VRRROOOMMMM! – Project CARS

Eine von Steinis größten Leidenschaften sind Autorennspiele. Der Möchtegern-Rennfahrer hat bereits Anfang des Jahres Project CARS vorbestellt. Das Warten hat sich gelohnt! Neben epischer Präsentation, gelingt dem virtuellen Racer ein beeindruckender Spagat.

Donnerstag, 7. Mai 2015. Es ist 0.30 Uhr. Steam schaltet Project CARS frei. Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Obwohl ich in sechs Stunden Aufstehen muss, ist mein Gewissen, nach der handelsüblichen Selbst-Beschwichtigung („Eine halbe Stunde tut doch keinem weh.“), rein als ich das Intro vor meinen Augen flackern sehe. Man kann sich denken, dass es eine sehr lange halbe Stunde wurde – gemessen an meinen Augenrändern, behielt die Nacht überhaupt keinen Schlaf für mich bereit. Was nicht stimmt! Als ich mich um vier Uhr morgens ins Bett schlich, konnte ich aber nur schwer einschlafen.

Das demokratische Rennspiel

Ein paar Tage sind nun ins Land gezogen und man kann endlich objektiv über den Titel sprechen, der am vergangenen Donnerstag für den PC erschienen ist. Project CARS (Community Assisted Racing Simulator) ist eine durchaus romantische Geschichte. Entwickler Slightly Mad Studios veröffentlichte die Rennsimulation nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne selbst. Unterstützer konnten sich sogar in die Spiele-Entwicklung „einkaufen“. QA, Marketing oder Content-Kreation die dadurch möglichen Aufgaben, nahm die Community gerne wahr. Darüber hinaus bekommen die Spieler/Entwickler/Backer sogar Tantiemen. Den Grad der Ausschüttung bestimmt das erworbene Paket. Die Zukunft wird zeigen, inwiefern dies ein veritables Geschäftsmodell ist, lesen und denken tut es sich aber sehr gut.

Project CARS ist die enge Vernetzung von Community und Entwickler in jedem Fall zu Gute gekommen. Dass von Bandai Namco Entertainment vertriebene Rennspiel ist in jeder Hinsicht wundervoll austariert. Das Produkt ist professionell und von der Aufmachung ein AAA-Titel. Ein kleines Video – ganz ohne Schwafelei und Musik:

Zurück in die Nacht! Das Intro lässt mich noch kalt. Rennspiele haben in der Regel immer eine gute Aufmachung. Project CARS reiht sich hier still in den Kanon ein. Nichts besonderes. Dann kommt die „Einrichterei“. Screenshots und Trailer lassen mich an dem Vermögen meines Rechners (der eigentlich sehr gut ist) zweifeln, das Spiel in seiner ganzen Pracht darzustellen. Nach ein paar Testläufen stelle ich fest, Project CARS ist super optimiert. Ich kann mit meiner Nvidia GTX 770 das volle Programm genießen (Wie es scheint hat man mit ATi-Produkten Leistungseinbußen). Und meine Güte, welch´ eine Augenweide das Spiel geworden ist! Die Sonne wird mein ärgster Wiedersacher. Ihre Reflektionen sind dermaßen realistisch hergebracht und gleißend, dass ich mehrmals in das Kiesbett fliege. Genial!

Ein stiller Arbeiter

Dennoch hat man nie das Gefühl, Project CARS würde mit seiner bombastischen Optik hausieren gehen. Auch weil alles Andere stimmt. Die Geräuschkulisse ist durchaus bedrohlich und mechanisch. Turboaggregate spulen schrill, die Karoserie ächzt – wer die Helmperspektive wählt fühlt sich wie ein Berufsrennfahrer. Wettereffekte sind beinahe photorealistisch. Boxenfunk ist klasse. Kurzum: Alles super. Herrlich unaufgeregt – gar zwangslos – als ob es diese Art von Immersion schon seit Jahrzehnten geben würde.

