Guter Sale, schlechter Sale – oder die Undankbarkeit des Gamers

Der Steam Holiday Sale – das ist, als würden Weihnachten und Ostern auf den selben Tag fallen. Ausgerechnet zu Weihnachten. Zwei Wochen Rabatte und Rendite für Gamer. Doch irgendwie wollte 2014 keine richtige Festtagsstimmung aufkommen.

Steam Holiday Sale in meinen persönlichem Jahr 1 nach der Playstation 3. Sagenhafte Geschichten ranken sich um diesen Winterschlussverkauf. Geschichten von unschlagbaren Angeboten. Von Triple-A-Titeln zu Spottpreisen. Von Spielern, die ihren Spielevorrat für das kommende Kalenderjahr innerhalb weniger Minuten aufstocken. Meine Steam Wallet ist aufgeladen.

Am zweiten Januar der Kassensturz. Katerstimmung? Iwo, mein Kaufrausch hielt sich in Grenzen. An manchen Tagen langweilte mich das Sortiment geradezu. Entweder war kein Titel dabei, der mich gereizt hätte. Oder aber der Preis war nicht verlockend genug. In den Sozialen Medien zerreißt sich die Community das Maul. „This sale is a total bummer“, „66% CS:GO plz ;(“, „Crappiest sale in 5 years“. Doch: War der Steam Holiday Sale 2014 tatsächlich so ein Reinfall? Werfen wir einen Blick auf meine Ausbeute:

Papers, Please

„Wie, Arbeitserlaubnis vergessen? Kann ja jeder behaupten! Abführen!“ Die Grenzer-Sim weckt die Willkür in mir. Wie ein Uhrwerk prüfe ich die Dokumente. Das Pensum muss stimmen – denn im Hinterkopf spukt mein virtueller Sohnemann herum. Mit seinen kleinen, vom ständigen Weinen geröteten Augen blickt er mich fragend an, sein kleiner Körper ist ausgemergelt. „Papa, muss ich heute wieder ohne Essen ins Bett? Papa, wo ist meine Medizin? Papa, warum wacht Mama nicht mehr auf?“ Wer soll da noch vernünftig arbeiten? Und als ob die Plackerei in der Tretmühle nicht genug Kummer bescheren würde, trachten feige Terroristenärsche nach der Destabilisierung der stolzen Republik Arstrotzka.

Nein, das Scannen von Ausweisen macht nicht wirklich Spaß. Dennoch birgt die Stempelorgie Suchtpotenzial. Vielleicht liegt es an meiner deutschen Gründlichkeit (#hüstel). Unter dem Druck, möglichst viele Grenzgänger abzufertigen, schwindet die Menschlichkeit, Einzelschicksale stehen sprichwörtlich hinten an. Von der Einreiseverweigerung zur Festnahme zum Schießbefehl ist es nicht weit. Papers, Please tritt zwar nicht den Beweis an, dass jedem Menschen ein Despot innewohnt – dafür ist es zu sehr Spiel, in dem Fehler (=schlampige Passkontrollen) immer noch mit Minuspunkten bestraft werden. Dennoch: Papers, Please ist eine außergewöhnliche Spielerfahrung. Für schlappe 2,24 Euro erst recht.

Gods will be watching

Noch so ein Charaktertest in trostloser Pixelumgebung. Gods Will Be Watching, eine Mischung aus Sci-Fi-Adventure und Rundenstrategie, konfrontiert uns mit mörderischen Extremsituationen. Bereits der Auftakt ist undankbar. Als Mitglied einer Rebellenvereinigung sind wir in eine Geiselnahme geraten. Wir bewachen unser nervös wippendes Faustpfand , während der Hacker vom Dienst beschäftigt ist, sensible Daten mit einer Übertragungsrate von 56 kbit/s auf das Gehirn des Anführer herunterzuladen. Draußen scharrt die futuristische Kavallerie mit dem Granatwerfer. Was tun? Mit dem Einsatzkommando verhandeln oder das Feuer eröffnen? Die Netzstabilität sichern oder den Hackvorgang beschleunigen? Die Geiseln beruhigen oder ihnen die Flötentöne beibringen? Entscheidungen über Entscheidungen.

Mit der Ausweglosigkeit ist es bei God Will Be Watching echt nicht weit her. Egal, wie man es macht, man macht es falsch. Spekulieren wir auf ein Stockholm-Syndrom, nutzen die Geiseln womöglich unsere „Gutmütigkeit“ aus. Befürworten wir stattdessen von Präventiv-Ohrlaschen und Spontan-Exekutionen, gerät die Bagage garantiert in Panik. Entscheidungen werden wohl überlegt – und trotzdem ist das Scheitern vorprogrammiert. Das führt zu Frust. Frust führt zu Fehlern. Und dazu, dass man sich darüber freut, wenn drei von vier Geiseln für immer die Klappe halten. Einen Schutzbefohlenen zu beaufsichtigen nämlicher wesentlich stressfreier…Gods Will Be Watching ist pervers mit Ansage. Gefällt mir, vor allem für die 2,49 Euro, die es gekostet hat.

