Indie-Kinothek: Everything Will Be Fine

Er ist einer der ganz großen deutschen Regisseure: Wim Wenders. Trotzdem, seine Leistungen schwanken in den letzten Jahren deutlich. An seine gefeierten Leistungen aus den 70er und 80er Jahren kann er nur noch selten anknüpfen. Ob er das mit seinem neuen Film Everything will be fine schafft? Neu-Nomadin Pia sagt es euch:

Alles wird gut – nur Mut!

Tomas (James Franco) ist Schriftsteller, doch leidet an einer Schreibblockade. Seine Beziehung zu Sara (Rachel McAdams) geht langsam in die Brüche. Dann passiert das, was sein Leben verändert: Auf dem Nachhauseweg schlittert irgendwas vor sein Auto. Der kleine Christopher sitzt unverletzt aber traumatisiert auf seinem Schlitten. Tomas ist erleichtert, setzt den Kleinen auf seine Schultern und bringt ihn zum Haus von Mutter Kate (Charlotte Gainsbourg). Ein längerer Marsch, der dem Zuschauer schon schlimmes ahnen lässt. Bald wird auch Tomas klar, dass in diesem Haushalt zwei Jungs leben. Als die Mutter dann öffnet und Christopher nach seinem Bruder fragt, wird es grausame Gewissheit: Nicolas liegt unter dem Auto, er überlebt den Unfall nicht.
Über mehrere Jahre sehen wir, wie Kate und Tomas mit dem Trauma umgehen. Kate muss stark bleiben, alleine schon für Christopher. Sie leidet im Stillen, möchte in Tomas auch nicht den Verursacher sehen. Tomas flüchtet sich in Alkohol und Drogen, unternimmt einen halbherzigen Selbstmordversuch. Dann findet er Erlösung durchs Schreiben. Sein Verleger ahnt schon: Das wird groß. Und Tomas wird wirklich der gefeierte Literat, der er immer sein wollte. Auch wenn er nicht explizit über den Unfall schreibt, so scheint er doch von dem Ereignis profitiert zu haben.

Ist es OK, das Leid anderer auszuschlachten?

Wenders neuer Film behandelt auf dem ersten Blick das Thema Verlust und den Versuch, wieder in gewohnte Bahnen zu kommen. Der Regisseur selbst sagt aus, dass es ihm jedoch mehr darum ging, wie reale Ereignisse in fiktionalen Werken verarbeitet werden. Darf das überhaupt sein? Diese Frage stellt sich Kate nicht; für den 17-jährigen Christopher wird das jedoch ein wichtiges Thema. Er sucht die Konfrontation mit Tomas. Und der Schriftsteller ist mit dem Jungen überfordert und will ihn anfangs nicht treffen.

Wenders setzt bewusst mehr auf die Kraft der Bilder, als auf große Dialoge. Auch wenn es keinen großen Crash gibt, gelingt es dem Regisseur den Unfalltod von Nicolas in schmerzhaften Bildern festzuhalten – etwa wenn Christopher einige Szenen später alleine auf der Schaukel sitzt, während die seines Bruders leer bleibt. Charlotte Gainsbourg zeigt ihre ganze Wandelbarkeit, war sie zuletzt doch in Nymphomanic Gesprächsthema und glänzt nun als stille, aber auch durchaus starke Kate, die ihren Schmerz ohne große Worte darlegt.
Daher auch der Griff zur 3D-Technik, die ihn bereits bei Pina faszinierte.

3D und Drama, geht das?

Da treten direkt zwei Lager auf: Die Feuilletons waren begeistert, das Publikum eher nicht. Es hat natürlich schon was, wenn zu Beginn des Films vereinzelte Schneeflocken dem Zuschauer entgegen rieseln.  Aber dafür einen Aufpreis zahlen? Und eine nervige Brille tragen? Nur weil einem die Gesichter der Schauspieler quasi entgegen gedrückt werden, fühlt man ihre Trauer nicht automatisch intensiver. Der viel gelobte Franco setzt seine Dauer-Schmoll-Miene auf, das nervt schon. Gefällt nicht jedem, aber Wim Wenders zeigte sich bei seinem Besuch im Atelier-Kino in Düsseldorf am 22. April verständnisvoll. Ja, die Technik stecke noch in den Kinderschuhen. Aber als Filmemacher will man natürlich experimentieren. Und da zeige ich mich nachsichtig – warum soll denn 3D nur für Action und Horrorfilme gemacht sein? Vielleicht hat Wenders ja recht, dass die richtige Erzählweise hierfür erst noch gefunden werden muss. Und  Filmkunst ist auch nicht immer Popcorn-Kino, manchmal fordert sie den Zuschauer auch heraus. Aber dann müssten sich auch mehr Regisseure trauen, außerhalb von Explosionen und Splatter auf 3D umzusatteln.

Wim Wenders als Actionregisseur

Bei der kleinen Gesprächsrunde wurde Wenders auch gefragt, ob er sich denn vorstellen könnte, mal einen Actionfilm zu drehen? Da muss er lachen – „einen langsamen Actionfilm vielleicht“. Wer weiß, auf welche Ideen Wim Wenders noch kommt. Nur Mut!

Mehr über 3D im Kino gibt es hier.

Foto: Neue Road Movies, Montauk Productions

Pia

Pia

Wenn Pia nicht gerade im Hörsaal sitzt und Germanistik und Geschichte studiert, tauscht sie ihren Platz mit dem Kinosaal. Sei es als Vorführerin oder als Zuschauerin. Ihre Meinung lest ihr ab sofort hier.
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