Indie-Kinothek: Mediterranea – Refugees Welcome?

Das Flüchtlingsthema beherrscht die Medien wie kaum ein anderes und Mediterranea rückt die menschliche Katastrophe, mit der sich die EU auseinandersetzen muss, in den Vordergrund. Harte Kost? Ja, aber eine, die sich lohnt und gesehen werden sollte.

Der italienisch-amerikanische Regisseur Jonas Carpignano hat sich für seinen Debütfilm ein Thema ausgesucht, dass aktueller nicht sein könnte und kontrovers besprochen wird. Gedreht hat er mit Laiendarstellern und echten Flüchtlingen, aber nicht nur darum wirkt Mediterranea so bedrückend realistisch.

Hoffnung & Verzweiflung

Aviya und sein Freund Abas stammen aus Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt. Hier bietet sich für Beide keine Perspektive und so machen sie sich auf den harten Weg nach Europa. Ayiva lässt seine Schwester und kleine Tochter zurück, denen er finanziell helfen möchte.

Träume von einem besseren Leben in Europa

Bereits die Reise durch Afrika ist mühselig und gefährlich, kurz vor Libyen wird die Gruppe überfallen und ausgeraubt. Das kleine Schlauchboot, dass für die Überfahrt gedacht ist, kentert vor der italienischen Küste. Die beiden Freunde haben Glück, sie werden gerettet, viele ertrinken, ein Bild, dass man aus den Nachrichten kennt.

Europa: mehr Fluch als Segen

Traumatisiert haben sie ihr Ziel erreicht, die Freude hält sich in Grenzen. Gesprochen wird nicht über die Strapazen der Reise. Ernüchternd lernen sie ein Italien kennen, dass mit ihrer Vorstellung nicht einher geht. Man hockt zusammengepfercht in einer Art afrikanischen Slumsiedlung in einem kleinen Ort zusammen, Perspektiven gibt es hier keine. Dafür aber offen ausgelebten Rassismus. Aviya und Abas bekommen einen Job als Erntehelfer. Die Bezahlung ist gering, aber Aviya gibt sich Mühe, bekommt Extraschichten. Das Geld kann er seiner Schwester schicken. Doch die Stimmung im Ort kippt immer mehr, es kommt zu heftigen Auseinandersetzung. Abas wird von einer Gruppe junger Männer beinahe tot geprügelt. Für Aviya steht fest, dass Italien keine Option ist. Ob er aber zurück kehrt, bleibt offen.

Wahre Tatsachen: Unruhen in Rosarno

So wird zum Beispiel dieser Fall in Mediterranea verarbeitet: 2010 kam es zu Straßenschlachten in Rosarno, einem kleinen Ort in Süditalien. Auf 16.000 Einwohner kommen 6.000 Flüchtlinge, die Versorgung ist dramatisch. Hinzu kommt, dass mafiöse Gruppen daraus Profit schlagen, von den Afrikanern einen „Schutzbeitrag“ zu verlangen. Die Situation eskaliert, als zwei junge Afrikaner erschossen werden. Flüchtlinge gehen auf die Straße, zünden Autos an, schlagen Fensterscheiben ein. Erst Stunden später gelang es der Polizei, die Revolte zu stoppen. (Quelle: Zeit.de )

Carpignano setzt auf Realismus, der mit dem Einsatz von Handkameras verstärkt wird. Man fühlt sich als Begleiter der Geschehnisse. Doch dabei gelingt es dem Regisseur vor allen, keine Schwarz/Weiß Malerei anzuwenden, was die besondere Stärke von Mediterranea ist. Weder die Afrikaner noch die Italiener sind „die Guten“ oder „die Bösen“, eine solche Kategorisierung wäre weder authentisch noch förderlich. Was aber ganz klar zu spüren ist: Ein Zusammenleben kann funktionieren. Wenige freudige Momente im Film gibt es, die eine angenehme Unbeschwertheit hervorbringen. Carpignano eine Agenda zu unterstellen, ginge zu weit. Eine Wertung oder eine Intention gibt es hier nicht. Nur die nüchterne Wirklichkeit, die jedoch den Wunsch bestärkt, diese Flüchtlingskrise humanitär zu bewältigen.

(Bilder: dcm)

Pia

Pia

Wenn Pia nicht gerade im Hörsaal sitzt und Germanistik und Geschichte studiert, tauscht sie ihren Platz mit dem Kinosaal. Sei es als Vorführerin oder als Zuschauerin. Ihre Meinung lest ihr ab sofort hier.
Pia

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