Qualitätsserien VII: Warum wir Geduld brauchen

Im vergangenen Teil der Reihe versuchte sich Steini in einer Erklärung, warum sich deutsche Sendeanstalten schwer tun, eigene Qualitätsserien zu produzieren. Das Thema ist komplex, das ist Deutschland dann auch eigen. Aber gibt es Hoffnung für deutsche Qualitätsserien?

In Teil Sechs haben wir uns daran gemacht, das große Thema Qualitätsserien in Deutschland zu erschließen und uns der Frage gewidmet, warum es keine domestischen Produktionen gibt, die der US-amerikanischen Konkurrenz das Wasser reichen können. Angefangen bei der starren Senderstruktur in Deutschland, über Zuschauerpräferenzen bis hin zu einer Risikoaversion der deutschen Entscheidungsträger. Wir haben sogar das alte Schlachtross Medienkompetenz ins Felde geführt. Was hindert uns denn noch?!

Deutsch = Unkewl, ey!?

Dass sich gerade in den letzten Jahren Deutschland als attraktiver Handlungs- und Produktionsort für internationale Qualitätsserien/Filme (aktuelles Beispiel Homeland) herauskristallisiert, scheint antithetisch. Man mag meinen, dass der junge Deutsche Deutschland als Sujet eher langweilig findet. Eine Disparität, denn die Cultural Proximity-These besagt genau das Gegenteil. Dass Menschen sich gerne thematisch mit „nahen“ Themen befassen, scheint in Deutschland eher auf die älteren Kohorten zuzutreffen. Auch das belegen Einschaltquoten. Das Interesse an Deutschland als Handlungsort kann anscheinend nur limitiert geweckt werden. Man denke hier an die Ostalgie-Welle vor ein paar Jahren, samt der medialen Aufbereitung. Sonst – so auch mein subjektiver Eindruck – bietet Deutschland nicht denselben Appeal, wie zum Beispiel die USA. Das ist tragisch, weil sich inländische Formate um den Zuschauer bemühen, jedoch weniger in serieller Form.

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Carrie Mathison (Claire Danes) schlaflos in Berlin. Die fünfte Staffel von Homeland behandelt unter anderem den Anschlag auf die Redaktion Charlie Hebdos. (Photo: Daily Mail)

Deutsche Produzenten stehen ihren internationalen Zunftsgenossen gewiss in Nichts nach. Der determinierende Faktor ist nur, ob und in welcher Form man seine handwerklichen Fähigkeiten verwenden und ausleben darf. Angebot und Nachfrage diktieren natürlich auch hierzulande die Budgetierung von Fernsehproduktionen. Wirtschaftliche Ungewissheit lässt die privaten Anbieter eher zurückschrecken. Die Öffentlich-Rechtlichen haben ihren normalen Serienbesatz und in der Regel – bis auf wenige Ausnahmen – keinen Expansionsbedarf. Was Deutschland kann, zeigt sich dann meist in Spielfilmformaten, oder in Hybriden, wie zum Beispiel den jeweiligen Tatort-Reihen. Das Risiko ist hier gering; der Gewinn kalkulierbar. Ein weiteres Problem ist die Unmündigkeit deutscher Produzenten.

Keine Macht den Autoren und das Diktat der Quote

Einer der größten Triumphe die HBO („Die Mutter aller Qualitätsserien“) als moderne Sendeanstalt feiern darf, ist die künstlerische Freiheit, die der Sender mit Sitz in New York seinen Produzenten zugesteht. Auch das halten deutsche Sendeanstalten anders: Die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich für ihre Produktionen oft vor verschiedenen Anstalts-Gremien; jedoch immer vor dem Volk verantworten. Alltagsmedien und Blogs springen hier meistens auf. Auch wir! Die privaten Sender setzen im Quoten-Grabenkrieg auf vorsichtige Innovation und Nutzung bestehender Ressourcen. Eine inhaltliche Liberalisierung lässt sich zwar beobachten, dennoch ist beispielsweise der Tatort-Giftschrank immer noch prall gefühlt.

Quote und beschnittene künstlerische Schaffenskraft sind die Hauptangriffspunkte, die in das Feld geführt werden, um zu erklären, warum sich deutsche Sendeanstalten – wenn überhaupt – sehr zaghaft Qualitätsserien zuwenden. Quote hat Qualität in Deutschland ersetzt, könnte man polemisieren. In der Tat die Munition dafür ist da: Man gibt Millionen für Show-Formate oder Olympiaübertragungen aus, während innovative Konzepte schlichtweg „zu teuer“ sind. Anstatt den Zuschauer langsam an neue Erzählstrukturen heranzuführen; anstatt ihn langsam und vorsichtig in komplexeren Mechanismen zu schulen, greift man auf Altbewährtes zurück.

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Das Team des Dortmunder Tatorts (vLnR: Stefan Konarske, Aylin Tezel, Anna Schudt und Jörg Hartmann). Die WDR-Produktion schmückt sich mit horizontaler Erzählweise. (Photo: WDR)

Fairerweise sei hier gesagt, dass große amerikanische Produktionen in Deutschland floppen können. Die zweite Staffel von Homeland erwirtschaftete einen Marktanteil von 6,5 Prozent. Kein Wunder, wenn man die erste Spielzeit der Agenten-Hatz auf den 23.15 Uhr-Slot legt. House of Cards wurde in Deutschalnd mit Verspätung ausgestrahlt. Die Quote dementsprechend, da sich die anvisierte Zielgruppe bereits online bedient hatte. Ich denke wir haben in Deutschland einen Markt für Qualitätsserien, der aber von den genannten Faktoren erdrückt wird. Wie kommen wir nun zum deutschen Quality-TV?

