Qualitätsserien XII: Rescue Me

2004 hatten Qualitätsserien noch wesentlich mehr Ecken und Kanten. Lohnt der Blick in die Vergangenheit? Wie schlägt sich das Drama Rescue Me  2016 und was macht es besonders? Steini über eine Serie die heute vielleicht nicht mehr als Qualitätsserie gelten würde.

2004 ist und bleibt ein interessantes Jahr für die Medien: „Web 2.0“ findet gerade erst in den allgemeinen Sprachgebrach Einlass. Palms und Blackberrys lachen noch über die neue Marktkonkurrenz aus Südkorea und Cupertino. Die Welt kann jetzt mit Firefox surfen, anstatt mit dem Netscape Navigator in die Untiefen des „WWW“s einzutauchen. Facebook ist gerade erst online gegangen und nur für eine beschauliche Userzahl ein Thema. In den Sozialen Medien verbreitete sich das Enthauptungsvideo von Nick Berg. Die darauffolgende Frage nach der Ethik in den Sozialen Medien, mutet 2016 unwirklich an.

2004 ist auch ein Jahr der Vorzeichen. Zukunftweisende Trends durchbrechen hüben, wie drüben die Oberfläche. Technologische Fortschritte in der Kommunikations- und Unterhaltungsindustrie bedingen im noch recht jungen Millennium, nicht wenige Paradigmenwechsel. 2004 sind Qualitätsserien für TV-Sender immer noch ein Risiko. Die Zielgruppe ist überschaubar; der Erfolg nicht kalkulierbar. Pioniergeist ist gefragt.

FX macht sich über Deine Mutter lustig und klaut Dir Dein Milchgeld

2002 wurde HBOs The Wire das erste Mal ausgestrahlt. The Sopranos hatte fünf Jahre zuvor bewiesen das hochwertige Fernsehserien ein Publikum gewinnen können. Größere US-amerikanische Netzwerke folgten langsam. FX strahlte ab 2002 The Shield aus. FX, ein Spross von 21th Century Fox mit Sitz in Los Angeles, etablierte sich zwar als Early Adopter von Qualitätsserien, beging jedoch einen gänzlich anderen Weg, als beispielsweise HBO.

FX war zu der Zeit coole Onkel, von dem als Minderjähriger zum ersten Mal Bier gekauft bekam. Die Inhalte des Netzwerks wurden in der Regel von den amerikanischen Zensoren mit einem TV-MA bedacht. FX Serien zündeten Schimpfwort-Feuerwerke, geizten nicht mit nackter Haut und waren (für die Zeit) brutal. Jugendschützer riefen nach Boykott. Die Kalifornier ließen sich davon nicht beirren und betraten mit ihren Serien nicht nur Neuland in der Darstellung, sondern auch im Inhalt.

Helden gehen immer

Zwei Jahre nachdem The Shield seinen Siegeszug angetreten hatte, feierte 2004 Rescue Me seine Premiere. Das Produzentenduo Peter Tolan und Denis Leary hatte sich zuvor in der genialen Polizei-Comedyserie The Job gefunden. Wo The Job noch den Arbeitsalltag von „New Yorks Finest“ urkomisch in Szene setzte, nahm sich Rescue Me NYCs „Bravest“ an.

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Die Männer und – SPOILER! – Frauen vom „62 Truck“: Sean Garrity (Steven Pasquale), Tommy, Laura Miles (Diane Farr), Chief Jerry, Franco, Mike Silletti (Mike Lombardi) und Lou (v.links n.rechts). (Photo: FX)

Rescue Me legt den Hauptfokus auf das post-9/11 Alltagsleben der Feuerwehrmänner der „Ladder 62“, die im Herzen von Manhattan stationiert ist. Protagonist Tommy Gavin (Denis Leary) gibt vor seinen Kollegen und Vorgesetzten das Alpha-Männchen, während sein Privatleben in Scherben liegt. Damit hebt sich das Drama auch deutlich von damals herrschenden Genrestandard ab: Brandbekämpfung und heroische Personenrettung, bilden in Rescue Me nur Ankerpunkte und sind in der Regel nicht tragend.

Sex and the City für Männer

Rescue Me tritt ambitioniert an: Während in der Feuerwache über exotische Sexualpraktiken, Sport und das Pro und Contra von Intimrasuren beraten wird, ist nicht nur Tommys Leben hinter der maskulinen Fassade marode. Chief Jerry Reilly (Jack McGee) ist offen homophob, doch was niemand ahnt: Reillys eigener Sohn ist homosexuell. Womanizer Franco (Daniel Sunjata) hat eine Tochter gezeugt, von der er erst durch den Tod ihrer drogenabhängigen Mutter erfährt. Mit der Erziehung ist der Feuerwehrmann, der regelmäßig den jährlichen Oben-Ohne-Kalender der FDNY ziert, sichtlich überfordert. Lou Shea (John Scruti) verarbeitet seine posttraumatische Belastungsstörung mit dem Schreiben von Poesie, die noch nicht einmal in einem Bastei-Roman abgedruckt werden könnte. Selbst Lous Frau findet die literarischen Ergüsse ihres Ehemanns vollumfänglich tadelwert. Die Liste lässt sich weiterführen: Alkoholsucht, Einsamkeit, Ehebruch und Suizidale Absichten plagen die Feuerwehrmänner, die an den psychischen Nachwehen von 9/11 leiden.

