Qualitätsserien II: The Wire

„It´s Baltimore, Gentlemen. The gods will not safe you.” „The Wire“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach die erfolgreichste, ambitionierteste und beste Qualitäts-Fernsehserie, die ihr noch nie geguckt habt. Es gibt sogar ein Gewinnspiel!

Und das hat seine Gründe. „The Wire“ ist eine Serie, die deutlich komplexer ist, als ihre Artgenossen. Ein wahres Schwergewicht unter den Qualitätsserien. Roh, fordernd, realistisch und verstörend. Dennoch steht am Ende der fünf Staffeln das Gefühl etwas geschafft zu haben; an Erfahrung und Einblick reicher geworden zu sein. In der Tat vermittelt „The Wire“, wie keine andere Serie die ich gesehen habe, Zeugenschaft und Teilhabe an dem, was sie behandelt und darstellt.

Ein kleines Vorwort: Ich bin von wenigen Sachen Fan. Ich mag Eishockey (Go Leafs!), Mettbrötchen und – neben ein paar anderen Dingen – “The Wire”. Ein Artikel über seine Lieblingsserie zu schreiben ist Segen und Fluch zugleich. Man muss sich zügeln, es soll kein Buch werden, man darf nicht abdriften, Objektivität wenigstens oberflächlich wahren… . Was folgt ist der schmerzliche Versuch, die Serie herunterzubrechen. Eine Serie, die sich eigentlich nur in einem größeren Format beschreiben lässt.

Autoren, die wissen worüber sie schreiben

Als David Simon und Ed Burns 2001 HBO das Konzept zu “The Wire” präsentierten, hatten sie schon lange Jahre zusammen gearbeitet. Simon arbeitete in den 80ern als Polizeireporter bei der „Baltimore Sun“, Burns war bei der Mordkommission des BPD. Der Reporter hospitierte ein Jahr in der Homicide-Division der Metropole, die zu der Zeit die höchste Mordrate aller amerikanischen Städte aufwies. Seine Erfahrungen schrieb er in dem Bestseller „Homicide: A Year on the Killing Streets“ nieder, daraus entstand eine erfolgreiche Krimiserie („Homicide: Life on the Street“). Simon und Burns – jetzt Lehrer in Baltimore – schrieben danach den Vierteiler „The Corner“ für HBO, ehe sie „The Wire“ konzipierten. HBO blieb skeptisch; gab letztendlich aber doch grünes Licht.

Die erste Staffel von „The Wire“ wurde 2002 ausgestrahlt und war nicht erfolgreich. Von Kritikern hochgelobt, bei den Zuschauern verschmäht wegen der schon angesprochenen Komplexität, entwickelte sie sich langsam zu einem Geheimtipp. Heute bietet Harvard Seminare über die Serie an und Fans kämpfen immer noch um eine sechste Staffel. Dennoch ist sie nicht so bekannt wie „The Sopranos“, mit der sie sich lange messen musste. Zu Unrecht. Denn „The Wire“ ist ihr eigenes Biest. Schon ab der ersten Minute fordert sie den Zuschauer und bietet ein unvergleichbares Fernseherlebnis, wenn man sich darauf einlässt.

Corners, Dopefiends, Hoppers und Five-O

„The Wire“ spart sich jedwede Exposition. Ein junger Afro-Amerikaner liegt auf dem Boden, Polizeiwagen, Blaulicht, zirpende Funkgeräte, Blut gerinnt auf dem Asphalt – ein Mord. Detective McNulty befragt einen Zeugen, der ihm erklärt, wer das Opfer war. Alleine die erste Szene lässt sich inhaltlich in einem eigenen Artikel verhandeln. „The Wire“ ist in seiner Erzählung unglaublich langsam und lässt sich viel Zeit mit der Entfaltung seiner Charaktere. Die bleiben nie eindimensional: Korrupte Polizisten mit Gewissen, aufrichtige Gangster mit Morddelikten, bewundernswerte Grenzgänger… . „The Wire“ seziert Charaktere und Institutionen mit schwindelerregendem Tiefgang. Aufmerksamkeit ist in jeder der 60-Minütigen Folgen geboten.

