Masterchief auf Abwegen: Halo 5: Guardians

Der grüne Riese ist wieder da! Zumindest teilweise. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft schickt Microsoft seine Vorzeige-Marke ins Rennen, um potenzielle Käufer für die Xbox One zu begeistern. Thomas hat die Rüstung poliert, das Sturmgewehr geölt und sich in den Kampf gestürzt!

Microsoft bläst in diesem Herbst zur großen Spiele-Offensive. Rennspiel-Fans wurden schon mit Project Gotham Racing 6 bedient, Abenteuer-Freunde dürfen seit dem 13. November mit Lara in Rise of the Tomb Raider auf Erkundungstour gehen. Natürlich darf in diesem Line-Up auch das Flaggschiff nicht fehlen: Halo. Seit Ende Oktober steht Halo 5: Guardians von 343 Industries in den Händler-Regalen. Als Serien-Fan der ersten Stunde konnte sich Thomas diesen Titel natürlich nicht entgehen lassen. Lest hier seine Meinung zur Singleplayer-Kampagne von Halo 5: Guardians!

Seitenwechsel

Hilfe, Supersoldat auf Abwegen! Weil der Masterchief und sein Team Blau (bestehend aus den Spartan-Soldaten Frederick, Linda und Kelly) eigenmächtig einer seltsamen Vision nachgehen, entsendet das UNSC Agent Jameson Locke und das Feuerteam Osiris (Edward Buck, Olympia Vale und Holly Tanaka), um die offenkundig Fahnenflüchtigen einzufangen. Was genau den Masterchief antreibt? Das gilt es in der knapp siebenstündigen Kampagne von Halo 5 herauszufinden.

Oder eben auch nicht, denn tatsächlich liegt der Fokus mehr auf Agent Locke und seinen Gefolgsleuten. In zwölf der insgesamt 15 Missionen übernehmen wir den Serienneuling, den Kenner des Halo-Universums bereits aus der Serie Halo: Nightfall kennen. Wie schon in Halo 2 wechseln wir also die Protagonisten. Spielerisch fällt das nicht weiter ins Gewicht, beide Helden steuern sich identisch. Allein der Geschichte bringt es eigentlich nichts. Wo wir in Teil 2 noch unterschiedliche Perspektiven und mehr über die Hintergründe des Konflikts kennen gelernt haben, würde Halo 5 auch ohne den Seitenwechsel funktionieren. Aus der eigentlichen Jagd machen die Entwickler zu wenig, dafür wirken die Beteiligten zu distanziert.

Halo_5_7

Zentrale Rolle in der Handlung, trotzdem – wie hier – oft nur im Hintergrund: Die namensgebenden Guardians.

Serien-Fans stören sich ohnehin an der Wahl des neuen Helden: Jameson Locke wird nicht näher eingeführt. Wer Halo: Nightfall nicht kennt, der wird ihn gar nicht zuordnen können. Entsprechend unsympathisch kommt er rüber, wenn er sich scheinbar aus reinem Pflichtbewusstsein und ohne jegliche Emotion auf die Jagd nach dem Masterchief, DEN Held der Menschheit, begibt. Nur sein Gefolgsmann Edward Buck, bekannt aus Halo 3: ODST und abermals gemotioncaptured und gesprochen von Schauspieler Nathan Fillion, äußert kurz seine Bedenken, um dann von Locke übergangen zu werden.

Auch der Antagonist, zu dem hier nichts weiter verraten werden soll, bleibt blass. Nur soviel: Seine Wahl ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht eines jeden Halo-Fans, doch obendrein wird seine Motivation auch nicht näher erläutert. Generell ist die Handlung eher unbefriedigend, wirft sie doch mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Schön wäre es gewesen, etwas mehr über die namensgebenden Wächter (engl. Guardians) zu erfahren. Da passt es, dass das Spiel mit einem – wenn auch gut gesetzten – Cliffhanger endet. Wer das Spiel nicht auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad durchspielt, der sollte sich übrigens unbedingt das alternative Ende auf Youtube ansehen. Gänsehaut!

