Ein Netzwerk für Nerds: Exotic Matters im Unperfekthaus

Behörden-Sci-Fi, Anime-Rap und Aetherangelegenheiten – geht’s noch nerdiger? Wohl kaum! Das Unperfekthaus, Treffpunkt für Kreative, Querdenker und Visionäre in Essen, ist um eine spannende Veranstaltung reicher. Patrick war bei der Premiere von der Nerd & Geek Night Exotic Matters.

Gedankenverloren scrolle ich mich durch meine Twitter-Timeline, da fällt mir ein Veranstaltungstipp ins Auge: Exotic Matters – die Nerd & Geek Night im Unperfekthaus. „Erlaubt ist alles aus Fiction und Populärkultur, Technik oder Wissenschaft bis hin zu Kultur- und Kreativwirtschaft oder Szenen und Subkulturen“, heißt es in der Ankündigung. Das ist der Speck, mit dem man Medien-Nomaden mit Herz für Nerdkram fängt. Außerdem ist der Dienstagabend noch frei. Wieso also nicht? Auf in die Essener City!

Als ich gerade rechtzeitig eintreffe, bin ich doch etwas überrascht. Meine Platzwahl gestaltet sich weniger frei als erwartet. Die Organisatoren haben Raum und Bestuhlung perfekt auf den Besucherandrang abgestimmt. Zu ihnen gehört Roland Weiniger. Der Leiter der Unperfektakademie ist dabei, das – recht offene – Konzept dieser Mini-Convention zu erklären: „Die Nerd & Geek Night soll ein Think Tank für Nerd-Kulturen sein. Eine Anlaufstelle für Wissensvermittlung, Entertainment und Netzwerken miteinander. Wer weiß? Vielleicht entsteht aus dieser Veranstaltung etwas Größeres.“

#Exotic Matters: Die #Nerd & #Geek – Nacht im # Unperfekthaus. #BB8 ist auch da! #uph

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Exotics Matters: Von Nerds & Geeks

Man mag über diese Ankündigung vielleicht schmunzeln. Auch wenn das Nerdtum – dank digitaler Hobbies, Retrowelle und Serien wie Big Bang Theory – zunehmend als sexy empfunden wird: Im deutschen Sprachraum schwingt in dem Begriff des „Nerds“ noch immer die Vorstellung vom sozial unbeholfenen Sonderling mit. In den USA ist Nerdism allerdings mehr als nur ein popkulturelles Phänomen. Spätestens mit dem Triumph of the Nerds wie Steve Jobs oder Bill Gates, die mit ihren Garagenerfindungen die Welt revolutionierten, steckt in der einst abfällig gemeinten Bezeichnung ein gehöriges Maß an Anerkennung. „Nerds und Geeks sind oftmals Pioniere bei der Erprobung neuer Technologien“, weiß auch Roland Weiniger.

Diesen Pioniergeist wird Exotic Matters noch heraufbeschwören müssen. Die Premiere steht ganz im Zeichen der Unterhaltung. Auch weil der erste Vortrag, der harte Fakten über die gedankliche Vorreiterrolle der Science-Fiction verspricht, spontan entfällt. Die erste Auflage der Nerd & Geek Night ist wie ihr Austragungsort – herrlich unperfekt. Von nebenan fallen Salsa-Rhythmen den Vortragenden in Wort.

Axel Kruse liest aus Glühsterne

Axel Kruse liest gegen die temperamentvolle Geräuschkulisse an. Der gebürtige Kettwiger wirkt nach außen wenig nerdig. Aber irgendwie ist er es doch. Ein Steuerberater, der die angestaubte Akkuratesse, für die sein Berufsstand steht, in seine Geschichten einfließen lässt. Behörden-Science-Fiction nennt der Autor das. „Angenommen, Außerirdische nehmen den Kontakt zu uns auf: Wie verständigen wir uns? Es heißt ja immer, Kunst sei universell. Wenn etwas aber universell ist, dann ist es das Prinzip der Steuer“, so Kruse. Also: Steuerberater an die Front.

