Geht’s noch? Drachenhatz in Discworld

Discworld-Artikel

Als Sir Terry Prachett im März letzten Jahres starb, war auch Tobi sehr betrübt und das, obwohl er kaum ein Buch von ihm gelesen hatte. Viel eher waren es die Discworld-Computerspiele, die ihn mit ins Scheibenweltuniversum nahmen. Wie wirken die Spiele heute auf ihn?

Die Idee zu diesem Artikel kam mir nach einem Gespräch über unsere ersten Point & Click-Adventure-Erfahrungen. Mit dem ersten Pentium-Rechner kamen auch die ersten grafisch besseren Spiele ins Haus, darunter die Discworld-Spiele. Jetzt habe ich es endlich mal geschafft, mich zumindest mit dem ersten Teil der Trilogie aus dem Hause Psygnosis zu beschäftigen. Immer mit der Frage im Hinterkopf: Geht’s noch?

Worum geht´s nochmal?

In Ankh-Morpork, der ältesten und größten Stadt der Scheibenwelt, jener Welt die auf den Rücken von sieben Elefanten, die wiederum auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte stehen, liegt, herrscht Chaos. Naja, vielleicht etwas mehr Chaos als sonst. Ein großer roter Drache bedroht die Ruhe der mal mehr, mal weniger friedlichen Bürgern. Das ist insbesondere deshalb ungewöhnlich, da Drachen eigentlich nicht existieren. Es sei denn, jemand glaubt an sie. Egal, jetzt wo der Drache schon einmal da ist, möchte sich die unsichtbare Universität, Sitz der besten und einiger der schlechtesten Zauberer der (Scheiben-)Welt, natürlich an der Drachenhatz beteiligen. Die vier Mahlzeiten, die so ein Zauberer nun mal am Tag braucht, müssen irgendwie bezahlt werden und da kann etwas Prestige auf keinen Fall schaden. Hier kommt der flapsige Rincewind ins Spiel in dessen Rolle man schlüpft. Er soll vorerst die nötigen Materialien für ein Drachenauffindungsgerät zusammensuchen, damit man überhaupt weiß, wo der feurige Lindwurm sich so herumtreibt. Dass es nicht bei dieser Aufgabe bleibt, sollte die Genre-Kenner wohl nicht überraschen. Ein geheimer Kult sehnt sich immer noch nach Macht.

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Ankh-Morpok bei Tag. Nicht zu verwechseln mit Ankh-Morpok bei Nacht.

Geht doch noch!

Auch wenn ich wenig von Terry Prachett gelesen habe, die von ihm erdachte Scheibenwelt ist genial. Das Computerspiel Discworld basiert auf dem Roman „Wachen, Wachen!“ und zeigt eindrucksvoll die Eigenheiten der Scheibenwelt – zumindest in den Augen von jemanden, der nur an der Oberfläche der Scheibenwelt-Welt gekratzt hat. Alles ist verdreht und spitzfindig. Jeder Dialog ist mit Zynismus, Sarkasmus und einer guten Portion schwarzen Humors gespickt, sodass man einfach Lust hat, durch das verquere Ankh-Morpork zu streifen. Die Grafik, obwohl von 1995 stammend, ist dank ScummVM immer noch ansehnlich und nostalgisch zugleich.  Es ist schön mit einem pixeligen Magier durch die scheibige Welt zu ziehen. Es gibt zahlreiche Orte zu erkundigen und mit seinen vier Akten und zig Rätseln ist das Spiel auch angenehm umfangreich. Scheibenwelt-Neulingen wie mir wird ein Erzähler an die Hand gegeben, der die Begebenheiten in Ankh-Morpok anschaulich erklärt, sodass man sich nicht wundert, dass die Bibliothek der unsichtbaren Universität von einem Affen, pardon Orang-Utan, geleitet wird. Die Synchronisation ist super! Kein Wunder wird Rincewind im englischen Original doch von Monty Python Mitglied Eric Idle gesprochen. In der deutschen Version lieh Arne Elsholtz (Tom Hanks, Bill Murray) dem Zauberer seine Stimme. Visuell, klanglich und meist auch spielerisch ist Discworld also ein Genuss.

Geht nicht mehr!

Mein erster Kritikpunkt ist eigentlich nur halb so schlimm, er hat mich nur etwas verwundert. Einige Rätsel des Spiels sind sehr schwer, andere nur durch ausprobieren zu lösen. Das schien mich als jungen Menschen nicht sonderlich gestört zu haben. Heutzutage wo die Lösungen durch gutes Zuhören meist lösbar sind, verstört mich diese Tatsache doch etwas. Obwohl gutes Zuhören auch bei Discworld Pflicht ist. Manch wichtige Information bekommt man nämlich nur einmal im Spielgeschehen gesteckt. Trotzdem ist mir immer noch nicht klar, warum Pudding zur Krake in die Toilette gehört.

Andere Störfaktoren haben modernere Point & Click- Adventures mittlerweile gelöst. In Discworld gibt es noch kein schnelles Reisen durch Doppelklicks oder schnelles Wechseln zur Übersichtskarte. Ich meine, die Locations sind wirklich schön gezeichnet und ansehnlich, trotzdem nervt es nach einiger Zeit, lange Gänge entlang laufen zu müssen. Auch das Inventarsystem ist noch nicht ganz auf der Höhe. Jeden Gegenstand einzeln ablegen zu müssen, ist kein Vergnügen.

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Eine Truhe voller Sachen, die die Rätsel schwierig machen. – Die Truhe aus intelligentem Birnenbaumholz folgt Euch (fast) überall hin.

Geht´s noch?

Wenn man sich an den Alterserscheinungen des ersten Teils der Discworld-Reihe nicht stört und entweder gerne Kombinationen ausprobiert oder aber, die Nutzung einer Komplettlösung nicht scheut, wird einen mit Discworld ein umfangreiches, humorvolles und intelligentes Point & Click-Adventure an die Hand gegeben, dem man sein Alter zwar ansieht, das aber trotzdem einen recht hohen visuellen Charme besitzt. Ein weiterer von mir festgestellter Vorteil ist, dass, wenn man sich durch die Discworld-Spiele klickt, man unter Fankreisen zumindest kurze Zeit vortäuschen kann, man hätte Ahnung von der Scheibenwelt-Materie. Also, wer noch irgendwie an das alte Spiel herankommen sollte und Lust hat einen kleinen (wahrscheinlich winzigkleinen) Einblick in Terry Prachetts fantastische Welt zu erlangen sollte, hier einen Klick riskieren.

 

Discworld-Slider

Tobi

Tobi

Mit dem Game Boy startete Tobi seine Reise in die Videospielwelt. Mit dem Sterben der Dreamcast waren seine Konsolenträume jedoch vorbei. Heute nutzt er zum Zocken noch den PC, wenn er nicht gerade analog die Würfel fallen lässt oder liest. Auch in Sachen Musik und Film ist er kein Kostverächter.Tobi war lange als Online-Redakteur unterwegs.

Tobi@Medien-Nomaden.de
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