„Kein Applaus für Scheiße“: Interpol in Köln

Stell dir vor, Interpol treten im Kölner Palladium auf und zwei Nomaden gehen hin. So geschehen am vergangenen Sonntag. Der eine stiert nach 80 Minuten betört durch den Innenraum, während der andere „Kein Applaus für Scheiße!“ skandiert. Ein Konzert, zwei Meinungen.

Patrick:

Mein erstes Mal mit Interpol. Was soll ich sagen? Paul Banks und seine Jungs haben mich verführt. Dabei wollte ich nicht einfach zu haben sein…

Jene Stimmen in den Foren, die die New Yorker unberechenbar, ja launisch nennen, sie hallen nach. Interpol sollen kein leichtes Spiel haben, nehme ich mir fest vor. Aber schon nach den ersten manisch-rotierenden Takten von Say Hello To The Angels ist es um mich geschehen.

Paul Banks nöliger, aber fragiler Gesang setzt ein. Er klingt live wie auf Platte, wie ein Indie-Gott in Schwarz. Vor meinem geistigen Auge erscheint Reneé Zellweger, mit Tränen in den Augen und bebenden Lippen: „You had me at hello.“ Ihr Geständnis ist das meinige. Banks, Du verdammte Sirene!

Ich schaue zur Bühne hinauf, versuche, einen Blick zu erhaschen. Blöderweise ist die Schulterhöhe vieler Konzertgänger gleich meiner Augenhöhe. Und tut sich doch eine Lücke im Fleischvorhang auf, hindern mich gleißende Bühnenlichter und psychedelische Videoprojektionen am Sehen. Egal. Dann halt Augen zu. Gebe mich – auch wenn es abgeschmackt klingt – ganz der Musik hin. „You’re so cute when you’re sedated“, schmeichelt Paul Banks. Gänsepelle. Vor mir heult ein Woo-Girl auf. „Scheiß-Groupie“, denke ich. Ich bin kein Deut‘ besser.

Dabei müsste ich es besser wissen. Diese Aura der Unnahbarkeit. Diese Überheblichkeit, die geradezu „Wir sind Avantgarde!“ schreit. Diese Unverfrorenheit, The Heinrich Maneuver von der Setlist zu tilgen, jenen Überhit von Interpols kommerziell erfolgreichsten Platte Our Love To Admire. Und dieser antiseptische Sound erst! Interpol sind doch völlig unfähig zur aufrichtigen Intimität mit dem Publikum!

Das Woo-Girl überschlägt sich vor Erregung. Ich öffne die Augen, schaue meinen Nebenmann an und sehe, wie er sich über die Ausbrüche meiner Vorderfrau amüsiert. Wie er bei jedem schlampigen Ton sein Gesicht verzieht. Sich nach jedem Vortrag über die Mittelmäßigkeit des Konzerts echauffiert.

Spulen Interpol nur ein Programm ab? Jetzt höre ich sie auch. Die Verspieler. Paul Banks leiernde Stimme. Die latente Unlust in den alten Songs, während Beiträge vom akutellen Album El Pintor mit wesentlich mehr Verve vorgetragen werden. Nicht durchgehend. Vieles verschluckt die dumpfe Akustik des Palladiums.

Der Bann ist gebrochen. Nicht aber das Gefühl, ein gutes Konzert zu erleben. Routiniert vorgetragene Interpol-Shantys sind immer noch eine Klasse für sich. Komprimiert in einem „Best of“ aus Turn On The Bright Lights und Antics, ergänzt um ein paar El Pintor-Perlen (das fünfte Album hat mich live überzeugt). All killers, no fillers eben. Ganz anders als in der realen Welt, in der Playlisten doppelt so lang sind als sie eigentlich sollten und die Skip-Taste regiert.

Für mich steht fest: Interpol – gerne nochmal. Aber bitte in kleinerer Halle. Mit Clubatmosphäre und so. Dann lasse ich mir gerne auch ein Stück Intimität vorgaukeln.

Grüße an das Woo-Girl:

Steini:

Mein zweites Mal Interpol. Was soll ich sagen? „Verführt“, wie mein geschätzter Kollege Patrick, wurde ich zu keiner Zeit. Er ist halt doch einfach zu haben… .

Interpol sah ich zum ersten Mal in Dortmund. Das sehr gute Konzert ist nun fünf Jahre her und Vieles hat sich verändert. Gründungsmitglied und Bassist-extraordinär Carlos Dengler ist ausgestiegen. Interpol wurden schon totgesagt. Die Soloausflüge von Banks verhießen nichts Gutes. Aber Überraschung: Neues Album, neue Tour.

Euphorisch berichtete ich Patrick von dem anstehenden Besuch der New Yorker. Der schaffte es dann auch nach zwei Monaten sich eine Karte zu sichern – ohne Not: Das Palladium war gut gefüllt, vom Ausverkauf aber weit entfernt. Kein Problem: Mehr Platz für die Nomaden.

Was Patrick aber hier gekonnt umschreibt, verlangt deutlichere Worte: Der durchschnittliche Interpol-Gänger ist im Mittel drei Meter groß (auch die Damen). Mit einem grauen Hoodie mit gelben Schriftzug falle ich auf wie ein bunter Hund. Im wahrsten Sinne. „Herbstfarben“ dominieren. Selbst Patrick, der mit seinen fein komponierten Outfits einen Hauch Mailand in jede Dönerbude transportiert, fällt mit seinem würdevoll getragenen Jeanshemd aus der Reihe. Mir fällt ebenfalls auf: Unsere Brillengestelle sind zu dünn, unsere Hosen zu weit und unsere Converse Allstars haben wir auch nicht an. Sind wir überhaupt Interpol-Fans, oder haben wir die Karten gewonnen?

