Grim Dawn: Ein Budget Diablo III?

Wer erinnert sich noch an das großartige Titan Quest? Steini! Mit dem spirituellen Nachfolger Grim Dawn muss er nun nicht mehr seine verzückten Tagebucheinträge lesen, sondern kann wieder sofort losschnetzeln. Kann der Early Access Titel was?

Als Iron Lore Entertainment 2008 bekannt gab, wirtschaftlich die Segel streichen zu müssen, war ich betroffen. Titan Quest, ein Hack und Slash-Titel aus dem Jahre 2006, sollte keinen Nachfolger mehr erhalten… . Bis jetzt!

Die Entwickler genießen einen Vertrauensvorschuss

Ein paar Entwickler der bankrotten Spieleschmiede Iron Lore Entertainment gründeten Crate Entertainment. Crate machte sich 2010 daran, einen neuen Titel zu kreieren. Das Spiel mit dem Titel Grim Dawn begann nach einer äußerst erfolgreichen Kickstarter-Kampagne 2012 seinen Entwicklungszyklus. Ein Jahr später folgte der Early Access.

Dieser Artikel erscheint nach der Veröffentlichung des 30. Build des Action Role Playing Game. Grim Dawn firmiert schon seit einigen Iterationen unter dem Label „Content Complete“. Ein Merkmal, was der Early Access Titel nur mit wenigen seiner Artgenossen teilt. Was erwartet den geneigten Käufern in dem ARPG?

Wer nach Cairn reisen will, der rüste sich

Das Land Cairn! Der Schauplatz, den Grim Dawn seinen Spielern vermittelt, ist ziemlich hinüber: Zwei außer-weltliche Mächte führen einen Krieg um die Phantasiewelt – die Menschheit ist Zaungast. Der Spieler tritt an, um in der Welt zu überleben und natürlich sich schlussendlich dem Bösen zu stellen. Sofort fällt die schöne Grafik in den Augenschein. So trostlos die Welt auch herüberkommt; mit der altgedienten Titan Quest-Engine, die generalüberholt wurde, muss sich die Monsterhatz vor Genrekönig Diablo III in keinster Weise verstecken.

Grim Dawn Artikel IV

Kumma, ey! Schöne Schuhe! Genretypisch gibt es Wagenladungen verschiedenster Ausrüstung

Ganz im Gegenteil! Grim Dawn sieht beim Heranzoomen deutlich besser aus als der Primus aus dem Hause Blizzard. Der Vergleich lohnt sich auch in weiteren Bereichen. Schon Titan Quest musste sich immer an der Diablo-Reihe messen lassen und kam in der Regel gut dabei weg. Der Early Access Titel schafft in Sachen Immersion Bemerkenswertes – für Willige.

Das A in ARPG steht halt nicht für Adventure…

Die Welt ist nicht nur schön gezeichnet, die Effekte und die branchenüblichen Ragdoll-Effekte sehen wirklich gut aus. Hinter der ganzen Präsentation wartet Grim Dawn mit ebenso gut austarierten Inhalten auf. Wer sich mit der Geschichte Cairns auseinandersetzten möchte, kann dies mit unzähligen Büchern tun, die man beim Durchstreifen der Spielwelt findet. Die Lore ist gut ausgearbeitet und stimmig. NPCs sind leider nicht vertont; man muss schon lesen, wenn man wissen will, was sich in der Welt tut.

Das ist in der Regel kein Problem. Das Angebot besteht; muss aber nicht wahrgenommen werden. Wer sich den Büchern widmet, freut sich über Bonus Erfahrungspunkte. Die Story kommt aber dennoch etwas blass daher. Denn obwohl die Welt an sich stimmig ist, ist die Handlung eher Beiwerk und geht in den Seen aus Blut etwas unter. Wer hätte das erwartet?

… sondern Action

Verschmerzbar! Denn Grim Dawns Grundmechanik ist über die meisten Zweifel erhaben. Zugegeben: Das Schnetzel-Spiel erfindet das Rad nicht neu. Zugrunde liegt hier ein uralter ARPG-Mechanismus, der damals von Diablo I perfektioniert wurde und seitdem wenig Weiterentwicklung gesehen hat. Charakter erstellen, Erfahrung durch Quests und Monster-Befriedung verdienen, daraus gewonnene Fertigkeitspunkte in den Charakter investieren, neue Ausrüstung sammeln; Wiederholen.

Grim Dawn Artikel II

Pures Disco-Vietnam! Die zünftige Knüppelei ähnelt oft Sylvester.

Diese antiquierte Mechanik ist es auch, die den Appeal des Spiels ausmacht. Spielerische Grundbedürfnisse stillt der Early Access Titel mühelos. Die Hatz nach neuen Gegenständen, die die Gegner auf brachiale Weise zurück zu ihren jeweiligen Dienstherren befördern, ist über lange Zeit motivierend. Grim Dawn bietet auch hier den Industriestandard: Set-Items, nach Seltenheit farblich-kodierte Waffen, die von der Grafik-Engine gut am Körper sitzend in Szene gebracht werden.

