Indie-Kinothek: Wild – Radikales Rotkäppchen

Nicolette Krebitz‘ neuestes Werk Wild ist wohl in jedem deutschen Feuilleton besprochen worden – wegen seiner Radikalität, seiner Provokation. Wild reiht sich ein in die Kategorie Neuer Deutscher Film, der ähnlich wie Sybille gewohnte Seherlebnisse negiert. Pia hat sich den Film angesehen – und immer noch Schlafprobleme.

ROTKÄPPCHEN 2.0?

Ania (Lilith Stangenberg) ist das graue Mäuschen: In ihrer beigen Kleidung verschwindet sie beinahe mit ihrer Umgebung. Menschenkontakt liegt ihr nicht wirklich, sie hält sich lieber im Hintergrund. Bringt ihrem Chef brav Kaffee und Wiederworte gibt sie keine. Und das ist auch das, was der Chef an ihr mag: „Sie stellen keine dummen Fragen.“ Manchmal skypt sie mit ihrer kleinen Schwester, kümmert sich sonst um den kranken Großvater – ja, das Großeltern-Motiv haben wir hier auch.

Ob Wölfe auch Chappi fressen oder doch lieber kleine Kinder?

Auf dem Nachhauseweg durch einen kleinen Waldabschnitt begegnet ihr eines Abends ein Wolf: Faszination ergreift Ania, die nun auch von ihrem Balkon aus in die Nacht heult. Doch diese schlägt bald in Besessenheit um. Um jeden Preis will sie ihn in ihrer Nähe haben. Dabei sind doch nicht mal Kleintiere in ihrer Wohnung erlaubt…

DIE MIT DEM WOLF TANZT

Durch eine Internetrecherche findet sie die Möglichkeit, wie man Wölfe einfangen kann. Diesen wahnsinnigen Plan setzt sie auch durch und funktioniert das Zimmer der kleinen Schwester, die zu ihrem Freund gezogen ist, als Wolfsraum um. Durch ein kleines Loch, dass sie in die Wand geschlagen hat, kann sie den Wolf beobachten und füttern. Ania beginnt sich selbst zu verändern: Die bloße Anwesenheit des Tieres weckt die junge Frau auf. Als der Wolf sich aus seinem Zimmer befreien kann, scheinen beide sogar in perfekter (und stinkender) Symbiose zusammen zu leben. Doch dass dieses WG-Leben nicht lange gut verlaufen wird, ist vermutlich jedem klar.

NATÜRLICHE GEFAHR STATT MENSCHLICHE SICHERHEIT

Ania, die zurück gezogen lebt und menschliche Nähe scheut, fühlt sich mit dem Wolf verbunden – seine Unabhängigkeit, seine Freiheit imponieren ihr. Bald beginnt sie ihm immer mehr zu imitieren, handelt aber interessanterweise immer mehr autonom gegenüber ihren Mitmenschen.

Und darum ging es Regisseurin Krebitz: Selbst in ihren distanzierten Momenten, deren Motive sich dem Zuschauer nicht erschließen müssen, handelt sie selbstbestimmt. Der Wolf, der natürlich ihren eignen Trieb darstellt, bringt sie dazu, sich aus ihrer Fremdbestimmung zu lösen. Und dadurch wird sie gerade für ihren Chef (Georg Friedrich) so interessant, der selbst von seinen Trieben (Alkohol insbesondere) geleitet wird. Ania entdeckt sich selbst, ihre Sexualität. Das zeigt auch ihre Erscheinung: Braver Pferdeschwanz und beige Tarnkleidung sind passé. Besonders skandalös kommt die eine Traumsequenz daher, an der Freud seinen Spaß gemacht hätte. Diese war auch ausschlaggebend dafür, dass Wild sich den Ruf der zelebrierten Zoophilie einfing. Jedoch den Film nur auf diese Szene runter zu brechen, würde ihm nicht gerecht werden. Ja, man kann darüber streiten, ob Wild zu weit geht. Und das ist ja gerade das Schöne an einem (auch etwas anstrengenden) Kinobesuch: Die Diskussion danach. Krebitz‘ Film liefert da genügend Stoff zu. Bemerkenswert ist auch die Leistung von Schauspielerin Lilith Stangenberg, die Ania souverän und authentisch spielt. Und das mit einem echten Tier als Gegenpart – Computertechnik wurde hier nicht verwendet.

(Bilder: NFP Marketing & Distribution/Heimatfilm)

Pia

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Wenn Pia nicht gerade im Hörsaal sitzt und Germanistik und Geschichte studiert, tauscht sie ihren Platz mit dem Kinosaal. Sei es als Vorführerin oder als Zuschauerin. Ihre Meinung lest ihr ab sofort hier.
Pia

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