Qualitätsserien III: The West Wing

Von “The Wire” zu “The West Wing”! Geographisch trennen die Schauplätze beider Serien keine 30 Kilometer – thematisch könnten beide unterschiedlicher aber nicht sein. Eines eint sie dennoch:  Sie sind Bestandteil unserer Reihe „Qualitätsserien“. Steini lädt zu einer neuen Folge.

Neues Jahr; neue (alte) Serien! Die Reise nach Baltimore war in vielerlei Hinsicht eine beschwerliche. Die Komplexität der Serie „The Wire“ in einen kurzen Artikel zu verpacken ist nicht einfach. Da haben es die Nomaden mit dem Politik-Drama „The West Wing“ sichtlich einfacher, obwohl hier die verarbeiteten Themen auch nicht gerade leichte Kost sind. Von militärischen Präventivschlägen über die turnusgemäße Begnadigung von Truthähnen ist alles dabei.

Warum also „The West Wing“? Warum wieder eine Serie, die sich keiner leichten Thematik annimmt? Kurzum: „The West Wing“ ist ein echt gutes Format. Die Reihe “Qualitätsserien” befasst sich zum einem mit Serien, die diesen Anspruch haben und versucht zu ergründen, warum sie diesen erfüllen. Zum anderem dient die Reihe auch dazu, weniger bekannte Vertreter des Genres vorzustellen. „The West Wing“ erfüllt beide Kriterien. Aber worum geht es eigentlich? Der titelgebende Gebäudekomplex gehört zu dem Weißen Haus, bekanntermaßen Wohnsitz des mächtigsten Mannes der Welt. Darüber hinaus ist das über 200 Jahre alte Sandstein-Bauwerk aber auch die Schaltzentrale der Vereinigten Staaten. Wie im realen Leben auch, werden hier in der Serie Entscheidungen getroffen, die nicht nur den Staatenbund Nordamerikas betreffen, sondern auch die ganze Welt. „The West Wing“ handelt von den Personen, die diese Entscheidungen treffen – und natürlich ihrem Chef.

Die Idee für „The West Wing“ entsprang einer Hollywood-Schnulze: 1995 erschien der Film „Hallo, Mr. President“ („The American President“), in dem Michael Douglas den Commander and Chief spielte. Das Drehbuch schrieb seiner Zeit Aaron Sorkin. Der Erfolg des Filmes bewegte Sorkin dazu eine ganze Serie – minus der Liebesgeschichte – zu schreiben. In dem US-Fernsehsender NBC fand Sorkin einen dankenden Abnehmer. Der Pilot wurde 1999 ausgestrahlt. Es folgten 7 Staffeln und insgesamt 156 Folgen, ehe die Serie 2006 eingestellt wurde.

Der President und seine Lakaien

1995 hatte Martin Sheen noch den Stabschef in „Hallo, Mr President“ gespielt, vier Jahre später ist er in „The West Wing“ der mächtigste Mann der Welt. President Josiah „Jed“ Bartlet. Bartlet ist ständig von seinem Beraterstab umgeben. Der Beraterstab wird vom Stabschef Leo McGarry (John Spencer) und seinem Stellvertreter Josh Lyman (Brad Whitford) geführt. Die Pressesekretärin C.J. Gregg (Allison Janney), der Kommunikationsdirektor Toby Ziegler (Richard Schiff) und dessen Stellvertreter Sam Seaborn (Rob Lowe) bilden den harten Kern der präsidialen Entourage. Obwohl strikt durch-hierarchisiert, herrscht ein flaches Gefälle zwischen allen Figuren. Einen wirklichen Protagonisten gibt es auch hier nicht. Obwohl der President nun mal der President ist, behandelt die Serie alle Hauptfiguren mit gleichen Maß und gleicher Aufmerksamkeit.

