Geht’s noch? Vampire The Masquerade – Bloodlines

Geht‘s noch? – das ist der Retro-Quicke der Medien-Nomaden. Spiele-Klassiker kurz und knackig durchgenommen. Wobei: Vampires The Masquerade – Bloodlines (2004) ist ein Fesselspielchen, das einen nicht so schnell loslässt. Es sei denn, Ihr erwischt die verbuggte SM-Variante.

Worum geht’s nochmal?

Vom gefürchteten Pfähler zum Emo unter den klassischen Horrorgestalten: Die Popkultur hat es nicht gut mit den Vampiren gemeint. Irgendwo zwischen Klaus Kinskis weinerlicher Nosferatu-Imitation, Lestats Vorliebe für seichten Nu-Rock und Robert Pattinson ist dem Blutsauger die Bad Ass-Attitüde flöten gegangen. Wer nach ihr Ausschau hält, sieht sie hier und da aufschimmern: In Streifen wie 30 Days of Night oder Vampire Nation. Oder aber in Vampires The Masquerade – Bloodlines. Dort schlüpfen wir in die Rolle eines, nun ja, frisch geschlüpften Vampirs, der zwischen die Fronten eines schwelenden Clan-Konflikts gerät. Siehe da: Es geht auch ohne Jammern.

Geht’s noch?

Ganz klar: Es gibt wesentlich größere Rollenspiele. Im Vergleich zu einem The Elder Scrolls: Morrowind, das wohlgemerkt zwei Jahre zuvor erschien, ist die Welt in Bloodlines mit gerade mal vier begehbaren wie überschaubaren Stadtteilen ein Mikrokosmos. Allerdings ein unglaublich dichter.

Schon im Tutorial wird der Ton gesetzt: Statt uns an den weichen Hälsen liebreizender Jungfrauen zu laben, verköstigen wir uns an einem schäbigen California-Bum. Dass der Beiname „Stadt der Engel“ in Verbindung mit der Millionenmetropole Los Angeles ein Euphemismus ist, das lehrten uns bereits Filme wie L.A. Confidental oder Mulholland Drive. Troika Games setzen einen drauf. In Bloodlines ist das nächtliche L.A. ein verdorbenes Gomorrha.

Heimliche Fetische, dunkle Perversionen: In diesem Moloch hat jeder seine Leichen im Keller, und das meist sprichwörtlich, versteht sich. Da ist der Orthopädietechniker, der bei seiner Prothesenanfertigung auf Lebendmodelle schwört. Eine Produktionsfirma mit Vorliebe für täuschend echt wirkende Snuff-Filme. Ein mysteriöser Sarkophag, dessen Inhalt das Gleichgewicht der Welt durcheinander bringen kann – Abgründe, wohin man nur schaut.

Bloodlines steckt voller erinnerungswürdiger WTF-Momente. Viele Leidensgenossen stimmen mir bestimmt zu: Die frühe Begegnung im Spuk-Hotel gehört zu den unheimlichsten Missionen in der Geschichte der Rollenspiele. Damals sowieso. Aber auch bei der Rückkehr, über zehn Jahre nach dem Release, stellt sich ein wohliger Schauer ein. Keine Frage, die Welt von Bloodlines ist stimmig.

Selbiges gilt in weiten Teilen für das Gameplay: Obwohl der Schauplatz beengt ist, fühlt sich die Erkundung frei an. Keine geskriptete Gängelung – es mir selbst bleibt überlassen, welchem Geheimnis ich in Santa Monica, Downtown oder Hollywood auf den Grund gehe. Und auch in der Frage nach dem „Wie?“ bin ich frei. Setze ich meinen Bela Lugosi-Gedächtnisblick ein und treibe meine Widersacher in den latenten Wahnsinn? Oder gehe ich verschlagen vor; schleiche mich in das Gebäude, hacke Computer und bezirze den Wachmann?

