Indie-Kinothek: Remainder – Da raucht das Hirn

Gehirnverknotungen garantiert: Hier darf keiner mit seinem einfachen Ende rechnen. Das Debüt des israelischen Videokünstlers Omer Fast hinterließ bei mir so einige Fragen, aber eins war auf jeden Fall klar: Gutes Werk! Oder doch nicht?

Mindfuck, gefällig?

Als Material auserkoren hat Fast das ebenfalls Erstlingswerk des englischen Schriftstellers Tom McCarthy. 2005 erschien es auf den deutschen Markt unter den Namen 8 ½ Millionen,

Tom (Tom Sturridge) erlebt zu Beginn einen merkwürdigen Unfall, die Glasdecke einer Bank zerbricht und Stücke prallen auf eine belebte Einkaufspassage in irgendeiner englischen Stadt. Ein Trümmerteil landet auf Toms Kopf und reißt ihn zu Boden. Danach: Koma und ein langwieriger Prozess, da er Laufen und Essen und sämtliche „natürlichen“ Bewegungen neu erlernen muss. Die Bank zahlt Tom eine Entschädigungssumme von 8 ½ Millionen, jedoch gibt es zwei wichtige Bedingungen: Kein Prozess, und Tom soll den Unfall vergessen. Kein Problem, denn er hat keinerlei Erinnerungen an den Vorfall – ebenso weiß er nicht, was kurz vorher passiert ist. Wir sehen Tom die Straße überqueren, er lässt einen Rollkoffer zurück – als Zuschauer verlassen wir nie Toms Perspektive und man sollte auch nicht erwarten, dass hier irgendwas so einfach am Ende aufgelöst wird.

Sein Langzeitgedächtnis ist beschädigt, die Beziehung zu seinen Freunden ist diffus. In dieser Zeit des totalen Durcheinanders durchdringt ihn eine Erinnerung: Er steht in einem Hausflur, sieht eine alte Dame den Müll raus bringen, ein kleiner Junge mit blauer Jacke streckt die Hand aus – so richtig kann er diese Erinnerung nicht einordnen. Mit seinem neuerworbenen Vermögen beginnt er ein wahnwitziges Projekt: Er kauft ein Haus, dass dem in seiner Erinnerung ähnelt, engagiert Statisten, die die Bewohner mimen sollen. Unterstützt wird er von dem Perfektionisten Naz (Arsher Ali), der keine Fragen stellt, solange die Bezahlung stimmt. Immer mehr verfällt er in einen Wahn, will seine Erinnerung an die Realität anpassen, will quasi die Realität zu seinen Nutzen ändern – und dabei wird es immer gefährlicher für seine Umwelt. Hinzukommt, dass zwei mysteriöse Männer auf der Suche nach dem Rollkoffer sind, den Tom zurückgelassen hat. Und alles scheint in einem furchtbaren Kreis gefangen zu sein.

Realismus vs. Inszenierung

Erinnert ein wenig an den skurillen Regisseur Caden Cotard (Philipp Seymour Hoffman) in Charlie Kaufmanns Tragikkomödie „Synecdoche, New York“ aus dem Jahr 2008, indem Cotard Schauspieler sein eigenes Leben nachspielen lässt, was in einer endlosen und unmöglichen Mission mündet, die zum Kernpunkt seines Daseins gelangen soll – Tom hingegen will seine Erinnerung greifbar machen, die als einzige in seinem gedanklichen Wirrwarr noch Sinn zu machen scheint.

In Remainder wird aber nicht wirklich verständlich, warum sein Eifer in Obsession umschlägt. McCarthys Werk wirklich auf die Leinwand zu bringen, ist auch ein schwerer Akt. Tom, im Roman der eigentlich namenlose Protagonist, erzählt aus seiner Perspektive. Dazu werden seine Aktionen von einem namenlosen Mann kommentiert, den nur Tom sehen kann. Remainder ist vielleicht auch einer dieser Filme, bei denen man im nachhinein lieber zuerst den Roman gelesen hätte. Aber Fasts Erfahrungen als Videokünstler kommen dem ganzen zu Gute, die schnellen Schnitte und Nahaufnahmen kompensieren dieses Dilemma. Ein Film, den man mindestens zwei mal sehen sollte. Aber ich werde mir zuerst mal den Roman besorgen…

Pia

Pia

Wenn Pia nicht gerade im Hörsaal sitzt und Germanistik und Geschichte studiert, tauscht sie ihren Platz mit dem Kinosaal. Sei es als Vorführerin oder als Zuschauerin. Ihre Meinung lest ihr ab sofort hier.
Pia

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