Indie-Kinothek: High-Rise – Nachbarschaftsprobleme extrem

Und ihr dachtet, ihr habt schreckliche Nachbarn. Pia hat sich wieder einen englischen Film angesehen, der sich an einer Romanadaption versucht und jegliche konventionelle Erzählhaltung ablehnt. High-Rise ist ein dystopischer Wohn-Alptraum, indem Tom Hiddleston zeigt, dass er nicht nur als Thors böser Bruder Aufmerksamkeit verdient.

Ein bisschen Anarchie schadet doch nie…

Anfang der 70er Jahre: Arzt Robert Laing (Tom Hiddleston) bezieht ein Apartment im begehrten Hochhaus des Architekten Royal (Jeremy Irons). Es soll ein Neustart sein, nach dem Tod seiner Schwester und eine gute Investition für die Zukunft. Schnell macht er Bekanntschaft mit der schönen Single-Mom Charlotte (Sienna Miller), sowie Rüpel und Dokumentarfilmer Wilder (Luke Evans) und dessen schwangere Frau Helen (Elizabeth Moss). Zudem hat er das Vergnügen, in den obersten Stock zu Royal höchstpersönlich eingeladen zu werden, ein Privileg, dass den unteren Etagen nicht gegönnt ist. Es geht hier hierarchisch zu, je höher man wohnt, desto besser der soziale Status. Unterstrichen wird dies mit dekadenten Partys in den höheren Stockwerken á la Sonnenkönig Ludwig XIV. Swimmingpool, Gymnastikhallen, es gibt sogar einen Supermarkt – verlassen muss eigentlich niemand dieses riesige Wohnkomplex.

Neben kleineren Raufereien, leben alle Schichten soweit friedlich zusammen. Dies ändert sich, als die Stromversorgung in die Knie geht. Zudem ereignet sich ein Selbstmord, der von den Behörden anscheinend ignoriert wird. Schnell fällt die zivilisatorische Fassade, dazu wird jegliche Moral abgelegt. Anarchie macht sich breit, Plünderungen und Gewalt steht an der Tagesordnung. Architekt Royal bleibt lieber in seinem Elfenbeinturm, anstatt dem Unheil entgegen zu wirken. Und obendrauf gibt’s noch ein Hammercover von ABBAs S.O.S.. Ja, das geht – Portishead sei dank.

gestapelte Sozialkritik

Worauf der britische Autor Ballard mit High-Rise hinaus will, wird nicht erst gegen Ende klar, wenn Margaret Thatcher bedrohlich aus dem Off spricht.

Die Bewohner schirmen sich immer mehr von der Außenwelt ab, bilden im Haus quasi ein eigenes Biotop. Doch an sich – und da ist Ballard ewiger Pessimist – sind die Menschen schlecht, sodass auch diese eigen produzierte Gesellschaft in sich zusammen fällt. Aber das ist auch nicht weiter schlimm, denn Laing etwa, scheint sich mit der chaotischen Neuordnung gut einzufinden.

Interessanterweise gibt es ein „lebendes“ Beispiel für J.G. Ballards Horrorhaus, in Köln-Sülz leben im Uni-Center wirklich noch sämtliche Gesellschaftssichten zusammen – je höher, desto reicher. 1973 wurde dieses erbaut, 2 Jahre vor dem Erscheinen von Ballards Roman. Bisher klappt das noch ganz gut

Wheatley, Meister des schwarzen Humors

Der englische Regisseur Ben Wheatley scheint sich besonders für die menschlichen Abgründe zu interessieren. So etwa in Kill List, oder – sehr böse – in Sightseers, indem ein schrulliges Spießer-Pärchen auf einem mördischen Camping-Trip unterwegs ist. So scheint sich Ballards Roman ja quasi Wheatley aufzudrängen, der jedoch nicht umsonst zu den Autoren gibt, dessen Werke als schwer bis unmöglich verfilmbar gelten. So scheint Wheatley gerade im Teil des Werks, der immer mehr im Surrealismus abdriftet, selbst etwas verloren zu gehen. Das Tempo ist zu schnell, die Handlung leidet darunter. Freunde des Romans werden sich vermutlich mit Wheatleys Bemühungen nicht zu Frieden geben wollen, für alle anderen bietet High-Rise jedoch eine nette, kleine Gesellschafts-Satire in sehr cooler 70er Optik.

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Bilder: verleih DCM

Pia

Pia

Wenn Pia nicht gerade im Hörsaal sitzt und Germanistik und Geschichte studiert, tauscht sie ihren Platz mit dem Kinosaal. Sei es als Vorführerin oder als Zuschauerin. Ihre Meinung lest ihr ab sofort hier.
Pia

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