Qualitätsserien IX: The Man in the High Castle

Spoilerfrei geht es in die USA, die von den Achsenmächten erobert wurden. The Man in the High Castle ist eine spannende Sci-Fi-Serie, die mit mehreren Handlungssträngen arbeitet. Kann das Probleme schaffen?

Zwei Handlungsschauplätze, zwei Haupthandlungen, zwei Schurken, eine alternative Zeitschreibung. Parallelen – Es scheint, als wären sie die großen Wirkungsmechanismen mit denen Amazon Videos The Man in the High Castle Ende letzten Jahres angetreten ist, um zu beeindrucken.

In der ersten Staffel folgt der Zuschauer zwei (-einhalb) Protagonisten – Es sollten eigentlich drei sein, aber dazu an passender Stelle mehr. Deren Geschichten letztendlich in spannender Thriller-Mainer zusammenfließen. Die Handlung spielt in den USA der 1960er-Jahren, es scheint als lebe man schon seit Jahrzehnten unter dem Hakenkreuz und dem kaiserlichen Siegel. Doch die deutsche Herrenrasse und die japanischen Besatzer trauen sich nicht über den Weg. Mitten in dem aufkommenden Konflikt tauchen rätselhafte Filmrollen auf, die für jeden Akteur in The Man in the High Castle wichtig sind und so die Story binden.

Parallel – wie auch Alternativ

Der Stoff, den The Man in the High Castle bedient, ist ein altes Laster der Menschheit: Was wäre wenn? Was wäre, wenn Hitler und Hirohito den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Wenn der deutsche Diktator und der japanische Kaiser die USA unterjocht hätten? The Man in the High Castle bietet dem geneigten Zuschauer eine mögliche Antwort.

In der alternativen Geschichtsschreibung ist das Vorstehende eingetreten. Knapp die Hälfte der USA wurden in das Greater Nazi Reich eingegliedert: Hakenkreuze von der Ostküste bis hin zu den Rocky Mountains. Hier bildet die neutrale Zone einen Puffer zu den Japanese Pacific States: Das Kaiserreich hat sich die gesamte Westküste unter den Nagel gerissen. Die Serie begeht hier keine neuen Wege und nimmt ihre Inspiration aus dem gleichnamigen Roman aus der Feder des Autors Philip K. Dick, der bereits 1962 erschienen ist.

Parallel – wie auch in gleicher Weise

Die Produzenten Frank Spotniz und Ridley Scott haben eine beeindruckend bedrohliche Welt kreiert. An der Ostküste scheint die Selbstherrlichkeit der Herrenrasse keine Grenzen zu kennen. In The Man in the High Castle ist das Hakenkreuz allgegenwärtig. Selbst auf Münzfernsprechern prangt das Unheilsymbol der Nationalsozialisten. Die zehnteilige Serie spielt 1962, die amerikanische Bevölkerung scheint vollends in das Reich assimiliert. Auf den Straßen patrouillieren Braunhemden, die Kriminalpolizei hat SS-Runen auf dem Kragenspiegel und Amerikaner grüßen mit dem Hitlergruß. Die Idee des Nationalsozialismus ist allgegenwärtig: Rassenlehre, mediale Gleichschaltung und Überwachung sind deckungsgleich mit dem Deutschland zu Zeiten des dritten Reiches.

The Man in the High Castle Artikel II

San Francisco und New York 1962. Schwer vorzustellen, dass die Urlaubsdestinationen in dem parallelen Zeitstrang der Serie immer noch ihren touristischen Reiz behalten haben. (Photo: Amazon.com)

An der Westküste weht die Flagge der aufgehenden Sonne. Nächtliche Ausgangssperren werden von der militärischen Geheimpolizei durchgesetzt, man liest Mangas statt Comics. The Man in the High Castle leistet hier gute Arbeit: Beide USA haben unterschiedliche Bildtonalitäten, die sie klar voneinander abgrenzen. Die Japanese Pacific States werden in blaßen, hellen Farben präsentiert. Das Greater Reich ist dunkler, dafür klarer. Das Setdesign spiegelt ebenfalls die alternative Geschichtsschreibung wieder: Die Nazis sind technologisch hoch entwickelt und haben die Japaner zu Ehren-Ariern ernannt. Die USA unter dem Hakenkreuz sind strukturierter, als die Neu-Bürger des Kaiserreichs. Die beiden Besatzungsgebiete bilden eine Mimesis ihrer Usurpatoren. Sie gleichen ihren Besatzern.

