Life Is Strange – Coming of Age mit Zeitschleife

Life Is Strange - Titelbild

Das Genre des “Entscheidungs-Adventure“ wird seit geraumer Zeit vom kalifornischen Spieleentwickler Telltale-Games dominiert. Kaum ein anderes Spiel des Genres schafft es, Spielen wie The Walking Dead oder The Wolf Among Us das Wasser zu reichen. Jetzt werfen die Franzosen von Dontnod Entertainment, unterstützt vom Publisher Square Enix, mit Life Is Strange ihren Hut in den Ring. Tobi hat sich die Zeit genommen, um es sich anzuschauen.

Die gerade 18 gewordene Maxine „Max“ Caulfield kehrt nach fünf Jahren zurück nach Arcadia Bay, den Ort ihrer Kindheit. Sie hat sich dort in der renommierten Blackwell Academy eingeschrieben, um Photographie zu studieren. Als wäre das Leben mit 18 in einer seltsam bekannten, aber dennoch neuen Umgebung nicht schon schlimm genug, entdeckt sie eines Tages eine besondere Gabe. Als sie auf der Damentoilette Zeugin eines Mordes wird, schafft sie es unter Schock, die Zeit zurückzudrehen und die Tat zu verhindern. Das so gerettete Opfer entpuppt sich als Chloe Price, eine alte Kinderfreundin der Protagonistin. Mit neuentdeckter Gabe und wiedergefundener Freundin ändert sich Maxines Leben schlagartig.
Erstens kann sie nun durch die Fähigkeit Gespräche wieder von neuem beginnen, um immer die richtigen Worte zu treffen und damit schneller Freunde zu gewinnen als ein Wassereis im Sommer. Zweitens erfährt sie durch Chloe auch Näheres über das Verschwinden von Rachel Amber, eine sehr beliebte Studentin und Ersatz-beste-Freundin der rebellischen Chloe. Und wäre das nicht schon genug, plagen sie auch noch Visionen über einen alles vernichtenden Wirbelsturm.

Coming of Age

Eine 18 Jahre alte Protagonistin, Collegeleben, beste Freundinnen und das Verschwinden einer beliebten Studentin. Das klingt nicht nur nach einem Teenie-Film, das ist auch ein spielbarer Teenie-Film mit allem Drum und Dran. Da gibt es die die verschiedenen college-typischen Gruppierungen: Die Nerds, die Fashion-Victims, die Skater und die Punks. Und typische Themen wie: Erwachsenwerden, Drogen, Liebe und Eifersucht. Nicht nur einmal fühlt sich der Kenner an die „Teenie-Detektivin“ Veronica Mars erinnert. Wenn man sich darauf einlassen kann, bietet Life is Strange eine solide Coming of Age Story mit Mystery-Touch.

Max und Chloe = BFFL

Max und Chloe = BFFL

Eine Zeit-Geschichte in 5 Akten

Im Januar erschien die erste Episode von Life Is Strange. In relativ regelmäßigen Abständen folgten die weiteren Episoden, bis Ende Oktober der letzte fünfte abschließende Teil erschien. Das Vertriebs-System ist keine Neuheit, erfreut sich doch der episodenweise Abverkauf gerade im Adventure-Genre großer Beliebtheit. Erstens können Entwickler so ihr Spiel Stück für Stück finanzieren, zweitens können sie so bestenfalls auf die Reaktionen der Spieler reagieren und grobe Schnitzer ausbessern. Ein weiterer Aspekt, besonders bei Life Is Strange, ist der Aufbau einer Community. So diskutierten Fans des Spiels auf Facebook, in Foren und verschiedenen anderen Kanälen über den weiteren Verlauf der Handlung. Was ändern die maxi’schen Zeitsprünge, was ist mit Rachel und wer kommt mit wem zusammen?

Tell a Tale Dontnod Entertainment

Quick-Time-Events gibt es schon lange und auch anscheinend spielbeeinflussende Entscheidungen sind spätestens seit Heavy Rain ein Thema, das Adventure-Liebhaber begeistert. Telltale-Games verbanden diese Aspekte jedoch mit etwas, was das Genre auf die nächste Stufe hob: einer spannenden und anrührenden Geschichte. Als die ersten Informationen über Life Is Strange bekannt wurden, horchte manch ein Telltale-Fan auf. Das Spielsystem klang ähnlich. Kann ein anderer Entwickler an die Qualität der meisten Telltale-Reihen heran kommen und was würde Dontnod Entertainment anders machen?

Entspannte Gewissensbisse, Grafik und getarnte Minigames

Warum habe ich Kenny nicht geholfen? Was habe ich damit jetzt bewirkt? Manch eine Entscheidung in The Walking Dead ließen einen nächtelang nicht schlafen. Immer wieder fragte man sich, „Was wäre wenn?“.
Diese Frage kann der Spieler sich bei den meisten Situationen in Life Is Strange selbst beantworten. Gefällt dem Spieler die getroffene Wahl nicht, nutzt man Max‘ Kräfte und spult die letzten Minuten zurück. Doch bleiben dadurch die Gewissensbisse aus? – Nicht unbedingt. Max kann nicht unendlich zurückspulen und so erlebt man jeweils nur die ersten Minuten der jeweiligen Entscheidung und oft scheinen beide Wege nicht befriedigend. Letztendlich muss man sich doch entscheiden.
Grafisch ist Life Is Strange nicht auf der Höhe der Zeit. Die Detaildichte ist gering, Figuren und Umgebung wirken glatt, Bewegungen leicht abgehakt. Die Steuerung mit Maus und Tastatur funktioniert größtenteils, obwohl die Fixierung auf manche Gegenstände sich manchmal als schwierig erweist. Nervig sind aber die als wichtiges Element getarnte Minigames. So muss mit A und D ein Foto scharf gestellt werden oder man muss sich durch „geschicktes“ Schleichen vor verschiedenen Personen verstecken. Ersteres wurde mit der letzten Episode entschärft (nach kurzer Zeit kann man die Passagen mit der Leertaste überspringen), letzteres leider nicht.

Mit 30 noch Teenager sein?

Life Is Strange hat eine Welle der Euphorie ausgelöst. In Foren und auf Fanpages werden Theorien über den tieferen Sinn hinter dem Spiel geführt, auf dem extra erstellten Tumblr-Blog posten Fans ihre Cosplay-Bilder und Life Is Strange 2 wird lauthals gefordert und wie es scheint, wurden die Forderungen erhöht. Ein geniales Spiel also?
Naja, ich glaube die begeisterten Fans sind alle in der Altersgruppe der 16 bis 20-jähringen zu finden, oder sie fühlen sich junggeblieben. Ich als 30-jähriger Spieler hatte durchaus meinen Spaß, fühlte mich aber keiner Zeit so gefesselt wie bei gewissen TellTale-Games. Auch die Figuren sind mir nicht besonders ans Herz gewachsen. Life Is Strange ist für mich eine nette College-Geschichte mit einem super Soundtrack und einem interessanten System dahinter, nicht mehr, nicht weniger.

LifeIsStrange_BannerBilder: Dontnod Entertainment und Square Enix

Tobi

Tobi

Mit dem Game Boy startete Tobi seine Reise in die Videospielwelt. Mit dem Sterben der Dreamcast waren seine Konsolenträume jedoch vorbei. Heute nutzt er zum Zocken noch den PC, wenn er nicht gerade analog die Würfel fallen lässt oder liest. Auch in Sachen Musik und Film ist er kein Kostverächter.Tobi war lange als Online-Redakteur unterwegs.

Tobi@Medien-Nomaden.de
Tobi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.