London Calling: Assassins Creed Syndicate

Während die halbe Welt Fallout 4 zu spielen scheint, hat Thomas die Adventszeit mit Assassins Creed Syndicate verbracht. Ubi Soft hat seine Cashcow natürlich auch 2015 an den Start gebracht. Auch wenn der Titel jetzt schon ein paar Tage auf dem Buckel hat: Thomas Meinung wollen wir euch nicht vorenthalten.

Assassins Creed Forever – brauchen wir wirklich jedes Jahr einen neuen Teil? Diese Frage habe ich vor einigen Monaten in meiner Rückschau zur Serie gestellt. Damals stand schon fest, dass auch 2015 wieder ein neuer Ableger erscheinen würde, allerdings noch unter dem Arbeitstitel Victory. Mittlerweile steht das Spiel seit Oktober im Regal (zumindest für die Konsolen, die PC-Version folgte im November), heißt Syndicate und wirft erneut die Frage auf: Hat eigentlich noch jemand Bock drauf? Gerade angesichts des kaputten Zustands, den Unity im letzten Jahr zum Release hatte, war die Zahl der Skeptiker noch größer als ohnehin schon. Ich aber hebe den Finger und sage: Obacht! Der 2015er-Jahrgang bietet zwar keine großen Innovationen, dafür aber jede Menge Spielspaß.

Auf nach London!

London gegen Ende des 18. Jahrhunderts: Im Zeitalter der industriellen Revolution wächst und gedeiht die Stadt prächtig. In den Fabriken südlich der Themse läuft die Produktion auf Hochtouren, auf der Themse herrscht reger Fracht- und Personenverkehr und in Westminster diskutieren die Parlamentarier über neue Gesetze und Verordnungen. Doch über die Stadt herrscht nicht etwa Queen Victoria, sondern Crawford Starrick, seines Zeichens Großmeister der Templer. Starrick hat seine Finger in allen Bereichen im Spiel: Ob in der Politik, im Finanz- und Verkehrswesen oder in der Wirtschaft – nichts geschieht ohne seine Zustimmung. Grund genug für die Assassinen-Zwillinge Jacob und Evie Frye nach London aufzubrechen, um die Metropole endlich aus der Umklammerung Starricks zu befreien.

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Crawford Starick kontrolliert London. Und er ist böse. Ganz furchtbar böse.

Viele Wege führen zum Ziel

Ums vorweg zu nehmen: Die Handlung von Assassins Creed Syndicate gewinnt keinen Preis für besonderen Tiefgang. Eine Charakterentwicklung ist quasi nicht vorhanden, überraschende Wendungen sucht man ebenfalls vergebens. Dass ist aber auch nicht weiter schlimm, denn dafür gibt es von Beginn an ein klares Ziel, dem alles untergeordnet ist: Stürze Crawford Starrick. Um das zu bewerkstelligen, muss der Einfluss der Templer Stück für Stück gemindert werden. Und das gilt eben nicht nur für die abwechslungsreichen Hauptmissionen, sondern auch für die zahlreichen Nebenaktivitäten.

Wir haben die Wahl: Folgen wir nur der Hautpgeschichte und gelangen so am schnellsten an unser Ziel? Oder wollen wir den Einfluss der Templer senken, unsere eigene Position stärken und London so Stück für Stück zurück erobern? Die Handlung beschäftigt uns knapp acht bis zehn Stunden und unterhält dank des hervorragenden Missionsdesigns blendend. Keine Mission spielt sich wie die vorherige, die Aufgaben und Ziele sind immens abwechslungsreich und die Inszenierung ist toll gelungen. Das Highlight sind die Attentatsmissionen, die wir meist am Ende einer Erinnerungssequenz ausführen müssen. Hier haben wir die Wahl, wie wir an unser Ziel gelangen und es eliminieren möchten. Zwar werden uns vom Spiel die unterschiedlichen Optionen sehr deutlich angezeigt. Trotzdem liegt die Entscheidung am Ende bei uns.

