Nachrichtensendungen und ihre Zukunft

Rundfunknachrichten erfahren, genau wie ihre Printbrüder und -schwestern, in jüngster Zeit Reichweiten-Probleme; gerade bei den Jungen. Und obwohl es den Fernsehformaten (noch) nicht schlecht geht, ist es an der Zeit über die Konzepte der Nachrichtensendungen nachzudenken.

Als 1996 im Arbeitszimmer meines Vaters das ewig zirpende Texas-Instruments 56k-Faxmodem versuchte, die taufrische Homepage der „Rheinischen Post“ aufzubauen, war mir – dem 11-Jährigen Steini – sofort klar: Print ist tot! Kurz darauf schmierte das Modem unter der „enormen“ Datenlast ab. Und Print ist immer noch da… .

Gott sei Dank! Aber die Zeitungsverlage kämpfen gegen den Bedeutungsverlust. Redaktionen werden zusammengestrichen, Blätter eingestampft und Auflagenzahlen nach unten korrigiert. Das geschieht seit Jahren und ist bekannt. Bekannt ist ebenfalls, dass sich unsere Medienkompetenzen immer mehr ausdifferenzieren. Auch TV-Nachrichtensendungen verlieren die Aufmerksamkeit ihres Publikums. Die populistische Frage: Gibt es die Tagesschau in 50 Jahren noch?

Medialer Royal Rumble und das Riepl´sche Gesetz

Die kurze Antwort: Ja, klar! Spannend ist und bleibt aber, wie unsere alten Nachrichteninstitutionen in der Zukunft aussehen werden. Unabredbar ist, dass Nachrichtenmedien wandlungsfähig sind. Das müssen sie auch sein. Der spirituellen Vorgänger der Zeitungen waren die Handelsbriefe der Kaufleute, die sich die Fugger- und Hansedynastien hin und her schickten. Die hatten schon zeitungsähnliches Format, waren aber nicht für Jedermann verfügbar. Die ersten Tageszeitungen, die Mitte des 17. Jahrhunderts gedruckt wurden, waren für Jeden, der sie lesen und sie bezahlen konnte, erhältlich. Wirkliche Informationsmedien wurden sie erst über die Zeit. Dann kam der Hörfunk, dann der Rundfunk und zu guter letzt das Internet. Alle sind noch da und werden es aller Wahrscheinlichkeit auch bleiben. Selbst die alten Handelsbriefe gingen in Wirtschaftszeitungen auf – sehr zum Leidwesen der berittenen Fuhrunternehmen, die diese einst zustellten.

In Deutschland haben wir ein breites informationsangebot und einen regen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Menschen. Man kann erahnen: Nachrichtenmedien kämpfen und kämpften immer um Vielerlei. Relevanz, Reichweite und Erlöse sind nur wenige der streitbaren Punkte – Fernsehnachrichten bilden hier keine Ausnahme. Nachrichtenmedien müssen sich stets entwickeln. Es gibt immer das Eine. Das Neue, was viel mehr kann, schneller und einfacher zu bedienen ist. Die Reaktion darauf ist entscheidend. Etablierte Instrumente des Informations- und Gedankenaustausches werde nie völlig ersetzt oder verdrängt. Das hat Wolfgang Riepl 1913 postuliert und trifft auf Nachrichtenmedien immer noch zu. Was jedoch einen grundlegenden Wandel erfährt, ist unser Umgang mit – und unser Verständnis von – Nachrichten.

Tagesschau und Co.: Alte Prinzipien, neue Gewänder

Nun den TV-Nachrichtenmedien eine Krise anzudichten, wäre falsch (das besorgen diese virtuos selbst). Das würde auch nicht den Tatsachen entsprechen. Die „Tagesschau“ der ARD ist laut GfK außerordentlich wertstabil. Dennoch ist sie seit 1952 inhaltlich unverändert. Das ist bemerkenswert, bedenkt man die technologischen und sozialen Wandel, die sie erfahren und über die sie informiert hat. Es gibt wandlungsfähigere TV-Nachrichtensendungen. Wie zum Beispiel „RTL II News“, die schon seit langer Zeit eher boulevardeske Themen, den politischen Nachrichten vorziehen. Was oft belächelt wird, hat Erfolg: 2013 konnte die Nachrichtensendung der RTL-Group erstmals mehr 14-49 jährige erreichen, als die „Tagesschau“.

Endlich! Bushido und Eko sind wieder Buddies!

