Die Akte „I wie Ikarus“

Die Kollegen von Schöner Denken bitten zum Tanz und wir sind einfach zu haben! Der französische Film I wie Ikarus muss geschaut und rezensiert werden. Eine vortreffliche Gelegenheit für Steini, ein Leinwanderzeugnis der Nachbarn zu begutachten.

Aber hier liegt vielleicht schon das erste Problem: Denn wenn es um den französischen Film geht, habe ich – bis auf die bekannten Werke – eine frevelhafte Bildungslücke. Daher habe ich den Wink mit dem Zaunpfahl gerne wahrgenommen. Die Idee der Filmblogger von Schöner Denken ist eine gute: Selber Film + Verschiedene Blogger = Unterschiedlichste Einblicke. Leben in der Blogosphäre! Den ersten Schritt werde ich mit dem französischen Thriller I wie Ikarus machen. Patrick, David und Tobi werden die anderen beiden Filme, Tagebuch eines Skandals (15.6.) und die Steuerfahnderin (29.6.), in Podcast-Form aufarbeiten. Wohlan!

Anamnese: Ein toter Präsident und ein toter Attentäter

Henri Verneulis Film I wie Ikarus beginnt mit einer vertrauten Sequenz. Ein Mann bezieht mit einem Scharfschützengewehr Stellung auf einem hohen Gebäude. Ein durch Polizisten stark gesicherter Autokorso nähert sich. Die Menge, die die Straße einer namenlosen Stadt in einem ebenso namenslosen Staat säumt, feiert den wiedergewählten Staatspräsident Jary. Der ist mit der Kolonne auf dem Weg zu seiner Vereidigung. Augenblicke später wird Jary auf dem Rücksitz seiner offenen Limousine inmitten seiner Unterstützer erschossen. Panik bricht aus. Der vermeintliche Schütze begeht Selbstmord. Ein Jahr später will die eingesetzte Untersuchungskommission ihren abschließenden Bericht ausgeben, doch Generalstaatsanwalt Volney stimmt nicht zu. Die Beweislage ist zu dünn. Der Fall wird neu aufgerollt. Es folgt ein – für mich – überraschend spannender und guter Thriller.

Die thematische Nähe zu einem der bekanntesten, modernen politischen Attentate ist unverkennbar. Die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy ist aber weit mehr als ein Impulspunkt für einen Film, der sich nie den Anspruch nimmt, eine ganzheitliche Aufklärung seiner Geschehnisse zu gewährleisten. Strukturell entlehnt I wie Ikarus viele Themenkomplexe aus den Begleitumständen der Ermordung JFKs und formt daraus ein eigenes Narrativ. So wirklich trennen will sich der Thriller aber nie von dem Sujet.

Befund: Synergien aus Story und Technik

Das aufgebotene Material, weiß der Film kunstvoll in Szene zu setzen. So wird die Weigerung des Staatsanwalts Volney, den Untersuchungsbericht zu unterzeichnen, im Film sofort medial aufbereitet. In einer Talkshow soll er sich vor dem Volk und seinen Ermittlungskollegen erklären, warum er die Befunde des Berichts nicht anerkennt. Dieses demokratisierte Tribunal explodiert, als Volney aufdeckt, dass das Komitee unter dem Einfluss anderer Behörden stand. Wir sind hier immer noch in den Anfangsszenen des 120-minütigen Films, der die Talkshowszene wirklich gut darzustellen weiß. Kameras filmen die Monitore der Talkshowregie, die wiederum ein vermeintlich allerfassendes Bild des Studios vermitteln.

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Staatsanwalt Volney (links) entdeckt trotz des mehreren Bänden umfassenden Komissionsberichts immer mehr Ungereimtheiten. (Photo: A2, SFP, V Films)

Die Abfolge endet mit dem Ergebnis, dass Volney den Präsidentenmord neu aufrollen muss und das durchaus auch will. Beinahe schon bildgewaltig wirkt Volneys televisionierte Anklage gegen seine Mitstreiter die in den Auguren-Augen der Kameras hilflos und ausgeliefert wirken. Die Szene mündet in einem langsamen Zoom-Out, der Graphisches und Narratives zu einer Aussage verfließen lässt. Je weiter sich die Kamera von dem alleine sitzenden Volney entfernt, desto klarer wird die Aussage: Er steht nun in der Bringschuld. Jarys Tod muss aufgeklärt werden, die Bringschuld liegt nun beim aufmüpfigen Staatsanwalt. Das kann I wie Ikarus sehr gut: Aus Handlung und Technik ein kohärentes Bild schaffen.

Notiz: Ein eigentlich rundes Filmerlebnis, aber…

I wie Ikarus bietet seinem Betrachter viele solcher Zugänge an. Der handwerklich sehr gut gemachte Film, ist dabei aber auch immer sehr nah an einer Überfrachtung seines betörend sterilen Bildes. Die Talkshowszene ist hier ein gutes Beispiel. Wirklich gute Arrangements und Kameraeinstellungen laufen Gefahr, die eigentlich simple Aussage der Szene zu verdrängen. Für Leute, die sich gerne in Details investieren, ein Fest – für wiederum andere aber kann das auch befremdlich wirken.