Ich wünschte Letzteres wäre zutreffend. Die Präsentation der Band ist durchwachsen. Anders als in 2010 wirkt die Band wie ein Fremdkörper. Die Indie-Rocker sind wahrlich nicht dafür bekannt, sich mit dem Publikum auseinanderzusetzen. Aber die Dortmunder Performance von 2010 suggerierte Nähe, ohne nah zu sein. Die Songs wurden mit Liebe vorgetragen. Waren eindringlich – auf ihre gang eigene Weise.

Das trifft in Köln nur auf wenige Stücke zu. Von dem Set gefallen mir die Renditionen von Rest my Chemistry, NYC und PDA am besten. Ich möchte betonen, dass das Instrumentalspiel ohne großartige Beanstandungen gelingt. Aber ja: Es ist blutleer, steril – da gebe ich Patrick Recht. Die El Pintor-Auskopplungen drängen mich nicht zum Albenkauf.

Banks Stimme ist gerade bei den neuen Stücken schlimm vermischt. Manchmal ist sie kaum zu hören. Und da liegt das Kernproblem des Abends. Interpol funktioniert ohne den monolithischen Gesang ihres Frontmanns nicht. Die New Yorker brauchen wenig, um eine gute Performance abzuliefern – Banks Stimme muss zu hören sein. Ich habe auch Nichts gegen die Routine, die Patrick anspricht, habe irgendwie nichts Anderes erwartet. Ich ertappe mich selber dabei, wie meine Aufmerksamkeit schwindet. Interpol will mich nicht begeistern. Meine Augen suchen im Raum nach etwas Interessanterem.

Aber die uniformierten Riesen, die aus der ganzen Republik angereist sind, sind genau wie ihre Helden: Emotionsarm. Deshalb sticht auch der lauteste, euphorischste Gast am Sonntag heraus. Natürlich standen wir direkt hinter der Dame, die sich als einzige aus der Masse loszulösen wusste. Anfangs bin ich irritiert, nachher neidisch. Wenigstens hatte sie einen schönen Abend. Ich nur Spritkosten. Ernsthaft: Interpol waren schon fast ein Ärgernis für mich. Die Konzerte der Band sind immer sehr speziell und kreiren eigene, subjektive Erlebnisse für die jeweiligen Zuschauer. Meine Eindrücke sind weniger von der Band, als von dem Drumherum geprägt. Das ist schlecht, dabei überzeugte gerade das Handwerkliche und die Setlist. Dass der Funke wegen Banks schmaler Stimme nicht überspringen will, ist das größte Problem. Ohne diese fehlt der Konnex zwischen Ohr, Gehirn und Herz.

Uns spendete noch nicht einmal der Burger King an der Ohligser Heide Trost. Der Schnellimbiss an der A3 hatte geschlossen. Ein Fazit also: Enttäuscht von der Band, bin ich gewillt der Band in ferner Zukunft nochmal eine Chance zu geben (Ich weiß, dass die das können). Aber ich brauche Zeit…Der Abend hat für mich dennoch viele Fragen aufgetan. Wieso schaffen es fünf Tontechniker mit zwei LKW-Ladungen an Mixern, MPCs, PAs, unzähligen Mac-Produkten und graphischen (!) Soundvisualizern nicht, eine Stimme einzupegeln? Bin ich mit 30 Jahren immer noch zu jung für ein Interpol-Konzert? Darf man Borsalinos auch im Dunkeln tragen? Bin ich ein Hipster, oder sind es die anderen? Warum macht mein Lieblings-Burger King neuerdings so früh zu?

Setlist:

Say Hello to the Angels (Turn on the Bright Lights)
Anywhere (El Pintor)
My Blue Supreme (El Pintor)
Evil (Antics)
Leif Erikson (Turn on the Bright Lights)
My Desire (El Pintor)
The New (Turn on the Bright Lights)
Everything Is Wrong (El Pintor)
NYC (Turn on the Bright Lights)
Breaker 1 (El Pintor)
Rest My Chemistry (Our Love to Admire)
Slow Hands (Antics)
Not Even Jail (Antics)
PDA (Turn on the Bright Lights)

All the Rage Back Home (El Pintor)
Lights (Interpol)
Stella Was a Diver and She Was Always Down (Turn on the Bright Lights)

Update 3. Februar 2015 : mit ein bisschen Abstand, hier nochmal ein paar externe Stimmen. Der Tenor pflichtet eher Steini bei.

„Das war alles astrein gespielt, die Location ist nicht schlecht, wenn auch der Klang nicht wirklich toll ist, aber nein, ganz wollte er nicht überspringen der Funke.“ – Binge Reader

„Am Ende blieb es ein eher unterdurchschnittliches, weil langweiliges, Konzert einer Band, die so fantastische Musik geschaffen hat, dass sie derzeit ihrem bzw. unserem Anspruch leider hinterher hinkt.“ – Sparkling Fotos

„Es hat sich scheinbar nichts geändert. Ich sag jetzt einfach mal, Interpol hatten einen schlechten Tag. Das kann passieren, und ist okay. Für mich ist es nur ärgerlich, dass ich dieses Konzert erwischt habe. Von einer Band mit mindestens 10 Welthits möchte ich mehr verlangen dürfen.“ – Pretty Paracetamol

„Trotzdem ein gelungener Abend 1 Stunde 20 Minuten tolle Songs ohne nervige Geschichten dazwischen, einfach nur Musik.“ 33rpmpvc

 

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