Endlich! Bushido und Eko sind wieder Buddies! (Photo: RTL II)

Dass die alten Institutionen der vorabendlichen Information nicht unantastbar sind, liegt auf der Hand. Ex-RTL Boss Helmut Thoma giftete sogar mal in die Richtung der ARD-Verantwortlichen: „Die Tagesschau ist keine Sendung, sondern pure Gewohnheit. Die kann man auch in Latein verlesen.“ Thomas´ Schelte transportierte eine generelle Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen, sowie den Befund, dass Formate wie die „Tagesschau“ und das „Heute Journal“ (ZDF) ein Anachronismus seien. In der Tat bewegen sie sich nur eindimensional. Der beigestellte online-content zielt auf einen reinen Erkenntnisgewinn ab, eine Interaktion bleibt, bis auf die Kommentierung von Nachrichten, aus. Reicht das einer heranwachsenden Generation noch, die so selektiv und teilnehmend in ihrem Medienkonsum geworden ist?

Partizipation und Infotainment!?

Wenn uns das Beispiel von „RTL II News“ eines zeigt, dann dass eine Verbindung von Entertainment und Information von vielen jungen Zuschauern erwünscht ist. Das muss man wertfrei betrachten. Viele jüngere Zuschauer wünschen sich auch mehr Teilhabe. Gerade das ZDF versucht hier mit Innovation und neuen Konzepten Zuschauer zu gewinnen. „ZDF Heute“ brüstet sich mit „Nachrichten mit Erklärkompetenz“. Wie viel von dieser Kompetenz dann bei dem Zuschauer ankommt, ist ungewiss. In den USA gibt es eine aktuelle Erhebungen, die zeigt, dass die Satire-Sendung „The Colbert Report“ das komplexe Thema Kampagnen-Finanzierung und Geldspenden im US-Wahlkampf besser erklärte, als richtige Nachrichtensendungen es vermochten. HBO´s John Oliver informierte seine Zuschauer gekonnt über das Thema Netz-Neutralität. Wiederum besser als CNN und Co.. Oliver zur FIFA und der WM 2014:

 In Deutschland gibt es auch schon seit längerem Nachrichten-Satire (Zum Beispiel die „Heute Show“), jedoch keine Erhebung dazu. Sollen jetzt Nachrichten zu Entertainment verkommen? Politainment, Edutainment, oder gar Hipstertainment?! In keinster Weise. Jedoch geht es darum sich weiterzuentwickeln – darum ging es ja schon immer. Ein neues Studio und die Synchronstimme von Angelina Jolie helfen da nur bedingt. Der Vorwurf der jüngeren Menschen, die Öffentlichen-Rechtlichen würden Klientel-Fernsehen für die Generation 60+ produzieren, hilft genauso wenig, wie er richtig ist. Selbst die älteren Kohorten werden in ihrer Medienkompetenz immer sicherer. Daraus folgt: Ein Interesse an Neuem ist da, dass lässt sich nicht weg-konzipieren. Genauso wie sich das Radio mit Twitter um den Titel „Schnellster Informationsträger“ schlagen muss, müssen auch Nachrichtensendungen sich auf kurz oder lang einer neuen Nachfrage stellen. Neue Konzepte lohnen sich allemal. Leider ist damit viel „Trial and Error“ verbunden. Das war schon immer so. Der Friedhof der Zeitungen kann davon viele Klagelieder singen.

Denn schon jetzt informieren wir uns sehr selektiv. Können die heutigen Nachrichtensendungen überhaupt ein personalisiertes Informationsangebot leisten? Entlang der Linien von „On Demand“? Das Internet bietet das gewiss. Einen Königsweg gibt es für die etablierten Nachrichtensendungen hierbei nicht. Es bleibt abzuwarten ob und wann die TV-News Industrie auf diese Punkte eingeht. Am spannendsten dabei: Was wird geändert? Die Debatte um die Kommentarfunktion auf „tagesschau.de“, deren angedachte Schließung und der damit verbundene Aufschrei zeigen nur eines: Der Weg zurück ist viel zu unpopulär, als das er eine Option darstellen könnte. Die größte Herausforderung für die Nachrichtensendungen wird ohnehin die Interaktion mit ihrer Community sein. Ein Problem; denn viele der Sendungen sind gar nicht dafür gedacht, wie die Kritik an der Berichterstattung über die Ukraine-Krise zeigt.

Was denkt ihr? Wie werden Tagesschau, Heute Journal und Co. in 20 Jahren über die Mattscheibe flimmern?

Fotos: ARD/Das Erste, RTL II

Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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