Parallel – Wie gleichsam voranschreitend

Produzent Spotnitz kann Welten erschaffen, immerhin hat er Akte X mitproduziert. The Man in the High Castle hat sehr hohe Produktionsstandards: Vertonung, Bild und Besetzung sind erster Güte. Die Welt ist stimmig und interessant. Wie bereits eingangs erwähnt: Im Vordergrund steht die Geschichte dreier Menschen, die mitten in dieser Dystopie leben. Deren Schicksale sich in dieselbe Richtung entwickeln.

The Man in the High Castle Artikel IX

Joe (Luke Kleintank, Mitte) bekommt seinen Aufrtag vom amerikanischen Widerstand. (Photo: Amazon.com)

An der Ostküste tritt Joe Blake (Luke Kleintank) in den Wiederstand ein, um gegen den Naziapparat zu kämpfen. In den Japanese Pacific States leben Juliana Crane (Alexa Davalos) und ihr Lebensgefährte Frank Fink (Rupert Evans) ein halbwegs unbekümmertes Leben, bis Juliana eine persönliche Tragödie erfährt, die für beide ein normales Leben nicht mehr möglich macht. Der Handlung zentral sind fortan mysteriöse Filmrollen, die ein welterschütterndes Geheimnis erzählen. Joe, Juliana und Frank sind jedoch nicht die einzigen, die sich mit den Filmschnipseln befassen. Obergruppenführer John Smith (Rufus Sewell) von der Ostküste und Chief Inspector Kido (Joel de la Fuente) aus dem japanischen Besatzungsgebiet, sowie der titelgebende Man in the High Castle wollen die Filme in ihren Besitz bringen.

Parallel – Wie in die gleiche Richtung verlaufend?

Es entwickelt sich ein Katz und Maus Spiel, welches stets zu überraschen weiß und wirklich sehenswert ist. Die Handlungsstränge verschmelzen und trennen sich wieder. Der stetige Wechsel der Handlungsorte und Charakteren gelingt gut und motiviert. Aber warum denn eigentlich zweieinhalb Protagonisten?

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Juliana (Alexa Davalos) sichtet einen der mysteriösen Filme, die das Leben der Figuren nachhaltig verändern werden. (Photos: Amazon.com)

Es ist ebendieser Wechsel zwischen Personen und Orten, der Probleme in The Man in the High Castle offenbart: Die Teile des Narrativ sind ungleich. Joes Charakter ist wesentlich interessanter als das Paar Juliana und Frank. Die Geschichte des jungen Widerstandskämpfers erfährt einige Plottwists, der Zuschauer ist sich nie im Klaren über die Personalie Blake. Vom Skript her ist das gut gemacht. Das Skript ist es jedoch auch, unter dem die Figur der Juliana leidet: Beinahe schon haarsträubend gelingen die Exposition und die Entscheidungen der Figur. Schnell verliert sie an Sympathie und Verständnis. Deswegen zweieinhalb Protagonisten. Die Parallelität wird gebrochen, es entsteht ein Überhang zu Joes Geschichte.

Parallel – Wie diametral?!

Dadurch sind beide Handlungsstränge geometrisch betrachtet windschief. Julianas Part ist schwach und kann durch den Plot, der erst ab der dritten Episode so richtig an Fahrt aufnimmt, nicht mehr in Gänze gerettet werden. Ihrem Lebensgefährten Frank widerfahren grausame Dinge, die durch das Drehbuchkonzept für Juliana einen latenten Diskredit erfahren. Letztendlich wünscht man sich mehr Screentime für Joe, der obendrein von Luke Kleintank noch besser auf den Bildschirm getragen wird, als die beiden Westküstenbewohner.

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Obergruppenführer Smith (Rufus Sewell) ist weitaus mehr, als der Schlächter der Ostküste. (Photo: Amazon.com)

Die Gegenspieler der Protagonisten stehlen den jungen Widerstandskämpfern beinahe komplett die Show: Allen voran Rufus Sewells Performance verdient eine Laudatio. Der Obergruppenführer ist als Antagonist brillant besetzt und bleibt in der Binnengeschichte nicht eindimensional. Der japanische Chief Inspector Kido ist die etwas zurückhaltendere Figur im Vergleich zum Ostküsten Parade-Nazi Smith, profitiert aber ebenfalls von einer starken schauspielerischen Leistung. Ebenfalls großartig und ebenfalls von der Westküste: Der enigmatische Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa).

