Solange die Kuh Milch gibt oder: Gehen Hollywood die Ideen aus?

Schaut man sich an, was in den nächsten Monaten noch so in die Kinos kommt, man könnte den Eindruck bekommen: Hollywoood gehen die Ideen aus. Ist das wirklich so oder ist diese angebliche ideenlosigkeit nicht die logische Folge unseres Sehverhaltens? David sinniert im Auftakt unserer Mini-Serie über die Frage: Gehen Hollywood die Ideen aus?

Es ist schon eine Weile her, dass die Kollegen von Short of the Week Alarm geschlagen haben. Eine schöne kleine Statistik, die die angebliche Ideenlosigkeit in Hollywood plakatiert. Die zehn Filme mit den meisten Einnahmen in 2011 sind acht Fortsetzungen und zwei Adaptionen. 30 Jahre davor waren es gerade einmal zwei Fortsetzungen und eine Adaption. Da mag der geneigte Leser schreien: „Ja, ich hab es doch gewusst!“. Die Wahrheit ist aber wie immer ein zweischneidiges Schwert. Nehmen wir als Beispiel den in den USA anno 1981 erfolgreichsten Film „Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes“. Auch heute würde Hollywood vermutlich keine Sekunde zögern, bei gleichen Voraussetzungen einen solchen Film zu produzieren. Steven Spielberg als Regisseur und George Lucas als Drehbuchschreiber, dazu Kosten von damals 20 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Das wäre so, als ob heute J.J. Abrams einen Film zusammen mit Christopher Nolan machen würde, für schlappe 120 Millionen.

Hollywood hat immer auf Erfolg gesetzt

Die Flut der Fortsetzungen und Adaptionen in den letzten Jahren ist weniger eine Folge der Ideenlosigkeit Hollywoods. Vielmehr macht die Filmhauptstadt das, was sie immer gemacht hat: Erfolg kopieren. Wären X-Men (2000) und Spider-Man (2002) Flops gewesen oder wäre Iron-Man (2008) an den Kinokassen untergegangen, wir würden nicht jedes Jahr knöcheltief in Comicbuch-Verfilmungen stehen. Auch die große künstlerische Erneuerung des New Hollywoods wäre ohne kommerziellen Erfolg nicht möglich gewesen. Umgekehrt: Wären die Musicals und Monumentalfilme in den späten 60ern nicht gefloppt, müssten wir uns vielleicht heute in jedem zweiten Film George Clooney im Lendenschurz anschauen (Ich weiß: Es gibt Schlimmeres).

Damit sind wir in den nächsten Jahren gut versorgt: Marvel-Filme

Wir hatten eben in den späten 60ern und 70ern das große Glück, dass künstlerischer Anspruch und Erfolg an den Kinokassen Hand in Hand gingen. Abgelöst wurde das Autorenkino dann Ende der 70er von zwei Leuten, die noch heute für großes, unterhaltsames und originelles Kino stehen. George Lucas und Steven Spielberg. Der weiße Hai (1975) und Star Wars (1977) etablierten das Effekt-Kino. 1980 begrub Michael Cimino mit seinem Spätwestern-Flop Heaven’s Gate viele Freiheiten, die Regisseure bis dahin in Hollywood genossen. Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Hollywood funktioniert nach dem Prinzip Geld. Ein Konzept Adaptionen und Effekt-Kino wird gemolken, bis der Erfolg ausbleibt. Auch scheint Hollywood  bewusst zu sein, dass das cinephile Publikum eher angeödet ist von Fortsetzung X oder Adaption Y. Nicht umsonst haben in den letzten Jahren eher die kleinen Filme bei den Oscars abgeräumt. Es ist fast schon der verzweifelte Versuch, den (sicher nicht ganz falschen) Eindruck zu erwecken, Hollywood bestehe nicht nur aus Adaptionen und Fortsetzungen.

Die sichere Bank

Hollywood muss sich dem Markt anpassen und der hat sich enorm verändert in den letzten Jahren. Kinobesuche waren noch bis in die späten 90er hinein verhältnismäßig günstig. Allein in den USA sind die Ticketpreise seit 2001 im Schnitt mehr als ein Drittel teurer geworden. Da überlegt man sich heute zweimal, ob man ins Kino geht. Mit 3D und Überlängenaufschlag ist ein Kinoticket inzwischen gerne mal so teuer wie die Blu-Ray oder die DVD zum Release. Außerdem muss sich Hollywood mit Qualitätsserien und immer besseren Heimkinosystemen auseinander setzen. Oft habe ich schon den Satz gehört:“Den Film hätten wir uns auch auf Blu-Ray anschauen können.“. In der Regel ist damit ein kleines Drama oder ein Indie-Film gemeint und nicht das neueste 3D-Actiongewitter. Das Drama schaut man zuhause. Warum sollte Hollywood also Millionen von Dollar in so einen Film stecken, der ein viel höheres Risiko aufweist, an den Kinokassen zu floppen?