Einsteiger seien an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gewarnt: Wer über keine Vorkenntnisse des Halo-Universums verfügt, der guckt schnell in die Röhre. Dabei reicht es nicht mal aus, die bisherigen Serienteile gespielt zu haben. Warum etwa Edward Buck mittlerweile ein Spartan ist, woher das Feuerteam Osiris kommt, was es mit den Blutsvätern und den Prometheanern auf sich hat und was das Team Blau während Halo 1 bis 4 eigentlich gemacht hat, darüber verliert Guardians kein Wort. Schade.

Schießbude (fast) ohne Höhepunkte

Grundsätzlich ist die Kampagne grundsolide. Die Missionen führen uns über den verschneiten Planeten Kamchatka, den bildhaftschönen Blutsväter-Planeten Genesis und die felsigen Klippen von Sanghelios, die Heimatwelt der Eliten. Abwechslung ist also geboten. Leider kämpfen wir uns dazwischen auch immer wieder durch langweilige Lagerhallen, Fabrikanlagen oder Raumschiff-Hangars. Grundsätzlich arten zu viele Levels in die Aneinanderreihung von Arenen aus, bei denen wir artig Welle auf Welle niederkämpfen, um anschließend voran zu schreiten. Den Satz „Gebiet gesichert!“ haben wir jedenfalls mehr als einmal gehört.

Halo_5_4

Dickes Ding: Der Kraken der Allianz ist der größte Gegner im Spiel, wirklich gefährlich wird er trotzdem nicht.

Toll wird Halo 5 immer dann, wenn sich die Areale öffnen und wir wie auf Sanghelios die Möglichkeit haben, die ganze Breite (und Höhe!) des Schlachtfeldes auszunutzen und uns Fahrzeuge zur Verfügung gestellt werden. Leider wird der Einsatz letzter im Vergleich zu vergangenen Serienteilen gefühlt etwas zurückgefahren. Generell mangelt es der Kampagne an spielerischen Höhepunkten. Es gibt nur einen wirklichen Bossgegner, der dafür mehrfach recycelt wird und leider auch nicht sonderlich spektakulär ist. Und auch den Kampf gegen den mächtigen Kraken der Allianz gab es in ähnlicher Form schon in den Vorgängern. Angst flößt uns das gewaltige Ungetüm ebenfalls nicht gerade ein, ist es doch leicht besiegt und sein Abgang recht unspektakulär. Das hat Halo 3 deutlich besser hinbekommen.

Ein kleines Fest für Augen und Ohren

Ebenfalls nicht ganz so toll: Drei der 15 Missionen sind lediglich Füllmaterial, in denen wir durch eine Kolonie bzw. ein Feldlager stapfen, mit zwei Personen sprechen, um dann zum Ausgang zu rennen. Natürlich können wir uns frei in den Anlagen bewegen und hier und da ein paar Dialoge aufschnappen. Wirklich spannend ist das aber nicht, weshalb man die eigentlichen Infos in einer Zwischensequenz hätte verpacken können. Die gibt es ohnehin immer wieder zwischen den Missionen und sehen einfach nur klasse aus. Gerade die Gesichter hat 343 Industries toll hinbekommen. Edward Buck etwa ist seinem Konterfei Nathan Fillion wie aus dem Gesicht geschnitten.

Halo_5_2

„Ich hab vor mich schlecht zu benehmen!“ Firefly-Legende Nathan Filion guckt finster drein.

Die deutsche Vertonung ist hervorragend, nahezu alle Figuren werden von prominenten Sprechern synchronisiert. Ohnehin ist die ganze Soundkulisse wieder toll gelungen. Bis auf wenige Ausnahmen klingen die Waffen und Effekte schön druckvoll, der serientypisch orchestrale Soundtrack untermalt das Spielgeschehen und die Zwischensequenzen perfekt. Auch die sonstige Präsentation passt. Grafisch stechen vor allem die Außenareale auf den Welten Genesis und Sanghelios hervor, die Innenareale sind leider recht trist und fallen etwas ab. Maßstäbe setzt Halo 5 damit nicht, dafür läuft das Spiel permanent butterweich bei 60fps (frames per Second = Bilder pro Sekunde).