In seiner Roman-Collage  „Glühsterne“  spielen Steuern eine untergeordnete Rolle. Und doch geht es in dieser Geschichte reichlich bürokratisch zu – sehr zur Freude des Publikums. Immer wieder müssen sich die Figuren der Borniertheit intergalaktischer Ämter stellen. Ein bisschen wie bei Douglas Adams, wenn auch weit weniger absurd. Kruse verarbeitet ernste Themen in seinen Büchern. Den Faschismus der Nationalsozialisten etwa. Oder die aktuelle Flüchtlingsdebatte. Die Leseprobe ist unterhaltsam wie spannend. Und demnächst vielleicht sogar preisgekrönt. Kruses Glühsterne sind für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert – Deutschlands wohl bekannteste Sci-Fi-Auszeichnung.

Amazons Alexa – the next big thing?

Als nächstes macht Reinhard Wiesemann den Inspector Gadget. Der Unperfekthaus-Gründer stellt sein neuestes Technikmitbringsel aus den USA vor – einen Amazon Echo Dot. Dahinter verbirgt sich ein Lautsprecher mit einer eingebauten Assistenz-KI, die auf den Namen Alexa hört. Mit kindlicher Begeisterung führt Wiesemann vor, was Alexa alles kann. Das Wetter vorhersagen beispielsweise. Informationen aus dem Internet abrufen. Auf Kommando Musik streamen. Und natürlich Waren aus dem Amazon-Sortiment bestellen.

Eindrücke von der EXOTIC MATTERS! im Unperfekthaus Essen.

Slået op af Exotic Matters13. april 2016

Auf mich wirkt das Ganze wie eine Siri 2.0. Wie eine Spielerei eben. Wobei ich zugeben muss, dass die Genauigkeit der Spracherkennung und die schnelle Ausführung der Befehle schon beeindruckend sind. Reinhard Wiesemann ist gedanklich schon einen Schritt weiter. Für ihn ist Alexa, die hierzulande noch nicht erhältlich ist, aber für einen Deutschlandstart „fit gemacht“ wird, „the next big thing“: „Ich kann mir gut vorstellen, dass Alexa mittelfristig zu einem vollwertigen Gesprächspartner wird und beispielsweise Lehrerfunktionen übernehmen kann.“ Was mich wiederum an die KI-Stimme Samatha aus Spike Jonzes Her denken lässt. Da ist sie also doch noch – die Science-Fiction, die zur Realität wird.

Anime-RAP und Denken ins UNBEKANNTE

Es folgt der wohl kurioseste Act des Abends. Zwei Jungs, der eine macht die Beatbox, der andere haut Rhymes voller Referenzen aus japanischen Zeichentrickserien raus. So klingt Anime-Rap. Ich fürchte schon, überhaupt nicht mitzukommen. Tsubasa und Mila Superstar sind mir dann doch noch ein Begriff. Auch weiß ich, was ein Super-Saiyajin ist. Zumindest in der Theorie.

Auf die Praxisebene entführt mich Katrin Sasse. Und das wortwörtlich. Ehe ich mich versehe, bin ich ein Freiwilliger, der einen Abfalleimer gen Decke stemmt – so wie Link in den Zelda-Spielen das Triforce. Fehlen nur die Chiptune-Fanfare. Dafür stelle ich eine steile These auf: „Das ist ein Wiener Würstchen“, behaupte ich. So, dass es alle hören können. Wie ich mich dabei fühle, will Katrin Sasse wissen. Ziemlich irritiert. Genau darum geht es der Trainerin: Gängige Denkmuster aufzubrechen, um Kreativität und neue Sichtweisen zu fördern. Dafür wird sie von unter anderem Unternehmen engagiert. Für uns gibt es einen Impulsvortrag als kleine Kostprobe frei Haus.

