Qualitätsserien I: Eine Einführung

Aufwendig produzierte Fernsehserien erfreuen sich im angloamerikanischen Raum seit Jahren einer großen Beliebtheit. Nun sind sie in Deutschland „angekommen“. „Quality-TV“ als Produktionskonzept scheint für die amerikanische Fernsehindustrie, neben der Sitcom, das neue Mittel der Wahl – mit Erfolg auch hierzulande.

Malcoms Vater nennt sich nun Heisenberg und kocht in der Einöde New Mexicos Crystal Meth. Matthew McConaugh will nicht mehr in „Feelgood-Movies“ zu sehen sein und jagt in Louisianas Sümpfen an der Seite von Woody Harrelson ein Spaghetti-Monster mit grünen Ohren. Kevin Spacey ist in die Politik gegangen. Zurzeit scheinen hochwertige TV-Produktionen aus den Vereinigten Staaten das Mittel, welches der leicht schwächelnde Fernsehbranche zu neuen Höhenflügen verhilft. Und es funktioniert. Die US-Amerikaner schauen zu; oft „On-Demand“ und immer öfter im „binge“. „Binge-Watching“ ist noch ein recht junges Phänomen. Der geneigte Verbraucher schaut in kurzer Folge mehrere Episoden einer Serie. An einem verregneten Sonntag schafft man auch mal eine komplette Staffel. Streaming-Dienste – legal wie illegal – vereinfachen das.

Mangas, US-Sitcoms und Qualitätsserien wie „Breaking Bad“, „True Detective“ oder auch „House of Cards“ werden auch in Deutschland gerne geguckt. Heisenberg ist eine legitime Verkleidung zu Partys geworden. Was nun sind aber eigentlich diese Qualitätsserien? Die Medien-Nomaden versuchen sich an einer knappen Einführung.

Definitionen, Definitionen!

Man könnte nun eine, der gefühlt tausend, Definitionen anbieten, die Interessierten erklären, was denn „Quality-TV“ ist. Aber was bedeutet „Quality-TV“  für uns? In den meisten Fällen schauen wir ein Fernsehdrama; ein Werk, dass sich in der einfachsten Beschreibung mit ernsten Sachverhalten befasst. Die meisten Qualitätsserien haben mehrere Erzähl- und Handlungsstränge. Das Geschehen wird langsam und detailreich über etliche Folgen entfaltet. Neben der Narration, ist audiovisuelle Ästhetik und Stilistik ein häufiges Merkmal von Qualitätsproduktionen. Manchmal lösen Bilder und Symbole die Figuren als Handlungsträger gänzlich ab. Bei dem Zuschauer wird Aufmerksamkeit und Kombinationsgabe vorausgesetzt.

Um diese Richtmaße über mehre Staffeln hinweg aufrechtzuhalten bedarf es guten Personals und sachverständiger Besetzung. Drehbuchschreiber und Produzenten von „Quality-TV“-Serien sind oft bekannt durch ihre vorherigen Arbeiten, Schauspieler manchmal aus Kinoproduktionen rekrutiert. Hochwertige Produktionsstandards gelten auch für Schnitt und Ton. Im Endeffekt ist eine Qualitätsserie ein verlängertes Filmdrama. Und obwohl der Vergleich nicht auf alle Beispiele verwendbar ist, reicht er aus, um eine grobe Einordnung zu schaffen. Wichtig ist jedoch, „Quality-TV“ nicht mit Filmen gleichzustellen. Ersteres bezieht sich stets auf Rundfunkproduktionen.

HBO – Die „Mutter“ aller Qualitätsserien?

Der 1972 gegründete US-amerikanische Pay-TV Sender steht oft synonym für „Quality-TV“. Von Beginn an hatte HBO Probleme sich neben den großen drei öffentlichen US-Fernsehsendern ABC, NBC und CBS zu etablieren. Dies gelang über die Zeit mit Exklusivrechten (z.B. Übertragung von Boxkämpfen) und Eigenproduktionen. Vorrangig erst für „Direct-to-TV“-Filmproduktionen. In den 1990ern kamen Serien hinzu. Die Flaggschiffe „The Sopranos“ und „Six Feet Under“, die Ende des Jahrtausends ausgestrahlt wurden, zementierten HBOs Ruf als Macher von „Quality-TV“.

Wirtschaftlichkeit spielt und spielte eine große Rolle: Qualitätsserien sind in ihren Verwertungszyklen ertragreicher als Sitcoms. – müssen sie auch, da ihre Produktionskosten hoch sind. Verlegungsrechte werden verkauft, DVDs vertrieben. Gerade der dritte Verwertungszyklus, die physische Kopie für den Zuschauer in Form von DVDs oder anderen Medien, ist mit „Quality-TV“ einträglicher. Serielle Erzählstrukturen bedingen nun mal serielles Gucken, da hier die Serie als Ganzes geschaut werden muss. Für HBOs Flaggschiffe trat der Idealfall ein: Kommerzieller Erfolg gepaart mit kritischer Anerkennung. 21 Emmys für New Jerseys Mafiaclan und neun für das Bestattungsunternehmen. Das gekonnte Austarieren zwischen „Kunst und Kommerz“ ist wichtig für die Vermarktung und Wahrnehmung der Serien.

HBO hat mit seinen Eigenproduktionen zwar neue qualitative Maßstäbe gesetzt, doch keineswegs eine neue Gattung erfunden. Qualitätsserien gab es auch schon vorher. Wie bereits erwähnt, ist die komplexe Erzählstruktur von Qualitätsproduktionen ihr bezeichnendes Merkmal. Überraschenderweise lässt sich so zum Beispiel die US-Seifenoper „Dallas“ und Glen A. Larsons „Battlestar Galactica“ als „Quality-TV“ einordnen. Das passt so gar nicht in das aktuelle Empfinden und die Erwartung, die wir von Quality-TV haben. Das hat Nichts mit der Serie „Dallas“ zu tun und ob sie nun gut oder schlecht ist. Wir erkennen „Qualitätsserien“ einfach als ein aktuelles Phänomen an, nicht als den Kampf gegen Cylonen.

Wie geht’s weiter?

Diese kurze und knappe Einleitung über „Qualitätsserien“ ist der Auftakt für eine mehrteilige Reihe. Die Medien-Nomaden werden sich auf die Reise begeben und „Quality-TV“ näher erforschen. Das Thema hat einen aktuellen Bezug: Der Pay-TV Sender SKY steht mit HBO im Bunde und bringt dessen Eigenproduktionen seit längerem auf ein separates Programm-Format: „SKY Atlantic HD“. Der Video-On-Demand-Dienst „Netflix“ startete ebenfalls in Deutschland. Die Nomaden werden sich auch ebendieser Entwicklung in Deutschland annehmen und klären, warum deutsche „Qualitätsserien“ – wenn es sie denn überhaupt gibt – wenig Erflog haben. Aber dieses Thema soll den Schluss der Reihe markieren.

In den kommenden Monaten werden wir zuerst verschiedene Qualitätsserien vorstellen. Auch weniger bekannte Produktionen werden beleuchtet. Anhand der Beispiele lässt sich „Quality-TV“  als Format besser verstehen. Nächsten Monat beleuchten wir das in blutgetränkte magnum Opus eines Polizisten und eines Journalisten, die mit ihrer „Qualitätsserie“ viel mehr geschaffen haben, als nur Fernsehen.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: AMC, HBO, Netflix, CBS, ABC

Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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