Gewalt und Diplomatie sind bekanntlich zwei Seiten einer Medaille, und wie in vielen Rollenspielen nutzen sich die Lösungswege mit zunehmender Spieldauer etwas ab. Dennoch besitzt Bloodlines einen enormen Wiederspielwert – dank der sieben Vampir-Rassen, die sich in ihren Fähigkeiten deutlich voneinander unterscheiden: Brujah bevorzugen Backpfeifen als Allheilmittel, die entstellten Nosferatu meiden Schönheitskonkurrenzen und bewegen sich lieber im Schutz dunkler Gassen fort, die abgedrehten Malkavianer nehmen schon mal Unterhaltungselektronik ins Kreuzverhör. Zwar lassen sich Klassenunterschiede mit verdienten Erfahrungspunkten ausgleichen – Schlägertypen können zu geschickten Schleichern umerzogen werden, Hänflinge mit Köpfchen zu passablen Kämpfern – doch sind es vor allem die charakterlichen Feinheiten, die Lust auf einen weiteren Durchgang machen.

Geht gar nicht:

Das ganze Spiel in seiner Verkaufsversion. Die Entstehungsgeschichte von Vampire The Masquerade – Bloodlines ist eine voller Widrigkeiten. Die Kurzfassung: Troika Games baute auf die Source Engine, ein Framework, das neue Maßstäbe setzen sollte, das sich allerdings noch bei Valve in der Entwicklung befand. Valve arbeitete damals an Half-Life 2 und es versteht sich von selbst, dass die Source Engine ihr erstes Mal mit Gordon Freeman erleben sollte.

„Wer baut, der haut“, besagt eine alte Kiffer-Regel. Troika Games war damit in zweierlei Hinsicht abhängig von von Valve: zeitlich wie technisch. Es kam, wie es kommen musste: Bloodlines erschien im November 2004 völlig verbuggt auf dem Markt. Support? Fehlanzeige! Bereits im Dezember erfolgten die ersten Entlassungen.

Einem deutschen Chemiker ist es zu verdanken, dass Bloodlines heute doch noch geht. Nachdem ihm ein fehlerhafter Patch den Spielstand zerschossen hatte, nahm Werner Spahl den Code selbst in die Hand. Er beseitigte nicht nur Bugs und Glitches, er restaurierte auch Umgebungen und Features, die im Quelltext enthalten waren und davon zeugen, wie ambitioniert die Entwicklung tatsächlich war. Unter anderem gibt es Hinweise auf einen Multiplayer-Modus!

Mit dem aktuellen Patch 9.2 läuft die düstere Vampir-Revue inzwischen recht rund, dank der Skalierung auf 1920 x 1080 sieht die Chose auch auf dem Widescreen ganz ansehnlich aus. Trotzdem: Bloodlines ist und bleibt ein unvollkommenes Spiel. Die schwerfällige Action-Steuerung beispielsweise zwingt uns, Endgegner in Exploits zu drängen – gerade mit schwachen Charakteren geraten die Kloppereien zur Geduldsprobe.

Geht’s noch?

Trotz seiner Macken ist Vampires The Masquerade – Bloodlines unverwüstlich wie ein Untoter. Wer die Ausdauer besitzt, ihn mit Patches aufzupäppeln, der wird mit einem einzigartigen Spielerlebnis belohnt. Bloodlines muss sich vor modernen Rollenspielen wie Skyrim nicht verstecken, tatsächlich steckt es mit seiner atmosphärischen Spielwelt und dem gut umgesetzten Clan-Design seiner Pen & Paper-Vorlage so manchen heutigen Vertreter locker in die Holzkiste. Klare Nachholempfehlung!

Patrick

Patrick

Mit Gameboy und Ghostbusters aufgewachsen, teilt Patrick das Schicksal vieler 1980er-Jahrgänge. Die viereckigen Augen wird er nicht mehr los. Stünde aufgrund seines ausgeprägten Sammlertriebes ohne Steam & Stream vor dem finanziellen Ruin. Hätte gerne einen purpurnen Tentakel als Haustier. Patrick arbeitet bei einem großen Medienunternehmen und geht auf journalistenfilme.de immer öfter den Medien-Nomaden fremd.

Patrick@Medien-Nomaden.de
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