Das Zusammenspiel der äußeren Faktoren gelingt Project CARS sehr gut, doch einen virtuellen Rennfahrer haut das nicht vom Hocker. Der Genrestandard ist – wie erwähnt – recht hoch. Ob ein Rennspiel als gut oder schlecht empfunden wird, bestimmen andere Faktoren. Allen voran das Handling. Nun bin ich nicht der Fachmann, der ich in Rennspielen gerne sein würde, habe aber viele Titel gespielt und würde mich als Amateur mit hohem (Selbst-)Anspruch verstehen. Wichtig, weil manche virtuelle Piloten einen hohen finanziellen Aufwand betreiben, ein Rennwagen Cockpit im Arbeitszimmer nachzubauen. Das mache ich nicht, habe aber ein Lenkrad am Schreibtisch montiert und ein wenig Erfahrung. Mit einer beinahe zwanzig-jährigen virtuellen Renngeschichte, kann ich ehrlich berichten, dass Project CARS ein geniales Fahrgefühl simuliert. Das Beste, was ich je erleben durfte.

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Nahe am Photorealismus. CARS´ Grafik weiß in vielen Belangen zu überzeugen. (Photo: WMD Community)

Man bekommt soviel Feedback. Man weiß sofort, wo die (eigenen) Fehler liegen. Jedes Auto fühlt sich anders an, jede Strecke ist unterschiedlich. Das wichtigste: Das erfährt der Spieler alles ohne Hexerei. Project CARS ist hier, wie in der Präsentation schon beschrieben, es hält sich zurück. Dennoch kommt alles dort an, wo es gebraucht wird. Jede Kurve ist ihr eigenes Biest, man fühlt den Wagen und weiß genau, was man nach einem Ausflug in die Reifenmauer falsch gemacht hat. Das Erlebnis des virtuellen Fahrens, vermittelt der Racer so gut, dass man einfach nur fahren will – ob mit oder ohne Gegner, wird dabei eher nebensächlich. Das Rundendrehen macht unglaublich viel Spaß. Das hat Folgen: Gut fahren, kann in Project CARS jeder. Wirklich gut fahren, ist ein attraktives Arbeitsziel und erfordert Übung.

Der schwere Spagat

Eine Kurve! Ich konnte sie auch im x-ten Anlauf nicht vernünftig nehmen… . In der Nacht zu Donnerstag war der Fehler – wie so oft – nicht das Werkzeug, sondern der Anwender. Ich vermochte einfach keine saubere Linie zu finden. Das nagte an meiner Ehre und stahl mir den Schlaf. Rennspiele, die ein wenig mehr darstellen wollen, als nur Lenken, Gas und Bremsen, können furstierend sein. Project CARS will hier mehr als die Arcade-Zunft, bleibt jedoch immer motivierend. Und wenn es gar nicht geht, kann man immer noch Physik, Fahrverhalten und Schwierigkeitsgrad individuell anpassen. Dabei gibt es nur Schieberegler, keine Drop-down Menüs. KI-Fahrer-Können: 0-100! Ein Zugeständnis an Simulationsfreunde.

Project CARS Artikel 1

Joe Bananas goes bananas! Kein Kettenraucher, sondern ein Motorenzertreter.

Project CARS ist wie ein technisch gutkonstruiertes Auto. Es lässt Jedermann auf einer Rennstrecke gut aussehen, weil es einfach zu bedienen und zu internalisieren ist. Vom achtjährigen Arcade-Daddler bis zum 50-Jährigen Motorsportenthusiasten – der Titel beherbergt jeden und lässt den Spielern alle Wege offen. Ich kann die Telemetrie des dritten Sektors vergleichen; muss ich aber nicht. Ich kann den Diffusor zwei Millimeter verstellen, oder lasse es meinen Rennmechaniker entscheiden. Wenige Artgenossen schaffen das so unaufdringlich und natürlich, wie CARS. In der Vergangenheit leisteten sich hier viele Rennspiele immer einen kleinen Bias.

Slightly Mad Studios codeten früher die beiden Shift-Teile der Need for Speed-Serie. Die wurden zum Ende hin immer zu simulationslastig für Hobby-Piloten, während die Gewerkschaft der virtuellen Hardcore-Fahrer die Nase rümpfte, da man den Reifendruck nicht auf drei Nachkommastellen einstellen konnte (Und natürlich wegen des Input-Lags). Ähnliches könnte man auch über Gran Turismo oder andere moderne Titel sagen. Project CARS ist das erste Rennspiel, dass den Anspruch für jeden da zu sein, nicht auf der Fahne stehen hat, ihn aber dennoch am Besten erfüllt. Wer jedoch einen reinen Selbstläufer erwartet, wird enttäuscht werden. Project CARS verlangt ein Mindestmaß an zeitlicher Zuwendung vom Spieler. Einsteigen und sofort Rennserien gewinnen ist nicht. Doch Erfolge lassen sich sehr schnell feststellen.

