Indie-Kinothek: Sibylle – Feines deutsches Autorenkino

Seit etwa einer Woche ist die Berlinale 2016 vorbei – da spukt momentan ein deutscher Film in den Kinos, der dort letztes Jahr Premiere feierte. Im selben Jahr, als auch Victoria bereits für positive Stimmung sorgte und bewies, dass deutsches Genrekino funktionieren kann. Sibylle ist nun ein weiteres Exempel dafür, dass deutsches Autorenkino mehr kann als sein Ruf vorgibt. Abseits von Schweighöfer und Co., gibt’s so manche interessante Filmemacher kennen zu lernen.

Deutsches Genrekino lebt!

Da haben wir unsere Mutter-Komplexe nach Ich seh, ich seh und Babadook gerade erst so verarbeitet, kommt das nächste Grauen um die Ecke. In dem Thriller von Regisseur Michael Krummenacher und Autorin Silvia Wolkan steht die erfolgreiche Sibylle (Anne Ratte Polle) mit beiden Beinen im Leben. Sie leitet zusammen mit ihrem Mann Jan (Thomas Loibl) ein Architekturbüro, die beiden Söhne Luca (Levi Lang) und David (Dennis Kamitz) runden das Glück ab. Bei einem harmonischen Familienurlaub in Italien wird sie beim Joggen Zeugin eines Selbstmords – und die Frau sieht Sibylle verblüffend ähnlich. Als sie sich von den Kippen stürzt, eilt Sibylle zur Hilfe. Die namenlose Frau liegt schwerverletzt auf einem Felsen. Und flüstern: „Die Dinge ändern sich.“

Was ist bloß mit Mutti los?

Und langsam verändert sich Sibylle auch – oder verändert sich ihre Umgebung? Die namenlose Frau verstirbt im Krankenhaus. Sybille will nach ihr sehen und bekommt von einer Krankenschwester die persönlichen Habseligkeiten in die Hand gedrückt. Sybille schleicht sich in deren Apartment. Dort findet sie ein Foto der Frau, zusammen mit Mann und zwei Kindern. Was hat diese Frau in den Selbstmord getrieben? Wieder zu Hause in München benimmt sich Sybille immer merkwürdiger. Der Arzt attestiert ihr Burnout, sie soll sie ausruhen. Vielleicht ist es auch nur der Arbeitsstress, denn Sybille nach dem Urlaub wieder einholt. Doch sie fühlt sich verfolgt – die harmonische Ehe mit Jan scheint zu bröckeln, die Söhne verhalten sich komisch. Seltsame Dinge geschehen um sie herum, die außer ihr niemanden auffallen. Der Mann der verstorbenen Unbekannten nimmt Kontakt zu Sibylle auf. Es hat immer mehr den Anschein, als würde sich das Schicksal der toten Frau bei Sibylle wiederholen…

Treffen sich Kubrick und Lynch in Italien…

Die Stärke des Films ist die subtile Verwendung des Horrors. Genau wie in Babadook werden Horrorelemente dafür genutzt, um den Seelenzustand der Protagonistin zu erklären – ohne dabei dem Zuschauer zu verraten, was hier Realität ist und was nicht. Ob Sybille den Verstand verliert, oder ob nach dem beobachteten Selbstmord irgendwas um sie herum passiert, bleibt offen. Dabei unterlegen Störgeräusche, merkwürdiges Poltern musikalisch die seelische Veränderung der Protagonistin. Schon in Italien beginnt die Welt aus den Fugen zu geraten, sie trifft an der Rezeption merkwürdige Gestalten, die aus einem Lynch-Film entsprungen sein könnten. Was diese genau eigentlich hier zu suchen haben, erfahren wir nicht.Und das ist die Schwäche des Films. Sehr offensichtlich bedient sich der Regisseurs bei seinen Inspirationsquellen, insbesondere denkt man an manchen Stellen an Lost Highway von David Lynch. Trotz allem ein sehr gelungener Film, der gekonnt Thriller, Horrorfilm und Familiendrama verknüpfen kann.

Bilder: bildkraft

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Pia

Pia

Wenn Pia nicht gerade im Hörsaal sitzt und Germanistik und Geschichte studiert, tauscht sie ihren Platz mit dem Kinosaal. Sei es als Vorführerin oder als Zuschauerin. Ihre Meinung lest ihr ab sofort hier.
Pia

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