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Ein paar actiongeladene Einsätze gibt es auch zu bestaunen. (Photo: FX)

Proto-Ire und Amorallist Tommy Gavin sieht zum Beispiel die Toten aus vergangenen Einsätzen. Mit seinem bei den Terroranschlägen ums Leben gekommenen Cousin und ehemaligen Schichtkollegen Jimmy Keefe (James McCaffrey) führt er lange, alkoholinduzierte Gespräche, während er mit der Witwe des Verblichenen eine Beziehung eingeht. Tommys (Noch-)Ehefrau wohnt gegenüber und will ein neues Leben ohne den emotional verkümmerten Tommy beginnen und die gemeinsamen Kinder mitnehmen. Tommy kann nicht loslassen.

Ein übergewichtiges Kind seiner Zeit

Zugegeben: Nach heutigen Maßstäben eigentlich Nichts Besonderes. 2004 jedoch – Drei Jahre nachdem die Twin Tower einstürzten – ein erster realistischer, serieller Zugang in die angeschlagene amerikanische Seele. Es geht dabei weniger darum, wie viele Baustellen Rescue Me seinen Figuren aufbürdet, sondern wie sie das tut.

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Schwere Kost, leicht – jedoch nicht seicht – garniert. 9/11 thront über Rescue Me ohne die Serie zu erdrücken. (Photo: FX)

Denn wer bei dem ellenlangen Katalog von ernsten Themen (der bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist) eine durch und durch depressive Grundtonalität vermutet, wird überrascht werden. Der Serie, die 2011 nach 93 Episoden ihr Finale feierte, gelingt das im Angesicht der Themen Undenkbare: Sie ist urkomisch.

Der reizende Blick in eine verschlossene Welt

Rescue Me operiert auf zwei simplen Grundebenen: Zum einem auf der Feuerwache und zum anderen in den Privatleben der Crew. Während der Dienste, können sich die Feuerwehrleute auf die Sicherheit ihrer stark kodifizierten Männerwelt verlassen. Der rückhaltgebende Männerverein ist natürlich in ihrem Privatleben nicht immer zur Stelle: Zuhause entblättern sich die fragilen Figuren und müssen sich ihren Problemen stellen.

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Tommy und Franco schleppen auch seelischen Ballast mit sich herum. (Photo: FX)

Die Art und Weise, mit der Rescue Me in die Seele der amerikanischen Helden schaut ist dabei nie über- oder unterbordend. FX und das Produzentenduo schaffen hier eine Punktlandung. MIt der Serie gelang FX passgenau die richtige Mischung an Komödie und Drama. Man muss dabei auch immer bedenken, dass Feuerwehr- und Polizeiserien eher Heroen aufbauen, als sie zu durchleuchten.

Wie verarbeitet man 9/11?

Rescue Me ist dabei ein Kind seiner Zeit. Die zaghafte Aufarbeitung des nationalen Traumas, gelingt der Serie nur mit einer Prise Humor. Dabei sagt sie deutlich mehr über die Medienlandschaft ihres Herkunftslandes aus, als über ihre eigentlichen Protagonisten. Dass eine serielle Verarbeitung ganze drei Jahre auf sich warten ließ, zeigt einerseits die profunde Wirkung des 11. September, auf der anderen Seite die Unsicherheit der Medien ebendiesen zu behandeln.

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Tommy hat weitaus mehr Probleme als seine Alkoholsucht. (Photo: FX)

In einer Zeit, in der die ersten Menschen den seelischen und körperlichen Nachwehen des Terroranschlages erliegen und in den Kinos World Trade Center über die Kinoleinwände flackert, ist Rescue Me gewiss etwas Besonderes. Beinahe schon ein historisches Dokument, das die Unsicherheit der Medien in Bezug auf 9/11, aber auch im Hinblick auf das Produkt Qualitätsserien dokumentiert.

Schon damals nicht richtungsweisend, dennoch gut

Denn Rescue Me ist kein Breaking Bad oder Game of Thrones. Wer ein tiefgründiges The Wire erwartet, wird enttäuscht. Mit Bedacht auf die Senderhistorie von FX, werden aber die Wenigsten einen True Detective-esquen Tiefgang erwarten. Und das ist nicht schlimm. Das inhaltlich etwas überladene Rescue Me lohnt dennoch. Ein starker Cast, gute Skripte und eine vorzügliche Musikauswahl brachten der Serie eine frühe Fangemeinde ein.

Ab der vierten der sieben Staffel, schwächelt die „Dramady“ ein wenig, ehe sie sich pünktlich zur finalen Staffel wieder auf ihre Grundwerte konzentriert: Einen demaskierenden Blick auf Amerikas erste Helden des neuen Jahrtausends, der trotz seines maximalinvasiven Modus, leichtfüßig gelingt. Die vielen verschiedenen Themenwirken dabei zwar immer etwas gekünzelt, doch der Serie gelingt ein tragisch-komisches Bild einer Millionenmetropole, die immer noch ihre Wunden leckt.

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Ein eingespieltes Team: Tommy-Darsteller und Produzent Leary (links) und der spärlich bekleidete Peter Tolan (2.v. links) beim Mediaday. (Photo: Sony)

Zu guter Letzt lohnt das Gucken allein schon, um zu sehen welche Entwicklungsschritte das Produkt Qualitätsserien begangen hat. Heute scheinen die Grundrezepte klar. Doch 2004 befindet man sich auf einem Mittelgrund. Nach den ersten wirklich als solchen produzierten Qualitätsserien, inhalierte FX ganz viel von der 2000 geplatzten Dotcom-Blase, trank sich Mut an, legte sich auf eine Psychater-Couch und scheiterte mit Rescue Me  – nach heutigen Maßstäben – eigentlich glorreich. Sehenswert ist Rescue Me allemal.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: FX und Sony

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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