Geht’s noch? Fantasy-Klassentreffen mit Shannara

Alle gegen Brona: 20 Jahre nach dem Erscheinen der Legends Versoftung von Terry Brooks Shannara-Zyklus feiern Menschen, Elfen, Gnome und Zwerge eine Reunion auf Patricks Festplatte. Fettes Oldschool-Fest oder lahme Fantasy-Sause – welches Partylevel Shannara 2015 noch erreicht, erfahrt Ihr in unserem neuen „Geht’s noch?“

Worum geht’s nochmal?

Ein naiver Jüngling names Bilbo Beutlin Jak Ohmsford stolpert in eine neue Episode des immerwährenden Kampfes zwischen Gut und Böse. Der fiese Hexenmeister Saruman Brona ist von den Toten auferstanden – und die Gesetzmäßigkeiten klassischer Fantasy-Epen sehen vor, dass der auserwählte Grünschnabel die Welt von allem Unrat befreit. Hierzu bedarf es den einen Ring das eine Schwert, um sie zu knechten. In weiser Voraussicht hat der Obermufti jedoch das Schwert in seine Einzelteile zerlegt. Der weise Gandalf Allannon hilft dem Unternehmen auf die Sprünge: Vier magische Artefakte erneuern das Eisen, das Brona zur Strecke bringen soll. Unglücklicherweise weilen die magischen Reliquien im Besitz verfeindeter Fantasy-Rassen…Keine Frage, die Story von Shannara ist der Stoff, aus dem Tolkien-Romane (oder war es umgekehrt?) und Michael Jackson-Hits geschneidert sind.

Geht doch noch!

Was auf dem ersten Blick wie Rollenspielkost anmutet, entpuppt sich schnell als klassisches Adventure. In bewährter Legend-Manier* – Point & Click aus der Ego Perspektive – rätseln wir uns durch generisch-hübsche Fantasy-Landschaften. Am Bildschirmrand finden wir unsere Handlungsoptionen, festgehalten in archaischen Tuwörtern. Wobei die Verben weniger fest in Scumm gemeißelt sind, als wir es von den hergebrachten Adventures der 1990er Jahre gewohnt sind. Je nach Hotspot wechseln die Optionen: Tränke werden getrunken, Bäume erklommen, magische Gegenstände inspiziert.

Klingt einleuchtend? Ist es auch: Die Rätsel sindbodenständig, weniger abgefahren. Wer zu weit um die Decke denkt, den fängt der Protagonist mit einem lockeren Spruch, der je nach Kontext erfreulicherweise variiert, wieder ein. Apropos Sprücheklopfen: Die Vertonung bewegt sich auf einem hohen Niveau, in der deutschen Sprachausgabe melden sich die bekannten wie mittlerweile verstorbenen Synchronsprecher Gert-Günther Hoffmann (Sean Connery, Captain Kirk) und Rolf Schult (Robert Redford, Anthony Hopkins) zu Wort. Das stärkt die Immersion.

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Können diese Videospielaugen lügen?

Die Charakterzeichnung ist die große Stärke von Shannara: Während seiner Reise trifft Jak Ohmsford auf immer wieder neue Gefährten, die sich seiner Mission anschließen und die Erzählung mit all ihren Eigenheiten auflockern. Jaks Konsorten melden sich nicht nur dann zu Wort, wenn sie gerade gefragt sind, sondern mischen sich immer wieder urplötzlich in die Szenerie ein. Die eifersüchtige, aber liebenswerte Prinzessin Shella oder der nur scheinbar tumbe Troll Telsek sind gut geschriebene Figuren, die wahnsinnig schnell ans Herz wachsen. Das ist Videospiel-Liebe!

Geht gar nicht!

Die Bedienung, die Perspektive, die Partymitglieder, die unseren Protagonisten begleiten – nicht nur optisch sucht das Adventure Shannara die Nähe zum Rollenspiel. Die Art der Fortbewegung weckt Erinnerungen an Zelda II: The Adventure of Link für den NES oder an das eine oder andere Japan-RPG: Während wir über die Iso-Karte krebsen, pirschen sich dunkle Schatten an uns heran. Kreuzen sich die Wege, wechselt das Programm in den rundenbasierten Kampf mit dem Monster-Pöbel. Nun können wir unseren Mitstreitern Befehle an die Hand geben – oder aber wir wenden das „Hier kommt Alex“-Prinzip an: „Alle gegen einen“ ist noch immer der effektivste Weg, die Schlacht flugs zu entscheiden. Herausforderung gleich null. Zum Glück können wir den Pixel-Monstern auf der schäbigen Oberwelt – und damit der spielerischen Redundanz – aus dem Weg gehen.

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Rudimente eines Rollenspiels. Evolution’s a bitch!

Geht’s noch?

Die rundenbasierten Kämpfe sind also nichts weiter als RPG-Rundimente. Und ja, das Story-Grundgerüst ist einfallslos. Dennoch: Dank der liebevoll gezeichneten Figuren und einiger inhaltlicher Wendungen weiß Shannara zu fesseln. Ein solches virtuelles Zusammengehörigkeitsgefühl erlebt man nur selten. Etwa auf der Normandy (Mass Effect). Oder im fiktiven Inselstaat Arulco (Jagged Alliance 2), wo jeder Verlust nahe geht. Shannara ist wie ein Besuch bei alten Freunden.

* Wen Shannara anspricht, sollte sich auch Companions of Xanth oder Death Gate anschauen – die spielerischen Vorgänger aus dem Hause Legend Entertainment (1989 bis 2003).

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Patrick

Patrick

Mit Gameboy und Ghostbusters aufgewachsen, teilt Patrick das Schicksal vieler 1980er-Jahrgänge. Die viereckigen Augen wird er nicht mehr los. Stünde aufgrund seines ausgeprägten Sammlertriebes ohne Steam & Stream vor dem finanziellen Ruin. Hätte gerne einen purpurnen Tentakel als Haustier. Patrick arbeitet bei einem großen Medienunternehmen und geht auf journalistenfilme.de immer öfter den Medien-Nomaden fremd.

Patrick@Medien-Nomaden.de
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