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Nur ein kleiner Teil der Spielwelt: London ist zwar kein Ödland, aber trotzdem noch riesig!

Alternativ stürzen wir uns in die offene Welt und erledigen einige der zahlreichen Nebenmissionen. Denn wie es sich für ein gutes Open-World-Spiel gehört gibt es jede Menge zu tun: Wir meucheln Templer, befreien Kinder aus Fabriken, übernehmen feindliche Bandenverstecke und erobern so die einzelnen Bezirke Londons. Wir überfallen Züge, Kutschen oder Boote, erbeuten dabei Geld und Rohstoffe und verbessern damit unsere Ausrüstung oder unsere eigene Straßengang. Oder wir erledigen Aufgaben für historische Persönlichkeiten wie Charles Darwin, Karl Marx oder Charles Dickens. Assassins Creed Syndicate bietet so viele Möglichkeiten. Und das Tolle: Spaß machen sie alle!

Die Mechanik machts

Das liegt auch an der deutlich besseren Spielbarkeit. Die Entwickler bei Ubi Soft haben tatsächlich an jeder einzelnen Mechanik gefeilt und die Ecken und Kanten abgeschliffen, mit denen Unity noch zu kämpfen hatte. Das Schleichen funktioniert dank überarbeiteter Deckungsmechanik jetzt so gut wie nie zuvor innerhalb der Serie – und ist wegen des gerade zu Beginn höheren Schwierigkeitsgrades auch bitter nötig. Auch das Kampfsystem ist jetzt deutlich eingängiger, wenn auch noch nicht perfekt. Man merkt aber sehr deutlich, dass die Entwickler sich mehr in Richtung der Arkham-Spiele orientieren: Kontersystem und Kombozähler könnten glatt aus Batmans Abenteuer entliehen sein. Macht aber nichts, denn die Kämpfe haben Wucht und machen Laune. Nur die Klettermechanik ist hier und da noch etwas fummelig. Dafür gibt es jetzt aber – ebenfalls wie in der Arkham-Reihe – einen Greifhaken, mit dem wir problemlos große Distanzen überwinden und Aussichtspunkte deutlich schneller erklimmen können. Innerhalb der Stadt nehmen wir für weite Strecken eine Kutsche. Die fahren zur Genüge durch die Londoner Straßen und können problemlos durch Knopfdruck übernommen werden – ein Hauch von GTA.

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Finish him! Das Kampfsystem ist noch nicht perfekt, aber sehr gut gelungen.

Team Jacob! Oder Team Evie?

Bleibt noch das dynamische Duo: Die Zwillinge Jacob und Evie Frye sind die Helden von Assassins Creed Syndicate und könnten unterschiedlicher nicht sein. Wie es das Klischee verlangt, ist Jacob der Draufgänger, der gerne erst zuschlägt und dann die Fragen stellt. Er konzentriert sich darauf, Starricks Templer-Offiziere zu eliminieren. Das seine Handlungen manchmal etwas vorschnell sind und teils gravierende Auswirkungen haben, bekommt meistens die besonnene Evie zu spüren, die dann wieder alles ins Lot bringen muss. Wenn sie gerade Mal nicht ihrem Bruder hinterher räumt, verfolgt sie die Geschichte der Assassinen in London und sucht dabei ein verborgenes Vorläufer-Artefakt.

In den Hauptmissionen wird uns vorgegeben, mit welchem der beiden Protagonisten wir losziehen. In der offenen Welt dürfen wir jederzeit wechseln. Spielerisch unterscheiden sich die beiden nur zu Beginn: Jacob ist deutlich besser im Nahkampf, Evie die Frau für die heimlichen Momente. Praktisch: Im Spiel verdiente Skill-Punkte gelten sowohl für Jacob als auch für Evie. Trotzdem dürfen wir beide getrennt voneinander aufleveln. Das ist sinnvoll, denn beide verfügen über je drei individuelle, sehr hilfreiche Fähigkeiten. Wer fleißig Erfahrungspunkte sammelt wird aber mit beiden zwangsläufig das Levelmaximum erreichen. Dann wird das Spiel tendenziell etwas zu leicht – ein Kern-Problem von Open-World-Spielen.

