Qualitätsserien VI: Der deutsche Patient

House of Cards, Breaking Bad oder Game of Thrones. Deutschland labt sich an den US-amerikanischen Serienexporten. Aber warum müssen wir überhaupt unsere Serien importieren? Steini sinniert.

Vor einem Monat machte mich unser Nutzer Denis darauf aufmerksam, dass unsere Reihe „Qualitätsserien“ noch nicht ihren versprochenen Abschluss gefunden hätte. Er hatte Recht: Eine Betrachtung des deutschen Marktes fehlte in der Bestandsaufnahme. In der Tat war der Artikel dazu schon verfasst, jedoch etwas zäh. Eine Entschuldigung bleibt eine Entschuldigung – aber schlechter Stil, eben auch schlechter Stil. Der nachfolgende Artikel soll meine redaktionelle Stillosigkeit (auf meine Tennissocken-umschließenden „Aldiletten“ bestehe ich natürlich immer noch) etwas zurechtrücken.

Warum sind unsere Sendeanstalten so lethargisch?

Wie bereits in unserer Einführung beschrieben, entstammten die ursprünglichen Qualitätsserien einer wirtschaftlichen Not. Die Früchte dieser Marktpenetrationsstrategie stehen heute Synonym für Quality-TV: The Wire, Sopranos oder Six Feet Under, gelten als Meisterwerke seriellen Erzählens und gaben einen Produktformat erst ihren Namen.

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Immer noch großartig! The Sopranos – New Jerseys Antwort auf der Pate – ist immer ein Blick wert. (Photo: HBO)

Die (wirtschaftliche) Not machte in den USA erfinderisch. In Deutschland fehlt bisweilen die Motivation zur Innovation. Unsere Rundfunklandschaft ist stark formalisiert. Der Rundfunkstaatsvertrag und das inhärente Duale System (Koexistenz von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern) sind struktur- und formgebend. Die Produktion aufwendiger Serien scheint unattraktiv, wenn man die Zielgruppen auch einfacher bedienen kann. Der deutsche Markt scheint hier seltsam saturiert. Quoten und Marktanteile sind keiner größeren Fluktuationen unterworfen.  Selten werden diese fortschrittsaversen Strukturen gebrochen. Doch manchmal passiert das.

Das (un)bekannte Neue

Neue Formate haben es schwer. Nicht nur werden sie hierzulande durch das Social-Media-Stalingrad geschickt, sondern brechen sie auch mit einem von uns tradierten Bild. Jetzt auf dem Berg zu stehen und herunterzurufen: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier!“, ist dramatisch und bildlich überladen. Doch steckt auch hier Wahrheit.

Wir schaffen uns unsere eigene Konsumbiographie, dazu gehören natürlich auch individuelle Mediennutzungsmuster. Ich denke, dass gerade ältere Semester eine geschlossene Handlung bevorzugen. Aufgeschlüsselte Einschaltquoten belgen das und wenn man die Serienstrukturen der letzten Jahrzehnte untersucht, sieht man diesen Trend bestätigt.  Derrick, Dr. Stefan Frank und Schwarzwaldklinik weisen in der Regel eine vertikale Erzählstruktur auf, sind in sich geschlossen und geben dem Zuschauer Ankerpunkte. Fernsehen als repetitves Erlebnis – was nicht zwingend schlecht ist und auch Spaß machen kann.

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Von 1984 bis 1988 verschrieb Professor Brinkmann dem Zuschauer innländischen Eskapismus. Mit Erfolg. (Photo: ZDF)

Wenn wir den Tatsachen ins Auge sehen, wird auch klar, dass die eigentliche Zielgruppe schon längst andere Distributionswege erschlossen hat. Jeder, der (ausländische) Qualitätsserien konsumieren will, kann dies ohne ein dazutun hiesiger Sendeanstalten schon seit Jahren. Der illegale Stream, VoD-Dienste wie Netflix oder Pay-TV Riese Sky greifen den normalen Fernsehsendern nicht nur die an Qualitätsserien interessierte Kundschaft ab, sondern rauben auch deren Motivation ebendiese zu produzieren. Die Marktgruppe, die Qualitätsserien fordert, versteht sich nicht nur darin, diese über alternative Wege zu beziehen, sondern hat in der Regel auch ein anderes Verständnis und eine andere Erwartung an Fernsehunterhaltung.