To The Moon

Mein Hang zur spielerischen Selbstgeißelung geht noch weiter. Reflexionen über Moral und Anti-Moral sind ein Teil dieses Fetischs. Rundum befriedigt bin ich aber erst, wenn mir ein Spiel darüber hinaus die Tränen in die Augen treibt. The Walking Dead – Season 2 konnte beides, Valiant Hearts ebenfalls, wenn auch mit Abstrichen. Beide Titel haben mich süchtig gemacht – nach virtuellen Schlägen in die Magengrube und ausgelaugten Tränendrüsen. Spielerisch ist für 1,59 Euro zwar (noch) weniger zu erwarten, aber die Emo-Peitsche sollte „To The Moon“ auf jeden Fall schwingen. Ansonsten bin ich auf Entzug, fürchte ich…

Brothers: A Tale Of Two Sons

..aber vielleicht ist Brothers ja mein Methadon. Ehrlich gesagt: Allzu viel weiß ich über diesen Titel nicht. Außer, dass dieses Spiel mehr Erfahrung als ein Spiel sein soll – ich glaub‘, es ist so weit: Allein das Prädikat „Erfahrung“ reicht aus, um mich zu ködern. Verdammte Rattenfänger. Andererseits: Für die eine Mark neunundsiebzig kann es kein Schuss in den Ofen sein.

FTL – Faster Than Light:

Zeit, dass neue Sachlichkeit Einzug hält. Lichtjahre nach Erscheinen zünde auch ich endlich den FTL-Antrieb. Ersteindruck nach dem Tutorial: Fummelig wie eine Außenbordreparatur an der ISS. Prognose: Bis ich mit meiner Crew aufbreche, ziehen doch nochmal ein paar Sternzeiten ins All. Wann erscheint eigentlich The Walking Dead – Season 3? Zumindest tun die 2,34 Euro nicht weh.

Half-Life 2

Hello again, Mr. Freeman! Endlich treffen wir uns wieder!Aber für 2,99 Euro ist man ja geradezu genötigt, einem Wiedersehen zuzustimmen. Half Life 2 ist ein Titel, den ich während meiner PC-Abstinenz versäumt habe. Eine Nachholaktion ist von langer Hand geplant. Zumindest die Voraussetzungen sind geschaffen. Jetzt fehlt mir nur noch die Zeit für die Umsetzung.

Splinter Cell – Blacklist

Bis auf eine kurze Liaison auf der PS 2, die ich nach einer unbefriedigenden Fummelei mit der Steuerung abbrach, habe ich keinerlei Berührungspunkte mit Splinter Cell. Was mich dennoch in die unschlagbar günstigen Arme (4,99 Euro) von Sam Fisher trieb? Thommys Loblied auf die Serie in unserem Action-Adventure-Podcast. Und die Tatsache, dass wieder ich Bock auf ein Schleichspiel habe; die Erinnerung an Dishonered aber zu frisch ist, als dass ich schon wieder als Thief herumlungern möchte. Sei nicht traurig Garreth – der nächste Sale kommt bestimmt…

Bis dahin habe jedenfalls genügend Spielmaterial – für nicht mal 20 Euro. Genau genommen habe ich 18,43 Euro ausgegeben. Für insgesamt sieben Spiele. Macht in etwa 2,60 Euro pro Titel. Fünf davon schlummerten schon seit Wochen auf meiner Wunschliste. Aus der Distanz betrachtet ist das gar kein so schlechter Schnitt. Gut, der ganz große Knaller war nicht dabei. Aber hatte ich wirklich erwartet, dass aktuelle Titel wie Far Cry 4, Alien Isolation oder Shadows of Mordor für unter 10 Euro verjubelt werden? Nicht wirklich.

Woran liegt es dann, dass so viele Zocker diese Nase rümpften? Ich glaube, wir PC’ler sind ganz schön verwöhnt

  • von den ganzen HumbeIndieGalaStarsBundles: Risen 1 & 2, Saints Row, Dead Island, Metro 2033, The Darkness II, FEZ, Hearts of Iron III sind einige Top-Titel, die ich – neben einer ganzen Reihe von Indie-Perlen und einer Menge Füllmaterial – für wenige Dollar, zum Teil für Cent-Beträge erworben habe. Da kommen einem 5 Euro schon fast wie ein Großinvestment vor.
  • von Steam selbst: Deal of the Day, Midweek Sales, Weekend Sales, Promo-Weekend, Sale of the Sale und was es nicht alles gibt. Wer braucht da noch einen Winterschlussverkauf?
  • von unserer Bibliothek: Die zwangsläufige Folge unserer Schnäppchenjagd – eine Spielesammlung in dreistelliger Höhe. Viele Titel, die im Steam Holiday Sale angeboten wurden und mich interessiert hätten, besitze ich bereits. Tomb Raider, Bioshock, Dishonored – alles im Laufe des Jahres günstig geschossen, durchgespielt und für gut gefunden.

Beschwerden über den Steam Holiday Sale 2014 sind Wohlstandsbeschwerden. Vielleicht sollten wir PC-Zocker in Demut üben und Spiele wieder schätzen lernen. So wie früher, als wir die eine Gameboy-Cartridge, das eine SNES-Modul in den Händen hielten. DAS war tatsächlich Weihnachten.

Fotos: Steam, Fionn Große/pixelio.de

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Patrick

Patrick

Mit Gameboy und Ghostbusters aufgewachsen, teilt Patrick das Schicksal vieler 1980er-Jahrgänge. Die viereckigen Augen wird er nicht mehr los. Stünde aufgrund seines ausgeprägten Sammlertriebes ohne Steam & Stream vor dem finanziellen Ruin. Hätte gerne einen purpurnen Tentakel als Haustier. Patrick arbeitet bei einem großen Medienunternehmen und geht auf journalistenfilme.de immer öfter den Medien-Nomaden fremd.

Patrick@Medien-Nomaden.de
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