THE WEST WING -- SEASON 1 -- Pictured: (l-r) Rob Lowe as Sam Seaborn, Richard Schiff as Toby Zieger, John Spencer as Leo McGarry, Martin Sheen as President Josiah "Jed" Bartlet, Allison Janney as Claudia Jean 'C.J,' Cregg, Bradley Whitford as Josh Lyman, Moira Kelly as Mandy Hampton -- Photo by: Steve Schapiro/NBCU Photo Bank

Bartlet mit seinen engsten Vertrauten. (Photo: NBC)

Wer denkt, dass ihm beim Gucken von „The West Wing“ nur geopolitische Fachtermini um die Ohren fliegen, wird positiv überrascht sein (oder bestürzt drein gucken; je nach Gusto). Natürlich behandeln die 45-minütigen Folgen auch „interessantere“ Themen wie die Besteuerung von Benzin und Tabak, oder gar die Ausweitung designierter Freihandelszonen. Jedoch sind selbst diese Themen gut präsentiert, spannend verpackt und intelligent erzählt, was zum einem an Sorkins gut geschriebenen Drehbüchern und Dialogen liegt und zum anderem an der starken Performance der Schauspieler.

Der Cast wird durch Jeds Frau, First Lady Abigail Bartlet (Stockard Channing) und seinem persönlichen Assistenten – dem „Bodyman“ – Charlie Young (Dulé Hill) komplettiert. Die beiden Charaktere stehen für das persönliche, intime Bild das vom mächtigsten Mann der Welt gezeichnet wird. Ohnehin geht es thematisch nicht in jeder Folge um beinharte Politik, es ist eher eine Mixtur von administrativen Themen und persönlichen Geschichten. Das funktioniert sehr gut und wirkt nie gekünstelt – das ist wichtig. Nicht viele Serien schaffen dies so leichtfüßig, dass es kaum auffällt.

Geopolitische Entscheidungsfindung am Kopiergerät

Die 45-minütigen Folgen sind nach einem bewährten Schema aufgebaut. Am Anfang steht ein Problem oder ein Thema, welches den Zuschauer und die Protagonisten die Episode lang begleiten wird. Die Handlung wird in den meisten Fällen innerhalb der Folge abgeschlossen. Es gibt aber auch Storylines, die sich über Staffeln hinweg ziehen. Große Themen also, die immer wiederkehren. „The West Wing“ bedient sich dabei der Rückblende. Kennt man auch – nichts Neues also. In der Tat hat „The West Wing“ in diesen Belangen das Rad wahrlich nicht neu erfunden.

Was macht „The West Wing“ dann überhaupt so sehenswert? Die Themen allemal. Wenn man die Themenauswahl der Schreiber um Aaron Sorkin untersucht, findet man – wie schon festgestellt – eine fein-austarierte Balance zwischen leichter und schwerer Kost, die sich wunderbar ergänzen und ein wirklich rundes Fernseherlebnis evozieren. Die Serie zeigt den President als immer abwägenden Staatsmann und sensiblen Familienmenschen. Ein gut aufgelegter Martin Sheen macht Jed Bartlet zu einem brillant präsentierten US-Präsidenten – vielleicht sogar zu dem Besten, den ich je im Fernsehen oder Kino beschauen durfte. Dabei hilft Sorkins Feder, die auch humorvoll sein kann:

Die fiktive Bartlet-Administration muss stets auf der Hut sein. Die Republikaner versuchen der demokratischen Administration ständig das Leben schwer zu machen. Währenddessen müssen Bartlet und sein Beraterstab die letzte verbleibende Supermacht führen. Was man von der Rolle der USA außenpolitisch auch halten will, der realistische Einblick in die Mechanismen der Macht ist interessant und fesselnd. Neben drohenden Kriegen, internationalen Zwischenfällen und humanitären Hilfsmissionen, brennt auch innenpolitisch der Baum. Bartlet stellt sich zur Wiederwahl, kämpft ums Staatsbudget, will ein positives Andenken an seine Präsidentschaft kreieren, während der Staat in den finanziellen „Lockout“ (ein beinahe landesweiter Streik) geht. Ganz nebenbei haben die Akteure auch noch ein Privatleben, das oft durch Schicksalsschläge erschüttert wird. So leidet Bartlet etwa an Multiple Sklerose, einen Umstand, in den nur seine engsten Vertrauten eingewiesen werden. Bis ein Whistelblower das Geheimnis an die Presse wiedergibt – ein Skandal! Kann ein President mit einer so schweren Erkrankung sein Land führen? Die Frage beantwortet die Serie emotional, philosophisch und sachlich zugleich.