Verlangen wir zu wenig?

Horizontale Erzählweisen, vielschichtige Charaktere, komplexe Themen: Nicht wenige Qualitätsserein fordern ein hohes Maß an Konzentration und gedanklicher Partizipation. Mancher Zuschauer wird davon überfordert, wiederum andere interessieren sich einfach nicht für die titularen Formate. Die Auseinandersetzung mit dichter Materie reizt nicht Jeden. Die Fähigkeit dazu kann uns aber auch abhanden kommen. Gewiss: Wir lernen dazu, werden kritischer und reflexiver, gerade was unseren Medienkonsum angeht. Das Wortfeld Medienkompetenz (genauer eigentlich die Medienkritik) wird von Vielen gerne herangezogen; beinahe ist es ein „Söldnerwort“, dass für jede Sache ins Feld zieht. Dabei wird oft vergessen, dass man Kompetenzen auch verlieren kann, wenn man sie nicht schult. Wenn man davon ausgeht, dass unsereiner Verständnis, Anspruch und Reflexion im Bezug auf Medien zwischen Schule und Studium/Ausbildung am höchsten ist, muss es davor (zwingend) und danach niedriger sein. Es scheint trivial, aber gerade für das Thema deutsche Qualitätsserien lohnt es sich darüber nachzudenken: Wer seine Medienkompetenz nicht sukzessive fortbildet, verliert sie allmählich. Das kann nicht nur die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Serien beinflussen, sondern auch deren Rezeption behindern.

Zurück zu unseren Qualitätsserien. Hier scheinen Produzenten erkannt zu haben, dass sich die Aufmerksamkeitsökonomie der Konsumenten verändert. Den Zuschauer in seinen Sehgewohnheiten abzuholen und in neue Gefilde zu leiten, scheint die größte Herausforderung. Meiner Meinung nach ist ein langsamer, vorsichtiger, Prozess angebracht. Deutsche Qualitätsserien müssten evolutionäre Schritte vor dem Auge des intendierten Zuschauers machen. Zu groß scheint die Gewohnheit, zu bestimmend die Erwartungshaltung. Deutsches Quality-TV bleibt risikobehaftet.

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Sehr gutes Fernsehen, das aber betont keine Serie sein will: „Schuld von Ferdinand von Schirach“ begleitet einen Anwalt (Moritz Bleibtreu) über sechs Folgen in berufs-ethischen Zerwürfnissen. Sehenswerte Anthologie/Reihe! (Photo: ZDF)

Zu (vorerst) Letzt: Man muss erkennen, dass die Vernetzung von Wirtschaft und schlussendlichem Programminhalt in Deutschland sehr engmaschig ist. Erfolg soll im besten Fall planbar sein. Aber die Ungewissheit der Entscheidungsträger und Produzenten wird durch die Multiplikation der verfügbaren Produkte nur noch verstärkt. Das Unterhaltungsangebot hat sich in den letzten Jahren diversifiziert, wobei sich die Zuschauervorlieben individualisiert haben. Den richtigen Inhalt, mit dem passenden Personal und in der richtigen Form zu präsentieren ist schwer. Schwerer noch, wenn die Konkurrenz den Markt beinahe monopolisiert hat. Wie sollen deutsche Qualitätsserien gegen ihre millionenschweren Artgenossen aus Übersee ankommen? Oder ist das wirtschaftliche Argument hinfällig?

Wir werden hier im zweiten Teil ansetzen; es gibt (leider) noch viel zu besprechen, aber vielleicht auch Hoffnung.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: HBO, ZDF

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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