Das setzt einen gewissen Grundton, dessen sich der Film nie wirklich entledigen kann. I wie Ikarus ist streckenweise inkonsistent in dem, was er transportieren will. In ein paar Details schlampig, dann wieder zu selbstverliebt mit seiner eigenen Geschichte. Das liest sich nicht gut und wenn man hier aufhören würde zu schreiben, wäre es ein mangelhaftes Urteil. Eines welches aber falsch wäre!

Überlegung: Dennoch ein guter, sehenswerter Thriller

Denn der Film aus dem Jahre 1979 ist sehr gut. Das Storytelling lässt so manche aktuellen Thriller erblassen. Suspense und der generelle Standard des Handwerks sind beeindruckend. Neben der Geschichte, die sich ihre eigenen Mythen schafft und bei anderen wildert, glänzt Yves Montand in der Rolle des Staatsanwalts Henri Volney, wobei der Film generell bestens besetzt ist.

Das Thriller-Element des Films – die Suche nach den wahren Drahtziehern des Attentats – ist der tragende Boden auf dem das Werk von Regisseur Henri Verneulis steht. Der Spielfilm ist sich darüberhinaus nicht zu schade, neue Perspektiven und Motive abseits des Weges zu erschließen. Spielerisch entwickelt er den Plot über ein Attentat hinaus. Es geht um bürokratische Strukturen, Rechtsstaatlichkeit und in der letzten Instanz um Verantwortung und Gehorsam. Der Polit-Thriller bietet hier ein zynischen Kommentar an.

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Volney sucht in der psycholgischen Faktultät einer Hochschule nach Antworten und wird dabei Zeuge des Milgram-Experiments. (Photo: A2, SFP, V Films)

Obwohl I wie Ikarus diese Themen gut erschließt und in der Rahmenhandlung verortet, sind die wirklich interessanten Themen etwas unterentwickelt. Beispielsweise beleuchtet der Film die Thematik des Gehorsams gegenüber Autoritäten sorgfältig (durch das Milgram-Experiment), den Schluss, den er hier jedoch herauszieht, bleibt weitestgehend folgenlos für die eigentliche Handlung. Die Hingabe, die aufgewendet wird, um die Beziehung zwischen Befehlsempfänger und Autorität darzustellen, erleidet im Hinblick auf die Handlung einen nicht unerheblichen Bedeutungsverlust.

Urteil: Klare Empfehlung!

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass I wie Ikarus eher einen Gedanken-stiftenden Ansatz verfolgt, als dem Zuschauer die vermeintlich einfache Lösung auf dem Silbertablett zu präsentieren. Somit bleibt der Handlungsabschluss etwas degradiert im Raum stehen, beinahe schon unbefriedigend. Diesen Problemen stehen aber die immer spannende Grundhandlung, die handwerkliche Hingabe der Produktion und der sehr gute Cast gegenüber. Das schafft ein interessantes wie auch fesselndes Filmerlebnis. Das und die thematische Verbindung zum JFK-Attentat (das zur Zeit der Veröffentlichung keine 16 Jahre zurückliegt), schaffen einen Thriller der in vielerlei Hinsicht überrascht und fordert – wenn man ihn lässt.

Abschließende Worte! I wie Ikarus ist als Film nicht nur Liebhabern zu empfehlen. Der 36 Jahre alte Thriller ist gut gealtert und immer noch spannend. Action wird gekonnt und mühelos durch ein Spiel mit Erwartungen und natürlicher Spannung ersetzt. Kamera- und Schnitttechnik sind tadellos, ebenso wie die Schauspieler. Freunde der Filme Der Schakal, JFK – Tatort Dallas oder Die drei Tage des Condor, werden die neuen Herangehensweisen an ein bekanntes Thema zu schätzen wissen.

Auf ganzer Linie enttäuscht wird nur derjenige, der einen „französischen“ Film erwartet. Untröstlich gekränkt in meinem Schubladendenken, konnte ich nur eine leicht bekleidete Frau feststellen. Darüberhinaus wurde im ganzen Film nur eine (Filter-)Zigarette geraucht! Französische Grundnahrungsmittel – Kaffee und Baguette – fehlen sogar gänzlich. Wer durch diese eklatanten Fehler nicht in seinen Grundfesten erschüttert wird und auf Wahlscheibentelefonapparaturen (die sind überall) steht, sollte I wie Ikarus eine Chance geben. Spaß beiseite! Der etwas nachdenklich stimmende französische Thriller ist einen Blick wert!

Nachtrag 31. Mai: Schöner Denken haben die Ergebnisse zusammengetragen. Hier kann man sie einsehen.

Photos: A2, SFP, V Films, Intergalaktische Filmreisen

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Steini

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Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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