Quo Vadis Musikjournalismus?

Gibt es schlechte Musik? Ja, natürlich! Aber wann ist Musik schlecht und wie können wir Musikkritiker uns erdreisten, euch zu sagen, dass Helene Fischer grauenhaft schlecht, aber die Neue von den Black Keys brillant ist? Nun, ganz einfach: Weil wir Musik genauso lieben wie ihr.

Dabei geht es uns gar nicht darum, bestimmte Künstler fertigzumachen. Kritiker haben auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen. Auch ich habe in dem knappen Dreivierteljahr, in dem ich hauptsächlich Musikkritiker war, Meinungen vertreten in meinen Rezensionen, die sicherlich nicht jeder teilt. Als Kritiker gibt man eben seine persönliche Meinung zum Besten. Die ist im Idealfall nachvollziehbar und unterhaltsam geschrieben. Leider gibt es Kollegen, die noch in jener pubertären Haltung stecken: „Nur die Musik, die ich gut finde, ist gute Musik.“ Blödsinn! Nur weil wir Platte X scheiße und Platte Y geil finden heißt das ja nicht, dass wir Recht haben. Genau das ist auch das Dilemma, dem wir schon immer und seit der Musikverbreitung über das Internet im Speziellen ausgeliefert sind. Bei Musik gibt es immer Trillionen von Meinungen. Selbst Musikkritiker kriegen sich regelmäßig an die Köpfe, wenn es um bestimmte Bands oder Musiker geht. Das Internet hat jetzt jedem Lederjacken tragenden, im lokalen Plattenladen abhängenden Troll eine Stimme gegeben. Die sind fast sogar noch missionarischer unterwegs als viele Kritiker. Das nächste Problem (zumindest für Kritiker): Musik ist viel einfacher zugänglich geworden. Jeder kann sich die neue Platte seiner Lieblingsband schon vorab im Netz anhören. Die Meinung von Kritiker XY interessiert da schon mal gar nicht. Ich bin inzwischen der Meinung: Die klassische Plattenkritik ist tot. Aber nicht nur das, auch der Backgroundbericht wird immer unwichtiger. Längst gibt es – gerade junge – Bands, die ihre Aufnahmen zur neuen Platte, ihre Tour oder auch nur das Essen mit dem Manager multimedial begleiten. Facebook, Twitter und Co. haben uns hier ersetzt. Auch die klassischen Interviews sind eigentlich egal. Zum einen sind die Antworten seit Jahren einstudierter Einheitsbrei und wenn sie es mal nicht sind, erfahren wir zum anderen dennoch kaum was neues. Das Meiste kennen wir schon vom letzten Tweet. Eine schmerzhafte Wahrheit. Wenn man die aber akzeptiert hat, ist die nächste große Frage: Quo Vadis Musikjournalismus?

Eine mögliche Antwort: Überblick schaffen! Das Internet ist längst ein Wust aus jungen Künstlern, die mal spannend, mal langweilig sind. Dabei will ich gar nicht, dass der neue Internethit abgefeiert wird. Ich will knallharte Recherche. Wollen wir wirklich wissen, wie wir das neue Katy Perry-Album finden? Nein! Ich will wissen, welche Bands mir gefallen könnten. Wenn das ein Grundsatz ist, muss ich den Kritiker auch kennenlernen. Was sind seine Top 5 Alben, zum Beispiel. Personality ist der Schlüssel. Klar, kann ich nicht erwarten, dass ich mit jedem Musikredakteur den Musikgeschmack teile. Wichtig ist aber, dass ich weißm, welche Musik er hört, damit ich Gemeinsamkeiten entdecken kann. Wenn jemand P!nk und Revolverheld super findet, interessiert mich seine Meinung zum neuen 36 Crazyfists-Album eigentlich nicht. Wenn ich P!nk aber geil finde und er watscht das neue Album ab, werde ich vielleicht hellhörig.

Ein weiterer wichtiger Faktor: Community. Leider sind nach wie vor viele Musikkritiker im Elfenbeinturm ihrer Meinung gefangen. Sie ignorieren die großartige Möglichkeiten, die ihnen durch eine starke Gemeinschaft in Netz geboten wird. Keiner kann die ganze Fülle von Musik erfassen und selbst in nur einem Genre den Überblick zu behalten, ist – gelinde gesagt – aufwendig. Lasst euch das nächste große Ding empfehlen. Den Verriss könnt ihr immer noch schreiben.

In sofern hier auch unser Aufruf. Schreibt uns welche Platte oder Band wir besprechen sollen. Wir geben keine Garantie, dass wir auch was dazu machen. Nur, dass wir uns das Ganze anschauen.

Quo Vadis, Stranger?

Quo Vadis, Stranger?

 

(Bild:Karl-HeinzLaube/pixelio.de)

David

David

Er hat vielleicht nicht jeden Film gesehen. Er kann aber zu jedem etwas sagen. In seiner Muttermilch war Zelluloid. Auch vor Musik und Videospielen macht er keinen Halt. David sabbelt nebenbei auch professionell im Radio. Damit ist er aber offensichtlich nicht ausgelastet. Mehr von ihm gibt es hier bei den Medien-Nomaden.

david@Medien-Nomaden.de
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