Die Sondereinheit des BPD, die auf den Drogenhandel angesetzt wird. (Photo: HBO)

Wenn der Zuschauer nach den ersten paar Folgen bei der Serie bleibt, folgt er einer Sondereinheit des BPD bei den Ermittlungen gegen eine der berüchtigtsten Drogengangs West-Baltimores. Der Zuschauer sieht, wie die Ordnungshüter gegen die Dealer vorgehen. Sieht auch wie ebendiese Gang versucht, sich gegen Rivalen von innen und außen zu behaupten. Nebenbei hat nahezu jeder Charakter eine umfangreiche Backstory und seine eigenen Dämonen zu bekämpfen. Armut, Korruption, Bürokratie, Drogenabhängigkeit und -handel, polizeiliche Überwachungsmethoden und dysfunktionale Institutionen sind nur die kardinalen Themen, die „The Wire“ behandelt.

Die lokale Wirtschaft und ein Zehntel Wu Tang Clan

Simon und Burns legten viel Wert auf Realismus. Viele Amerikaner schalten bei „The Wire“ die Untertitel hinzu. Die Sprache der Serie ist im milieutypischen Slang gehalten. Ein Fest für Sprachwissenschaftler. Im Ernst: Kein Gangsta-Rap  kann einen auf „The Wire“ vorbereiten, hinzu kommt der regionale „Ballmer“-Akzent. Die Serie funktioniert nur bedingt in deutscher Sprache, der Originalton ist daher fast schon eine Vorrausetzung. Der Großteil der Rollen ist mit afro-amerikanischen Schauspielern besetzt, die oft noch aus Baltimore stammen. Die Schöpfer wollten eine authentische Demographie wahren – Baltimore hat mit 63 Prozent eine der größten afro-amerikanischen Gemeinden der USA.

Die Stanfield Gang. In diesem Bild verbirgt sich neben einem realen Mörder, auch ein Method Man. (Photo: HBO)

Noch nicht genug Realismus?! Gedreht wurde ausschließlich in Baltimore. Im Cast befinden sich – neben echten Cops – drei verurteilte Mörder, der bekannteste Drogenhändler der Stadt, ehemalige Bürgermeister und Method Man. Genau Method Man! „The Wire“ spielt an realen Orten, die auch in Wirklichkeit Probleme mit Gangs und Drogen haben. Es gibt – bis auf wenige (sechs) Ausnahmen – keine eingespielte Musik. Lieder dröhnen aus vorbeifahrenden Escalades und Navigators, oder aus dem Radio. Es gibt kein Voice-Over, keine Rückblenden, keinen Erzähler, keine wilden Schnitte, keine FX und keine Cliffhanger. „The Wire“ bleibt minimalistisch und lässt den Zuschauer alleine – das hat Kalkül.

Innerstädtische Perspektiven und ein Gedächtnis

Jede Staffel eröffnet ein neues Hauptthema, während die vorherigen Handlungen weiterlaufen – sprach ich schon die Komplexität der Serie an? Von den Straßen West-Baltimores und dem Polizeipräsidium der ersten Staffel, geht es in den Hafen Baltimores. Hier kämpfen die gewerkschaftlich organisierten Hafenarbeiter um ihre Arbeitsplätze und schmuggeln gelichzeitig die Drogen, die in der ersten Staffel gesucht, verkauft und konsumiert wurden. Wie ein Mikroskop, das das Bild immer größer stellt, zeichnet „The Wire“ Baltimore immer vielschichtiger und verwobener. Die dritte Staffel kehrt wieder in die Straßen zurück, wo ein brutaler Bandenkrieg tobt. Zugleich geht es auch ins Rathaus, hier will ein neuer Bürgermeister gewählt werden. Die vierte Staffel seziert das kommunale Schulsystem und die Jugend, die in den Ghettos zu neuen Dealern heranwächst oder bei dem Versuch stirbt. Der Drogenhandel der ersten Staffel geht derweil weiter, es wird immer noch Politik gemacht und noch immer finden Betäubungsmittel in Schiffscontainern ihren Weg nach Baltimore. Die fünfte und letzte Staffel nimmt die Zeitung „Baltimore Sun“ – Simons alten Arbeitgeber – hinzu.