Gehen und Sprechen – Ein sich bewegendes Haus

Gut, gut! Ein virtuoser Umgang und Übergang der Themen. Aber gute Schauspieler und Drehbücher haben viele TV-Produktionen. Was macht die acht Jahre alte Serie überdies noch sehenswert? Eine Eigenart der Serie, die sich nicht leicht erklären lässt! Sorkin hat mit „The West Wing“ etwas Organisches geschaffen. Ich hatte die Hierarchie der Figuren angesprochen, die dennoch auf einer Ebene kommunizieren und das auch vorziehen. Eine Unterhaltung über eine internationale Krise oder die prekäre Stimmengewichtung im Senat verläuft immer demokratisch. Obwohl die Gesprächspartner nie den selben Rang haben, reden, leben und arbeiten sie zusammen. Die Stimme des Praktikanten kann dabei genau soviel Gravitas haben, wie die des President. Das alles, ohne jemals die Rollen zu verzerren. Die ranghöhere Person hat immer das letzte Wort, doch die zwischenmenschlichen Beziehungen lassen wundervolle Dynamiken zu. Die geistreich geschriebenen Dialoge tun ihr übriges. Damit fallen Barrieren für den Zuschauer weg. Der Commander and Chief wird nicht nur dem Zuschauer privat gezeigt, sondern lässt diese Teilhabe auch seinen Mitarbeitern zukommen (die desöfteren zusammen pokern).

Für den Zuschauer entsteht ein flaches Gefälle und dadurch ein einfacher Zugang – auch zu Themen, die vermeintlich ein Politikstudium erfordern. Die Serie holt den Zuschauer in seinem Wissenstand ab und nimmt ihn mit. Informiert ohne zu belehren. Das geschieht beinahe unmerklich. Hinzu kommt das Set. Das weiße Haus ist realistisch nachgebaut. Sollte es auch sein. Der Großteil der Handlung spielt sich hier ab. Unzählige Räume, Gänge und Treppen wurden für „The West Wing“ nachgebaut. Das Oval Office – der Arbeitsplatz des President – ist entgegen der Logik nicht der Raum, in dem sich die Serie hauptsächlich abspielt, oder in dem die schwerwiegendsten Entscheidungen getroffen werden. Die „Demokratisierung“, die die Serie bei den Figuren beginnt, macht auch vor dem Weißen Haus und seinen unzähligen Räumen nicht halt. Im Endeffekt bewegt sich das statische Gebäude. Das wird durch eine bestimmte Präsentationstechnik gestützt, die Sorkin perfekt einsetzt.

„The West Wing“ ist für zwei Elemente bekannt: Zum einem das gut geschriebene Skript, das wir jetzt zur Genüge beleuchtet haben. Zum anderen bedient sich das Politik-Drama einem erzählerischem Stilmittel, das wie die Faust auf das Auge passt. Dem „Walk und Talk“. Dabei folgt eine Steadicam zwei oder mehreren Charakteren während sie umhergehen, reden und die Story voranbringen ohne jeglichen Schnitt. Diese Art der Kamerafahrt ist nicht neu, „The West Wing“ nutzt sie aber virtuos. Die Serie folgt ihren Figuren dabei meist frontal. Diese hetzen von einem Büro ins Nächste. Entscheidungen werden im Transit zwischen Gängen getroffen. Personen biegen ab, andere kommen hinzu – Geschäftigkeit; natürlich! Offensichtlich soll diese Technik das hektische Treiben innerhalb der Schaltzentrale der USA darstellen, schafft darüberhinaus aber noch mehr. Das Weiße Haus an sich wirkt dynamisch, was das Organische der Präsentation unterstreicht. Entscheidungsfindungen geschehen auf dem Weg von A nach B. Räume dienen nur zum Aussprechen dieser Entscheidungen. Der Zuschauer ist ein Teil davon, erfährt über das Für und Wider von Maßnahmen. Wichtige und zeitkritische Dekrete werden schnell formuliert, ohne das deren Tragweite degradiert wird. Eine Serie, die die meiste Zeit in nur einem Gebäude spielt, schafft inszenatorische Statik beinahe vollkommen ab. Ein 3-minütiges (!) Beispiel:

Personalprobleme und deutscher Blackout

Während ihrer Laufzeit war „The West Wing“ sehr erfolgreich und räumte 26 Emmys ab. Hinzu kamen über die Jahre eine Vielzahl von Golden Globes, SAG Awards und Peabodys. Kritiker und Zuschauer schätzen den detailierten und realistischen Einblick, den die Serie in das Weiße Haus gab und die gut präsentierten Inhalte. „The West Wing“ ist in seiner Handlung fiktiv, entlehnt Themen aber stets der Realität. Beispielsweise spiegelt die afrikanische Nation Kundu Ruanda wieder. Ein Bürgerkrieg und ein Genozid machen ein Eingreifen der Bartlet-Administration erforderlich. Selbiges geschah in der Realität 1994 in Ruanda, bis der damalige US-Präsident Bill Clinton intervenierte. Die Themen sind divers, neben den – schon erwähnten – legislativen Fallstricken, mit denen sich der President konfrontiert sieht, adressiert die Serie Terrorismus, Wahlkampf, die gleichgeschlechtliche Ehe und vieles mehr. Natürlich geht es auch um den Empfang von Würdenträgern, die Begnadigung von Truthähnen und Ansprachen. Alltag im Weißen Haus – Alltag bei „The West Wing“.

Natürlich ist „The West Wing“ nicht perfekt. Beim Schauen der Serie entsteht der Eindruck, dass nicht alle Folgen die gleiche Aufmerksamkeit, die gleiche Qualität, erfahren haben. „The Wire“ zum Beispiel ist sehr konstant. Bei dem Politik-Drama ist die Spanne größer. Hier wechseln sich wirklich gute, brillante geschriebene und gespielte Episoden, mit weniger guten, beinahe langweiligen ab. Der Unterschied ist manchmal gravierend. Unterm Strich retten die Leistungen der Schauspieler schwache Folgen, wenn das Drehbuch versagt. Die umfangreiche Serie schwächelt auch ab der fünften Staffel ein wenig. Sorkin stieg nach vier Spielzeiten aus – der Weggang ist deutlich. Ab der siebten Staffel muss – per Verfassung – ein neuer Präsident gewählt werden, ab diesem Zeitpunkt beginnt die Serie zu enttäuschen. Man merkt: Ein Martin Sheen (und auch ein Aaron Sorkin) ist schwer zu ersetzen. Dennoch sind die ersten vier Staffeln sehr empfehlenswert und ein Beispiel für exzellente Skripts, Inszenierung und Darstellung.

Wo und wie gucken? Die Serie wurde zwar in deutscher Sprache synchronisiert. Doch wurde „The West Wing – im Zentrum der Macht“ nie hierzulande ausgestrahlt. Die deutsche Fassung der Serie ist im iTunes Store oder auf DVD erhältlich. Die englische Originalfassung ist aber – bis auf ein paar wenige, dem amerikanischen Politiksystem geschuldeten, Fachausdrücken – gut verständlich. Anstatt das Original auszustrahlen, produzierte das ZDF 2005 die wenig erfolgreiche Serie „Kanzleramt“. Hätte man sich doch für „The West Wing“ entschieden… .

Die Empfehlung das Politik-Drama anzugucken fällt zwar nicht so eindringlich aus, wie bei „The Wire“, doch lohnt sich der Abstecher in das Weiße Haus. Irgendwo müssen die zig Auszeichnungen ja herkommen und die Serie enttäuscht, im Ganzen gesehen, nicht. Auch wenn man nicht an Politik interessiert ist, wird man überrascht sein, wie leichtverdaulich die schwierige Materie präsentiert wird. Liebhaber von intelligenten und pointierten Dialogen kommen bei „The West Wing“ immer auf ihre Kosten. Eine klare Empfehlung!

Nächsten Monat geht es in die Sümpfe Louisianas. Zwei Polizisten jagen ein grün-ohriges Spaghetti-Monster.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: NBC

Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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