die Palme. Der UFA wird von einem Nutzer sogar empfohlen das Produkt ausschließlich an VoD-Dienste auszuhändigen(!). Auch RTLs Mediathek erhält (verdiente) Kritik. Die Binge-Affinität der Serienjunkies tritt in den Kommentaren zu Tage.

Streaming und Mut, RTL!

Es liest sich beinahe wie der Schwanengesang für das Free-TV: Jeder dritte Kommentar moniert das fehlende Online-Streaming; Viele warten auf die BluRay. RTLNOW ist in der Tat so arg durchsetzt mit Werbepausen und gespickt mit unerklärlichen Abstürzen, dass die Serie auf der Onlinepräsenz der Kölner schlichtweg ungenießbar ist. Dass Deutschland 83 kostenpflichtig auf Amazon Prime und iTunes verfügbar ist, war vielen Nutzern gar nicht bewusst. Mangelnde Informationspolitik? RTLs Umgang mit den Neuen Medien erfährt hier viel Schelte.

Die Kommentatoren bemängeln darüberhinaus die Quotenfixation, stellen Deutschland 83 aber ein sehr gutes Arbeitszeugnis aus. Der lange Atem, über den ich schon im letzten Artikel geschrieben habe, wird gefordert. Deutschland 83 ist ein sehr gutes heimisches Produkt und ein toller Einstand in den Qualitätsserien-Markt – und das von RTL. Die Spionageserie ist gleich für vier Deutsche Fernsehpreise nominiert. Ich freue mich aufrichtig. Denn bei der UFA und RTL scheint die Quote bei den marktstrategischen Überlegungen einen nicht allzu hohen Stellenwert einzunehmen. Die zweite Staffel ist schon bestellt. Gott sei Dank.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: UFA, RTL

Deutschland 83 Slider

 

Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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