Die Pit-Crew der Barksdale Gang (Photo: HBO)

Und es funktioniert. Nicht alle Charaktere treffen sich innerhalb der Serie. Doch werden alle von den Handlungen der anderen beeinflusst. Ein Beispiel: Eine neue, bessere Art Heroin wird über den Hafen eingeführt. Alle Gangs wollen das „Product“ haben und kämpfen darum, ein Bandenkrieg bricht aus. „Soldiers“ sterben, doch die Gangs füllen ihre Reihen mit Jugendlichen aus den überforderten städtischen Schulen wieder auf. Die daraus resultierenden Toten, treiben die Mordstatistik in die Höhe. Schlecht für den Bürgermeister, der die Wiederwahl gewinnen will. Auf den Polizeipräsidenten und die Richter wird Druck ausgeübt, die geben diesen weiter an ihre Untergebenen. Die Polizisten und Sozialarbeiter haben keine Ressourcen, weil niemand in „Bodymore, Murderland“ leben will und somit die Steuereinnahmen ausbleiben. Obendrein müssen sie schnelle Ergebnisse erzielen. Das Ergebnis: halbherzige Polizeiarbeit, ohne Nachhaltigkeit. Der Kreis schließt sich, wenn er sich wiederholt und das tut er innerhalb der Serie oft.

Den einen Protagonisten gibt es nicht, vielmehr sind alle Rollen gleichgestellt und erfahren die selbe Aufmerksamkeit. Die Serie präsentiert ihre ambivalenten Handlungen und Figuren kommentarlos. Es geht oft um moralische Grauzonen, jeder Charakter will für sich bewertet werden. Nebenbei schafft sich „The Wire“ ein kollektives Gedächtnis. Die realen Orte der Stadt Baltimore werden mit einer fiktiven Handlung überzogen, die Serie kehrt zu diesen immer zurück und fordert von ihren Zuschauern, auch diese Wege zu gehen. Die Handlungen der Charaktere sind miteinander verwoben. Viele Handlungsstränge überdauern mehrere Staffeln, bis es dann endlich zur Auflösung kommt.

The Wire – Mythos, Legende, Flop?!

Die 60 Folgen der fünf Staffeln wurden von 2002 bis 2008 ausgestrahlt. Die Serie wurde nach der zweiten Staffel – die gemeinhin als die schlechteste gilt – beinahe wegen schlechter Quote abgesetzt. „The Wire“ war nie kommerziell erfolgreich. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Ein komplexes Fernsehdrama kann nie so erfolgreich sein, wie eine Sitcom. „Sopranos“ war kommerziell erfolgreicher, weil es ein breiteres Publikum ansprach. In „The Wire“ geht es stattdessen um städtischen Verfall, Verwahrlosung und das Schicksal von Menschen, die durch das Netz der (Sozial-)Systeme gefallen und nun auf sich alleine gestellt sind. West-Baltimore ist ungeschminkt dargestellt. Sozialer Wohnungsbau, Drogen, Gangkriminalität, Leerstand. Das sind Themen, die schwer verdaulich sind.

Dennoch ist „The Wire“ für viele Kritiker das beste Fernsehdrama aller Zeiten. Der Grad an Authenzität, die rohe Bildsprache, die Qualität des Skripts, behandelte Themen, etc.. Bis heute unerreicht. Wer „The Wire“ heute gucken will, braucht einen langen Atem. Die Serie ist ein ständiger Kampf. Sie fordert einen immer wieder heraus. Schlägt einen nieder. Was unverständlich scheint: Das ist gut! Warum?! Weil die wenigsten Serien heute ihre eigenen Prinzipien halten können. „The Wire“ hat das über ihre Laufzeit geschafft. Die Serie operiert nach dem Modus „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ und besteht. „The Wire“ lässt viele seiner Charaktere und Ideen scheitern. Die sterben (82 Tote in 60 Folgen, darunter viele Hauptcharaktere), werden versetzt, entlassen, weggeschlossen oder schlichtweg vergessen. Am Ende bleibt ein Fernseherlebnis. dass sich durch Wertigkeit mehr auszeichnet, als durch Unterhaltung. Der schonungslose Blick auf eine bestimmte amerikanische Lebensrealität steht im Vordergrund. Den sozialen Kommentar, den „The Wire“ damit in den Raum stellt ist einzigartig und eine Bereicherung, die immer noch relevant ist (auch für Deutschland).