Mach was Du willst! Aber verbrenne Sprit und Reifen!

Es gibt keine narrative Kampagne, keine Erfahrungspunkte und keinen Cash. Der Spieler darf eine Karriere starten und dabei auswählen in welcher Rennklasse er mitfahren will. Go-Karts oder doch Formel 1? Dem Spiel ist es egal. Gute Ergebnisse machen andere Rennställe aufmerksam, die bieten dem Spieler dann einen Wechsel in eine andere Rennklasse an. Und obwohl es dem Spiel egal ist, was man macht und es außer Meisterschaftspunkten Nichts zu holen gibt, hat jedes Rennwochenende, jede Rennklasse ihren Reiz und ihre Wertigkeit. Wer das Qualifying überspringen möchte; der macht das einfach. Man kann sogar komplette Rennen simulieren.

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Ne! Der Pagani! Project CARS kann auch den „fatalen Betriebsfehler“ gut in Szene setzen. (Photo: WMD Community)

Die wenige Kritikpunkte, die sich Project CARS von meiner Seite gefallen lassen muss, sind dann aber auch der spielerischen Freiheit geschuldet. Die sportliche Seite der Karriere ist makellos. Aber Erfolge könnten ruhig ein bisschen mehr zelebriert werden. Nach einem Sieg, bekommt man lobende Emails vom Teammanager und die Pseudo-Anhängerschaft frohlockt im simulierten Social-Feed. Mein Rennfahrer – Joe Bananas – musste einmal vom letzten Platz aus in ein Rennen gehen. Die Aufholjagd bei strömenden Regen endete auf dem vierten Platz. Bananas Fans hingegen sahen die Saison, trotz drei Siegen, als gelaufen an. Kein Wort über die schweißtreibende Aufholjagd?! Naja, vielleicht eine kleine Cutscene mit Siegerehrung? Sponsor-Deals? Würde doch niemanden vor den Kopf stoßen. Die KI ist manchmal ein wenig zu rabiat, teilweise sieht die Streckenumgebung arg steril aus und bei einem Fahrerfeld von 40 simulierten Boliden, knickt die Performance des Spiels ein wenig ein. Aber das sind für mich Nicklichkeiten. Der Multiplayer funktioniert gut, die Community liebt ihr neues Baby, ein Rennen nach seinem Gusto findet man schnell. Die Circuits (30 Kurse in 110 Variationen) sind alle Original und abwechslungsreich. Die Zahl der steuerbaren Vehikel (74) wird Gran Tursimo-Jünger nicht vom Hocker hauen, reicht aber voll und ganz aus. Optisches Tuning gibt es nicht. Alles verschmerzbar, weil der Titel des englischen Entwicklers alle anderen Boxen abhakt.

Abschließende Worte! Project CARS könnte der Brückenschlag zwischen den zwei antagonistischen Communities von Arcade-Spielern und Simulationsfanatikern sein. Das Spiel glänzt durch seine Freiheiten und Möglichkeiten. Das Drumherum stimmt auch. Es fehlt leider nur die Aufmerksamkeit. Selbst Gamer, die eigentlich einen weiten Bogen um das Genre machen, sollten sich das Spiel anschauen, weil es diese Aufmerksamkeit verdient, aber – für das Spiel typisch – nicht einfordert. Der Preis ist mit 50 Euro gesalzen, doch Project CARS liefert für virtuelle Rennfahrer ab. Doch „genre-Ferne“ werden durch das Eintrittsgeld eher abgeschreckt werden. Dennoch lohnt der Blick und einen Sale wird es in der Zukunft bestimmt auch geben. Neben der PC-Version darf man den Racer auch auf Playstation 4 und Xbox One genießen.

Photos: Slightly Mad Studios, WMD Community

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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