Geht’s noch? Rückkehr nach Black Mirror

Gehts noch? – das ist der Retro-Quicke der Medien-Nomaden. Spiele-Klassiker kurz und knackig durchgenommen. Sind die Fregatten von damals immer noch so geschmeidig? Wir geben die Antwort bei einer Kippe danach. Den Anfang macht das Adventure Black Mirror (2004).

Worum gehts nochmal?

Vergangenheitsbewältigung ist nicht Samuel Gordons Ding. Nach einer Tragödie flüchtet der Spross einer alten, britischen Adelsfamilie über den großen Teich. Die schrecklichen Ereignisse, die sich im Schloss Black Mirror abspielten? Über die Jahre verdrängt. Doch nun verlangt der Selbstmord seines Großvaters William einen Anstandsbesuch in der piefigen Heimat. Kaum angekommen, könnte die Abreise nicht früh genug kommen – wären da nicht Indizien, die gegen den Suizid des Großpapas sprechen. Die Provinz-Polizei scheint blind, also übernimmt Samuel Gordon Ermittlungen auf eigene Faust – und gerät in einen Strudel aus Gewalt, Mord und dunklen Familiengeheimnissen.

Geht doch noch!

2D-Adventures wie Black Mirror altern langsam, auch zehn Jahre nach Erscheinen in Deutschland – im Land des tschechischen Entwicklerstudios Future Games waberte der Familienfluch der Gordons bereits 2002 über die Monitore – kommt die Präsentation der Mystery-Story ganz schmuck daher. Stimmungsvolle gerenderte Schauplätze, atmosphärische Klangkulissen und die gute Vertonung (u.a. mit David Nathan, der Synchronstimme von Johnny Depp und Christian Bale) ziehen in den Bann, trotz der Schwächen im Storytelling. Verstärkt wird die Sogwirkung durch das Gameplay: Einsteiger feiern schnelle Erfolge, der Schwierigkeitsgrad zieht angenehm an, die Rätsel sind logisch, weniger um die Ecke gedacht, und – von ein, zwei Ausnahmen abgesehen – ohne Netz-Recherche zu bewältigen. Bis das Geheimnis von Black Mirror gelüftet ist, vergehen über 20 Stunden. Eine Länge, die heute nicht unbedingt üblich ist und mich mit der Zunge schnalzen ließe…

Geht gar nicht!

wäre da nicht die Spielmechanik, die das Erlebnis streckt wie ein fieser Backpulverbeimischer pures Heroin. Gegenstände auf Verdacht mitnehmen? Wer macht denn so was? Samuel Gordon schleppt nur das Nötigste im Innenfutter seiner abgewetzten Lederjacke mit. Aus Gründen der Rückengesundheit vielleicht verständlich, ganz klar jedoch zu Lasten des Spielspaßes. Vor allem in den späteren Kapiteln klicken wir uns durch die – eigentlich recht überschaubare – Anzahl von Schauplätzen, immer auf der Suche nach dem Dialogfetzen, der das nächste Ereignis triggert. Ein Geduldspiel, vor allem dank der hölzernen Animationen unserer Gesprächspartner. Eben noch das Holz spalten, den Humpen leeren oder den Kamin entstauben – so viel Zeit muss sein. In Slow Motion, versteht sich. Unseren Butler Bates erwischen wir, wie er drei Tage lang dieselbe Kartoffel penetriert. Zugegeben: Die Ignoranz seiner Mitmenschen hat sich Samuel Gordon selbst zuzuschreiben: Arrogant bis in die Haarspitzen, lässt Samuel Gordon permanent sein Adelsding aus der Hose hängen: Die Schlossknechtschaft hat tunlichst zu spuren, wenn der verlorene Sohn murrt. Und der Pöbel von Willow Creek, der sich aus versoffenen Landpomeranzen und würdelosen Versagern zusammensetzt, verdient ohnehin keinen Respekt. Samuel Gordon ist eine verzogene Arschgeige. Und das ist noch geschmeichelt.

Gehts noch?

Obwohl Protagonist Samuel keinen Sympathie-Wettbewerb gewinnt und die wilde Trigger-Suche vor allem im letzten Drittel der Geschichte anzieht, kann Black Mirror auch heute noch überzeugen. Die düstere Atmosphäre, die abwechslungsreichen Rätsel, und ja, auch die Story halten bei der Stange. Der finale Twist ist zwar schon von weitem zu erkennen, zumal sich Black Mirror keine sonderliche Mühe macht, den Spieler glaubhaft auf die falsche Fährte zu locken. Die Frage nach dem Wer? interessiert ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr, der Reiz liegt eher darin, zu verfolgen, wie Samuel Gordon der Lösung auf die Schliche kommt. Wenn sich die Ereignisse irgendwann überschlagen – und das tun sie auf mörderische Art und Weise – dann will man auch das große Finale miterleben.

Black Mirror hat seine Macken – die allerdings schon zur Veröffentlichung offenkundig waren. Von daher kann von einem Fäulnisprozess keine Rede sein. Wie gesagt: Adventures altern oft in Würde. Als Silberstreif, der am verdunkelten Point n Click-Horizont der Post-LucasArts-Ära vorbeizog, genießt Black Mirror – zumindest hierzulande – einen Klassikerstatus. Unbedingt nachholen muss man Black Mirror nicht. Als Adventure-Fan macht man aber sicher nichts verkehrt.

Die Rückkehr zur Rückkehr nach Black Mirror: Patrick spielt Black Mirror II!

Patrick

Patrick

Mit Gameboy und Ghostbusters aufgewachsen, teilt Patrick das Schicksal vieler 1980er-Jahrgänge. Die viereckigen Augen wird er nicht mehr los. Stünde aufgrund seines ausgeprägten Sammlertriebes ohne Steam & Stream vor dem finanziellen Ruin. Hätte gerne einen purpurnen Tentakel als Haustier. Patrick arbeitet bei einem großen Medienunternehmen und geht auf journalistenfilme.de immer öfter den Medien-Nomaden fremd.

Patrick@Medien-Nomaden.de
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