http://youtu.be/e9mWji5M2UU

 

Das kann gut oder auch schlecht sein. Viele Menschen schauen nur die ersten paar Folgen und entscheiden für sich, „The Wire“ nicht weiter zu gucken. Dadurch dass die Serie ihren Zuschauer in nahezu allen Belangen alleine lässt, entwickelt sich ein Gefühl, welches man heute nicht mehr allzu oft bemerkt: Das Gefühl, Fernsehserien nicht mehr vordergründig als Entertainment-Lieferanten zu erachten, sondern als Teil einer Interaktion, die auf zwei Wegen passieren muss. In „The Wire“ zum Beispiel, muss der Zuschauer erstmal den gebräuchlichen Slang lernen, erst dadurch verfestigt sich das gesamte Bild. Den Zugriff auf die Serie muss man sich erarbeiten. Das Fernsehdrama gibt wenig freiwillig preis. Die Themen, die sie anspricht und darstellt, verfahren so auch im richtigen Leben (Gibt ja auch kein Praktikum bei den Hells Angels). Das ist viel Aufwand- der sich aber lohnt! Aber am Schluss entsteht das Gefühl Mechanismen zu verstehen, vermeintliche Antworten auf Fragen, die die Serie aufwirft, geben zu können. Einen versöhnlichen Schluss, hält die Serie für die wenigsten ihrer Figuren parat. Das ist so angedacht und ist eng mit dem Serienkonzept verknüpft.

„The Wire“ ist eine Serie, in die man einfach mal reinschauen muss. Eine Serie, deren Themen beinahe schon zeitlos sind und die an ihrem hohen Selbstanspruch nicht scheitert, sondern wächst. Im neuen Jahr bewegen wir uns geographisch keine 30 Kilometer von Baltimore weg. Dort steht ein Haus, das Martin Sheen zeitweise bewohnt. Gepflegter Rasen, rote Telefone und penibel orchestrierte Tagesabläufe… .

Weil auch bald Weihnachten ist, verlosen wir einmal die erste Staffel von „The Wire“! Um teilzunehmen, müsst ihr nur folgende Frage beantworten: Welche Farbe hat das Sofa auf dem die Pit-Crew sitzt? Nach eingängigem Studium des Artikels und des Videos, sollte die Beantwortung leicht fallen. Eure Antwort, lasst ihr uns durch einen Kommentar zukommen. Entweder direkt unter diesem Artikel, oder unter den Links auf Facebook, Twitter und Google+. Wir werden jede richtige Antwort, die uns bis Montag, den 15.12.2014 um 18 Uhr, erreicht, berücksichtigen. Die Gewinnerin/Der Gewinner wird am darauffolgenden Dienstag bekanntgegeben. Viel Glück!

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: HBO

Video: Das im Video dargestellte Ton- und Bildmaterial ist Eigentum von HBO. Es dient lediglich zu Anschauungszwecken.

Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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2 thoughts on “Qualitätsserien II: The Wire

  1. Sehr guter Artikel! Und ich kann dir nur vollkommen zu stimmen: Es ist schwer, durchzuhalten, (anfangs blickt man gar nicht durch) und die zweite Staffel war echt lahm, aber wenn man durchhält, erlebt man 1-A-Qualitätsunterhaltung. Die Staffel über das katastrophale Schulsystem fand ich persönlich am besten.
    Ach, wenn ich schon kommentiere, mach ich doch direkt mit: Antwort ist orange!

  2. Ich gebe Dir Recht; die vierte Staffel ist in vielerlei Hinsicht die beste der Serie. Obwohl ich mir alle gerne anschaue – auch die Zweite.

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