Es bedarf einer langsamen Entwicklung

Jetzt die Geldsäcke auszuleeren und deutsche Qualitätsserien zu produzieren, würde nur den Kritikern Recht geben. Ein deutsches The Wire, sehe ich noch nicht realisierbar, wenn man an die wirtschaftliche Subsistenz eines solchen Projektes denkt. Wir brauchen langsame Entwicklungsschritte, die aber zwingend getan werden müssen, um qualitativ hochwertige Formate in Deutschland zu etablieren. Medium und Rezipient dürfen dabei nicht auf der Strecke bleiben. Ich denke, eine vorsichtige Annäherung ist für alle Involvierten der beste Schritt, gerade weil sich unsere Rundfunklandschaft in einem starren Korsett befindet.  Eine Abkehr von der Quoten-Fixation wäre wünschenswert, ist aber unrealistisch. Man muss bedenken: Nicht jede Qualitätsserie ist ein Initialerfolg. The Wire wäre um ein Haar nicht über die zweite Staffel hinaus gekommen und gilt Heute als eines der besten modernen Fernsehdramen. Six Feet Under brauchte auch etwas Zeit, um angenommen und wahrgenommen zu werden. Dieses Verständnis muss bei Produzent – und gleichsam beim Zuschauer – geschaffen werden.

Indes will sich eine treibende Kraft hinter Qualitätsserien in Deutschland nicht als solche zu verstehen/erkennen geben. Die Katalysatoren für die teuren Produkte waren stets risikobereite Akteure und ein endogener Zwang. HBO ging es zwar wirtschaftlich nicht schlecht, wollte aber mehr Marktanteile, darauf folgten die einschlägigen, genre-begründenden, Serien. Sky, der deutsche Pay-TV Ableger des großen Sky, will diese Innovation nicht forcieren, unterstreicht aber seit Jahren die Absicht eigenen Content zu produzieren. Bis dato kam da nichts. Wer will es den Leuten aus Unterföhring auch verübeln? Sie haben bereits einen HBO-Deal (Sky Atlantic) und Zugriff auf die neusten Inhalte des amerikanischen Pay-TV Giganten. Ich hoffe dennoch, dass eine Innovationsleistung der Sky-Macher nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Generell: Sendeanstalten müssten ihre Erwartungshaltung gegenüber der Quote etwas zurückschrauben, den Autoren mehr Freiraum geben und darauf achten, dass das Publikum die Entwicklungsschritte mitgeht. Es scheint die Quadratur des Kreises, doch ein Markt ist in Deutschland existent. Fernab von dem wollenden Zuschauer, haben wir alle Mittel, qualitativ hochwertige, serielle Formate zu realisieren. Wenn dieser Prozess jemals angestoßen wird, ist von allen Seiten Langatmigkeit verlangt.

Es tut sich was im deutschen Lande

Deutschland und Qualitätsserien! Ein wahrlich komplexes Thema. Gerne möchte ich nochmal auf die Serie KDD – Kriminaldauerdienst hinweisen. Die deutsche Produktion wurde von 2007 bis 2009 im ZDF ausgestrahlt und besaß alle Ingredienzien zur Qualitätsserie. Eine horizontale Handlungsspanne, vielschichtige Charaktere und ein interessantes Sujet. Tolle Serie, beste Kritiken und ein kommerzieller Flop. Vielleicht ein Beleg dafür, dass neue Sehgewohnheiten trainiert werden müssen. In jedem Fall aber ein Indiz, dass deutsche Sendeanstalten serielles Erzählen durchaus darstellen können und in der Vergangenheit dahingehend nicht untätig waren. Das Scheitern des KDD – Kriminaldauerdienst kann auf viele Gründe zurückgeführt werden – einen Blick ist die Serie aber dennoch wert.

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Die ZDF-Produktion KDD-Kriminaldauerdienst wurden von den Kritikern gefeiert, während der Zuschauer die Nase rümpfte. (Photo: ZDF)

Ungewiss ist, ob dieser Artikel überhaupt noch Relevanz hat. Für uns Medien-Nomaden ist Relevanz zwar relativ, aber wer über deutsche Qualitätsserien sprechen möchte, muss die aktuelle Entwicklung mit einbeziehen. Und die sieht vielversprechend aus! Die ARD hat gerade die dritte Staffel Weissensee ausgestrahlt. TNTs Weinberg ist neu gestartet, konnte sich aber nur einen Mikro-Marktanteil (0,01%) sichern. RTL hat Ende November Deutschland 83 am Start. Die von der UFA produzierte Spionageserie wurde in den USA bereits ausgestrahlt und von den Kritikern geadelt. Ich erwarte mit Spannung, wie wir die Serie annehmen werden.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: Daily Mail, WDR, ZDF, TNT, UFA, ARD

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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