Der weiße Hai 19? Solange es Geld einbringt!

Dazu kommen die Produktionskosten. Die sind in den letzten Jahren explodiert. Selbst große Studios wie Disney kommen ins Stottern, wenn sie kurz hintereinander Flops wie The Lone Ranger (2013) und John Carter of Mars (2012) produzieren. Da setzt man lieber auf ein Franchise, das die Fans direkt mitbringt. Egal wie schlecht der neue Transformers-Film ist, es rennen immer noch genug Besucher rein, um den Machern ein Plus zu bescheren. Erschwerend kommt hinzu: Es gibt kaum noch Stars, die Filme alleine Tragen können. Früher gab es schon mal die eine oder andere Million mehr von den Studios, wenn sich ein großer Name unter den Schauspielern befand. Inzwischen ist die Marke der Star. Heute gehen wir nicht mehr in den neuen Johnny Depp- oder Arnold Schwarzenegger-Film – heute sehen wir uns den neuen Marvel-Film oder den neuen Terminator an.

Die Zielgruppe ist schuld?

Für wen machen die großen Studios eigentlich die richtig teuren Filme? Für so viele wie möglich. Wir haben es im Moment mit einem Kino des kleinsten gemeinsamen Nenners zu tun. Im Zweifel wird aber auf die zahlungskräftigste Klientel gesetzt: Junge Männer zwischen 12 und 18 Jahren. Was wollen die sehen, glauben mittelalte Männer (Produzenten)? Viel „Krach Bumm“ und knapp bekleidete Frauen (Ich weiß, dass ich das Beispiel etwas überstrapaziere, aber: siehe die Transformers-Serie von Michael Bay!) und eine starke etablierte Marke. Dann wird gerne noch eine kleine Liebesgeschichte für die jungen Damen eingebaut, mit einem süßen Star garniert – und fertig ist die Blockbustersoße.  Dazu wenig Blut und kein Sex (beides nicht gut für die Altersfreigabe). Ist halt wie McDonalds: Keine Überraschung, macht aber meistens kurzfristig satt. Die Studios halten von ihrem Publikum übrigens nicht besonders viel, könnte man meinen. Der Streit um Snowpiercer (2013) ist ein schönes Beispiel. Produzent Harvey Weinstein (ja DER Harvey Weinstein, dem wir auch Tarantino verdanken) fand den Film zu intelligent für den Durchschnittskinogänger und wollte mit aller Macht Änderungen bewirken. Regisseur Bong Joon Ho weigerte sich. Die Folge: Weinstein verhinderte einen größeren Release in den USA. Das finanzielle Todesurteil.

Früher war alles besser?

Wirklich? War früher alles besser? In diesem Jahr sind wir mit teils wirklich schönen Filmen verwöhnt worden. Whiplash, Birdman, um nur zwei originelle Produktionen zu nennen. Aber auch Fortsetzungen und Adaptionen müssen ja nicht schlecht sein. Ant-Man war ein feiner Film und auch Mad Max: Fury Road wurde zu Recht von Kritik und Publikum abgefeiert.  Aber schon früher hat Hollywood versucht, die Fortsetzungskuh zu melken. Wir erinnern uns nur nicht. Ich musste zumindest Google fragen, um mich an Speed 2: Cruise Control (1997) zu erinnern. Auch auf so Gurken wie Highlander 2 (1991) oder die ganzen Halloween-Fortsetzungen kommt man auch erst nach ein bisschen Nachdenken. Am Ende entscheiden doch immer noch wir als Publikum, was uns Hollywood serviert. So lange wir uns für Adaption, Fortsetzung oder Remake an der Kinokasse entscheiden, wird Hollywood so weiter machen.

(Bilder: 20th Century Fox/Disney)

David

David

Er hat vielleicht nicht jeden Film gesehen. Er kann aber zu jedem etwas sagen. In seiner Muttermilch war Zelluloid. Auch vor Musik und Videospielen macht er keinen Halt. David sabbelt nebenbei auch professionell im Radio. Damit ist er aber offensichtlich nicht ausgelastet. Mehr von ihm gibt es hier bei den Medien-Nomaden.

david@Medien-Nomaden.de
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