Aetherangelegenheiten mit Anja Bagus

Das Grande Finale gebührt der Frau mit dem auffälligen Outfit: Anja Bagus ist Steampunkerin durch und durch – und in der Szene für ihre Geschichten aus der Aetherwelt bekannt. Ganz ehrlich: Diese Form des Retro-Futurismus ist nicht so meins. Die Hingabe, mit der Anja Bagus von ihrem Hobby berichtet und ihre Art, wie sie ihre publizistische Ader auslebt, sind jedoch ansteckend. Getreu dem Motto: Nicht groß herumdoktern. Einfach mal machen. Seit 2013 hat sie neun Bücher geschrieben und in Eigenregie veröffentlicht. Was für ein Output. Das Publikum hängt an Lippen der positiv-verrückten Geschichtenerzählerin. Mit launigen Anekdoten aus dem Nähkästchen einer Selfmade-Autorin klingt der Abend aus.

Slået op af Exotic Matters13. april 2016

Es ist 23 Uhr, als wir allmählich aus dem Unperfekthaus gekehrt werden. Ich blicke zurück auf vier unterhaltsame und inspirierende Stunden. Ein gelungener Auftakt für Exotic Matters. Das sieht auch Roland Weiniger so. Eine gewisse Erleichterung ist ihm anzumerken. Der Organisator der Nerd & Geek Night ist frisch zugezogen und lernt die kreative Szene im Ruhrgebiet erst noch kennen. Daher erging es ihm wie die meisten Besucher an diesem Abend: Exotic Matters ist ein Sprung ins Ungewisse. Das macht den Reiz der Veranstaltung aus.

Exotic Matters: Das Nächste Mal am 10. Mai

Vielleicht erwächst aus der Essener Nerd & Geek Night ja tatsächlich etwas Größeres. Vielleicht erweist sie sich als Keimzelle eines Städte übergreifenden Nerd-Netzwerkes. So malt sich Roland Weiniger zumindest die Zukunft aus. Ob es so kommt? Die erste Auflage entspricht noch dessen, was der gemeine Deutsche unter dem Begriff „Nerd“ versteht. Die Mini-Convention ist sympathisch, aber irgendwie leicht obskur. Das Potenzial für mehr – einen nachhaltigen Transit zwischen Fiktion und Wissenschaft etwa – ist definitiv vorhanden: Exotic Matters bringt eine Menge Hirnschmalz und Kreativität zusammen.

Die nächste Nerd & Geek Night im Unperfekthaus (Friedrich-Ebert-Straße 18, 45127 Essen) findet am Dienstag, 10. Mai 2016, statt. Wer Exotic Matters mit einem Vortrag, einer Aufführung o.ä. bereichern möchte, der findet auf www.exotic-matters.com Kontaktmöglichkeiten und ein Anmeldeformular. Besucher zahlen 6,90 Euro für den Eintritt ins Unperfekthaus (inkl. Getränke-Flatrate) sowie einen Nerd-Obolus von 3 Euro.

Vielen Dank an Eva Ihnenfeldt für den Programmtipp!

Exotic Matters Big

Patrick

Patrick

Mit Gameboy und Ghostbusters aufgewachsen, teilt Patrick das Schicksal vieler 1980er-Jahrgänge. Die viereckigen Augen wird er nicht mehr los. Stünde aufgrund seines ausgeprägten Sammlertriebes ohne Steam & Stream vor dem finanziellen Ruin. Hätte gerne einen purpurnen Tentakel als Haustier. Patrick arbeitet bei einem großen Medienunternehmen und geht auf journalistenfilme.de immer öfter den Medien-Nomaden fremd.

Patrick@Medien-Nomaden.de
Patrick

2 thoughts on “Ein Netzwerk für Nerds: Exotic Matters im Unperfekthaus

  1. Himmel, ist das gut geschrieben – so lebendig und erfassend, ich bin total beeindruckt. Wünsche mir, dass wir mehr miteinander zu tun bekommen. Danke danke danke für Deinen „lichten kreativen Blick“

  2. Hey Eva,

    Vielen Dank! Die nächste gemeinsame Veranstaltung kommt ganz sicher. Dann quatschen wir etwas ausführlicher. Würde mich freuen!

    Beeste Grüße, Patrick

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