Zwei Ungleiche Teile bedrohen das Ganze

Man mag darüber sinnieren, ob die handlungs- und figurentechnische Dissonanz nicht eine Allegorie auf die eigentliche Grundkonstruktion der Welt, die The Man in the High Castle beschreibt, ist. Die Japaner im Schatten des großdeutschen Reiches? Territorial, technologisch und nun auch erzählerisch? Nein, gewiss nicht. Aber man ringt um eine Erklärung, denn die Serie favorisiert mit einer eigentlichen Parallelstruktur anfangs nur einen Erzählstrang. Die Einheit bricht durch kleine, nicht-austarierte, Nachlässigkeiten. Eine große Disparität besteht zwischen der Pilotfolge und der zweiten Episode.

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In Sachen Graumsamkeit steht Kempeitai Chief Inspector Kido (Joel de la Fuente) seinen SS-Artgenossen von der Ostküste in nichts nach. Der Chef der japanischen Geheimpolizei ist erschreckend gut in Szene gesetzt. (Photo: Amazon.com)

Das nivelliert sich nachher. Zum Ende hin entsteht kein Equilibrium, sondern eine Symbiose der beiden Stränge. Die ist gut, wenn auch wenig überraschend. Sympathie für Juliana will sich aber dennoch nicht einstellen. Das Gewicht fällt indes mehr auf Franks Schicksal, der seinen blassen Auftritt aus der ersten Episode rektifizieren kann. Amazon Films kann das eigentlich besser. Man denke nur an das großartige, dezente Transparent. The Man in the High Castle kommt etwas selbstverliebt daher. Schon nach der ersten Minute weiß man, dass es eine zweite Staffel geben wird – Mann weiß nur nicht so recht warum, nur dass man Recht hat.

Ungleichgewicht offenbart narrative Probleme

Es fehlt an einer erzählerischen Finesse, wie sie beispielsweise True Detective inszeniert. Die Welt, in der die Achsenmächte die Alliierten besiegen konnten, ist stimmig. Aber wie kam es dazu? In The Man in the High Castle wird viel an-geteasert. Man hört von einer Bombe, von Lagern… . Aber: Wie wurde die ethisch diverse Bevölkerung der USA so schnell unterjocht? Was ist zwischen den 40ern und 60ern passiert? Im Fernsehen läuft die Detektiv-Serie „American Reich“; wie ist die so? Die Produktion lässt hier ein paar Fragen zu viel unbehandelt.

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The Man in the High Castle bietet viele interessante, hypothetische Einblicke. (Photo: Amazon.com)

Man will nur ein Quäntchen mehr Information. Der Grund, warum das so übel aufstößt, ist die sehr stimmige Welt, die durch ein glaubwürdiges Setdesign unterstützt wird. Ebenfalls gut gelungen ist die graphische Sicherheit, mit der die Designer typische Weltkriegsplakate, Motive und Formlehren in die popkulturellen 1960er transportierten konnten. Und obwohl das Skript  Juliana eher undienlich ist, erzählt es dennoch eine spannende Geschichte, deren Plottwists überraschen und nicht mit der Brechstange den Flow brechen, wie beispielsweise bei The Walking Dead  (eine Cliffhanger-Serie, die zum Lieben und zum Hassen gleichzeitig geschrieben ist).

Warum man dennoch schauen sollte

Generell sind Flow und Pacing genauso solide, wie die restliche Handwerkskunst in The Man in the High Castle. In die erfolgreichste Eigenproduktion des noch jungen Amazon Video kommt man schnell rein und auch schnell wieder raus. Es ist ein Mittelgrund, den wenige Serien schaffen. Um auf die eingangs aufgeworfene Frage zurückzukommen: Ja, die selbstdiktierten Parallelen machen The Man in the High Castle Probleme, doch Mitte der ersten Staffel ist die US-Serie über die meisten Zweifel erhaben.

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Solide Schauwerte. Der mysteriöse Handelsminister Tagomi (Cary-Hiroyuki Tagawa) wird oft durch Close-Ups eingefangen. (Photos: Amazon.com)

Wer über einige Unstimmigkeiten hinwegsehen, der Figur der Juliana eine zweite Chance und ein paar interessante Fragen eher mit sich selber erörtern kann, sollte los-streamen. Freunde von Robert Harris Fatherland, kommen hier voll auf ihre Kosten. Denn auch wenn das eigentliche Grundkonzept von The Man in the High Castle seine beiden Handlungsstränge nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit bemessen kann, handelt es sich um eine gute Serie. Zu streamen auf Amazon; kostenlos auf Amazon Prime Video.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: Amazon.com

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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