Spielgefühl nahe der Perfektion

Apropos butterweich: Nach wie vor DIE Stärke von Halo ist sein unbeschreibliches Spielgefühl. Außer vielleicht Destiny von den Halo-Erfindern Bungie steuert sich kein Ego-Shooter auf Konsole so traumhaft direkt und präzise. Es ist einfach eine Wonne, kurz vorzupreschen, das Magazin zu leeren, die Waffe zu wechseln, in Deckung zu hechten und von dort aus Gegner mit präzisen Schüssen außer Gefecht zu setzen. Das Waffenarsenal ist umfangreich, auch wenn sich einige Wummen doch sehr ähnlich sind. Ob nun Schrotflinte oder Streugewehr der Promethaner, ob Kampfgewehr oder Karabiner der Allianz – am Ende macht das keinen Unterschied. Dennoch bieten die Knarren Möglichkeiten für verschiedene Vorgehensweisen.

Halo_5_8

Goldener Elite mit Partikel-Schwert – dank der präzisen Steuerung nehmen wir ihn trotzdem aufs Korn.

Die Gefechte gegen die clevere KI sind und bleiben das Prunkstück von Halo. Dennoch hat 343 in Teil 5 einige Neuerungen eingebaut, die sich wirklich gut einfügen. Zum einen verfügen wir nun über Schubdüsen, mit denen wir kurz in alle Richtungen ausweichen können oder im Sprung weite Abgründe überwinden. Außerdem können wir uns nach einem Sprung an Kanten festhalten und hochziehen. Klingt unspektakulär, tatsächlich können wir dadurch aber höher gelegene Ebenen erreichen. Die Gefechte spielen sich damit nochmal eine Spur flotter und dynamischer. Nett, aber nicht kriegsentscheidend ist die Tatsache, dass wir mit jeder Waffe jetzt auch über Kimme und Korn zielen dürfen.

Der letzte Tick fehlt

Und was taugt Halo 5: Guardians nun? Nach einmaligem Durchspielen der Kampagne bin ich noch unschlüssig. Mein Kopf sagt, dass es ein hervorragender Shooter ist. Die Präsentation stimmt, es ist auf Hochglanz poliert und es spielt sich traumhaft wie eh und je. Aber mein Herz sagt: Das geht noch besser! Mit einer besseren Hintergrundgeschichte! Mit mehr Emotionen! Mit echten Höhepunkten! Wie schon bei Halo 4 hatte ich bei Guardians das Gefühl, dass das gewisse Etwas fehlt.

Natürlich, auch die früheren Teile waren nicht immer perfekt. Wer sich über sich widerholende Arenen-Kämpfe beschwert, der möge noch einmal den Level „Die Bibliothek“ aus dem ersten Halo spielen. Aber: Das war vor fast 15 Jahren. In Halo 5 funktionieren zu viele Abschnitte nach dem Schema: Erst sichern, dann geht’s weiter. Das haben alte Serienteile schon deutlich besser hinbekommen.

Ich traue es mich fast nicht zu sagen, aber es scheint, als wäre 343 Industries nicht so talentiert wie Bungie, die mit der ersten Trilogie und Halo Reach vier Meisterwerke abgeliefert haben. Halo 5: Guardians ist ein sehr guter Shooter, einer der besten des Jahres (wenn auch in Ermangelung von Konkurrenz) und natürlich ein Pflichtkauf für Genre-Fans mit einer Xbox One. Für den Shooter-Olymp reicht es aber auch im zweiten Anlauf nicht. Ich hoffe, dass 343 mit Halo 6 wieder in diese Sphären vorstoßen kann. Zu wünschen wäre es der Serie allemal.

Bilder: Microsoft und 343 Industries

Thomas

Thomas

Seine große Leidenschaft ist das Zocken! Lange Jahre sowohl auf PC und Konsole unterwegs, dominieren dank Gamerscore- und Trophäen-Sucht mittlerweile Xbox und Playstation seine Abendstunden. Vom gradlinigen Ego-Shooter über dunkle Schleichabenteuer bis hin zu riesigen Open-World-Hits wandert fast alles ins Laufwerk. Doch auch im Kino ist er kein Kostverächter. Damit das alles finanziert werden kann, verbringt Thomas die meiste Zeit des Tages als kaufmännischer Angestellter im Büro.
Thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.