Virtuoses knüppeln! Auch ohne Gesellenbrief

Ebenfalls muss eigentlich nicht erwähnt werden, dass unser Charakter eine von sechs möglichen Klassen erlernen kann. Die Professionen haben ihre eigenen Fertigkeitsbäume und spielen sich stets unterschiedlich. Ab Level Zehn haben wir die Möglichkeit, eine zweite Profession zu erlernen. Das von der IHK nicht akkreditierte System lässt viele Personalisierungen zu. Die Kombinationsmöglichkeiten sind beinahe unerschöpflich. Waffen lassen sich mit zusätzlichen Attributen weiter individualisieren und wem das nicht genug ist, der kann zusätzliche Eigenschaften durch erwählte Sternenkonstellationen gewinnen. Das System ist recht komplex und verlangt eine gewisse Einarbeitungszeit.

Man merkt: Grim Dawn ist ein grundsolides, schnörkelloses Paket. Gute Grafik, gute Progression, gute Spielmechanik und eine gelungene Präsentation. Der Spiel-Flow wird durch die Abundanz der abwechslungsreichen Gegner nie gebrochen. Geschnetzelt wird am laufenden Band. Nur manchmal stellt sich Grim Dawn durch seltsames Balancing selber ein Bein.

Mal zu leicht, mal unerklärlich schwer

So tritt man einen fordernden, aber nie unfairen Kampf erwartend, einem der unzähligen Bosse (300+) entgegen. Zwei Sekunden später liegt man in seinen eigenen Säften. Sogenannte Damage-Spikes gibt es in Grim Dawn und die verwundern. Dennoch dürfen sich die Hinterbliebenen unseres Heroen nicht auf die Ausschüttung der hochdotierten Risikolebensversicherung freuen. Getreu´ dem Kindergarten-Axiom „Der schläft nur“ stehen wir wieder auf – bis auf dem Verlust von ein paar Erfahrungspunkten, schadlos.

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In den wenigen, von Menschen bewohnten, Außenposten lassen sich gute Geschafte machen.

Die rasante, atemlose Monsterhatz findet nach knapp 25 Stunden ihr jähes Ende und das bleibt in Präsentation und Payoff genauso blass wie die Handlung. Nach dem ersten Durchspielen dürfen wir unseren Protagonisten auf einem höheren Schwierigkeitsgrad durch die Verliese, Höhlen und offenen Areale Grim Dawns lenken. Weitere Schlachtzüge sind aber sehr fordernd, werden in der Regel jdeoch auch angemessen vergütet.

25 Stunden sind in Call of Duty zwar 29 Jahre, aber für ein ARPG etwas kurz. Der Content-Katalog des Spiels listet jedoch ein paar Merkmale auf, die Grim Dawns kurze Kampagne schmackhafter machen könnten. So ist die Story nicht linear und am Rande des Weges ist der Spieler zu (kleinen) Entscheidungen gezwungen, wer mag, darf Craften und sich über dynamische Wetterwechsel freuen. DLC Content in Form von neuen Klassen und Quests ist bereits angekündigt. Ein Manko: Die Spielwelt ist nicht zufallsgeneriert. Von der Abwechslung hat hier DIII die Nase vorn.

Grim Dawn ist nicht nur was für Liebhaber des Genres

Was bleibt? Grim Dawn ist wie ein VW Golf in der Basisausstattung mit einem dicken Endrohr. Das Spiel aus dem Hause Crate Entertainment macht slles, was man von ihm erwartet und wenig mehr, ist dabei jedoch immer komfortabel zu bedienen und lässt einen oft grinsen. Den Vergleich zu Diablo III braucht der Hack und Slash-Titel nicht zu scheuen. Es verhält sich eher umgekehrt. Wer Grim Dawn kauft, erhält für 25€ (via Steam) ein Early Access Spiel(!), das Blizzards Flaggschiff-Franchise in vielen Belangen den Schneid abkauft. Modding-Möglichkeiten gibt’s obendrauf. Gewiss: Ein kurzer Spaß, der aber zum mehrmaligen Durchspielen motivieren kann.

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Steini und seine Gang nehmen die Keller-Gang in Beugehaft.

Am besten macht man dies mit seinen Freunden. Im Coop-Modus gibt es ein paar Probleme, auf die hingewiesen sein soll: Der Netcode des Spiels scheint noch etwas fehlerhaft: Es kann zu CTDs kommen. Manchmal verschwindet auch ein Mitspieler vom eigenen Monitor, obwohl er noch da ist und kräftig mit schnetzelt. Verbindungsprobleme sind leider mit dem neuen Build zahlreicher geworden. Den PvP-Modus habe ich nicht getestet. Balancing ist, wie bei jedem ARPG, ein Langzeitproblem. Crate liefert in der Regel aber schnell Abhilfe.

Wer Diablo mag, Titan Quest sein Herz (und seinen Verstand) schenkte, kann hier für 25 € bedenkenlos zugreifen. Wer vor der kurzen Spielzeit etwas zurückschreckt und kein Freund von mehreren Durchläufen ist, wartet vielleicht auf den Steam-Sale (um Weihnachten herum war das Spiel für mehr als faire 15 € erhältlich). Man muss unterstreichen, dass Grim Dawn einer der komplettesten und problemlosesten Early Access Titel ist, die zurzeit erhältlich sind. Der Preis ist ein gutes Argument für den Kauf. Diablo III kann hier nicht mithalten und verliert auch in der Präsentation, wobei es bei der Wiederspielbarkeit eher punkten kann. Der offizielle Release soll diesen Februar erfolgen.

Stößt das Hack und Slash- Abenteuer das altgediente Diablo 3 vom Thron?

Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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