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Gestatten, die Fryes. Jacob ist der Draufgänger, Evie die besonnene Schwester. Tödlich sind sie beide.

Noch ein Wort zur Technik: Syndicate sieht nicht so gut aus wie Unity, läuft dafür jederzeit flüssig und ohne störende Einbrüche. Eine optische Enttäuschung ist London trotzdem nicht: Alle Schauplätze sind detailliert nachgebaut und versprühen eine Menge Flair. Und insbesondere in den Zwischensequenzen machen die detaillierten Charakter-Modelle eine gute Figur. Wenn Evie ihr kleines Näschen rümpft oder ihren Gesprächspartner freundlich anlächelt, dann können auch wir ihrem Charme schlecht widerstehen. Der Sound ist gut, insbesondere die deutschen Sprecher verdienen wieder ein Sonderlob – aber das sind wir von der Serie ja bereits gewohnt. Der Soundtrack ist eher unaufdringlich, passt aber zum Szenario. Allein ein treibendes Thema wie in Black Flag oder in Unity fehlt dem Spiel etwas.

Vize-Meister

Ich mach es kurz: Allen Ermüdungserscheinungen zum trotz hat mir das neue Assassins Creed eine Menge Spaß gemacht. Syndicate ist für mich nach Assassins Creed 2 der beste Teil der Serie und schlägt sogar das hochgelobte Black Flag. Durch die fast schon perfekte Kombination aus abwechslungsreichen Haupt- und Nebenmissionen und dem motivierenden Skill- und Upgrade-System entwickelt das Spiel einen ungeahnten Flow. Nur noch eben diesen Bezirk befreien, nur noch kurz diesen Zug überfallen, nur noch schnell diese Sequenz beenden… Und schon ist der Abend schon wieder vorbei, obwohl man eigentlich nur mal eine Stunde spielen wollte. Diesen Spielfluss hatte zwar auch schon Black Flag, aber in Syndicate ordnen sich eben alle Aufträge einem klaren Ziel unter, wodurch sich das ganze Setting noch homogener und schlüssiger anfühlt.

Natürlich steht und fällt diese Einschätzung damit, was man sich von einem Assassins Creed erhofft. Großartige Innovationen sollte man sich nicht versprechen. Syndicate ist im Kern immer noch ein waschechtes Assassins Creed und verbessert eher etablierte Elemente, als neue zu erfinden. Und auch wer eine interessante, abwechslungsreiche Geschichte erwartet, der ist hier fehl am Platz. Wer allerdings ein umfang- und abwechslungsreiches Open-World-Spiel sucht und voll und ganz in die Welt von Jacob und Evie Frye eintauchen will, der ist hier genau richtig und gut und gerne 40 bis 50 Stunden beschäftigt. Wenn die zukünftigen Serienteile diese Qualität halten, dann können meinetwegen noch einige weitere Assassins Creeds kommen. Ok, gerne auch – wie unlängst spekuliert – erst 2017.

(Bilder: Ubi Soft)

Thomas

Thomas

Seine große Leidenschaft ist das Zocken! Lange Jahre sowohl auf PC und Konsole unterwegs, dominieren dank Gamerscore- und Trophäen-Sucht mittlerweile Xbox und Playstation seine Abendstunden. Vom gradlinigen Ego-Shooter über dunkle Schleichabenteuer bis hin zu riesigen Open-World-Hits wandert fast alles ins Laufwerk. Doch auch im Kino ist er kein Kostverächter. Damit das alles finanziert werden kann, verbringt Thomas die meiste Zeit des Tages als kaufmännischer Angestellter im Büro.
Thomas

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