Liebe, Widerstand und billiges Bier – Tocotronic Live

Von zwei Medien-Nomaden, die sich aufgemacht haben eine ihrer Lieblingsbands live zu sehen. Tobi und David haben eine von wenigen Karten für das Tocotronic Konzert im Bahnhof Langendreer ergattert. Schon das Konzert der Hamburger Band im Herbst in Dortmund wurde für fantastisch befunden. In Bochum setzten die Jungs aber noch einen drauf.

250, vielleicht 300 Leute in einem kleinen Saal: So sollten Konzerte erlebt werden. Im Bahnhof Langendreer spielen Tocotronic auf ihrer pädagogisch wertlos-Tour vor kleinem Publikum und steigern sich auf ein noch höres Niveau im Vergleich zum Konzert wenige Monate zuvor in Dortmund. Die vier Jungs scherzen auf der Bühne und sind so nah wie selten. Es ist erstaunlich, dass eine Band, die in ihren Texten oft eine enorme sprachliche Distanz aufbaut, so selbstverständlich, so unmittelbar, so distanzlos an ihren Zuschauern ist. Wir sind in diesem Moment alle Freunde. Dirk, Arne, Phil, Jan, der Mittdreißiger vor mir, ich und der ganze Rest in dieser kleinen Halle. Da kann auch Jan Müller zwischen zwei Liedern mal ein Schwätzchen mit jemanden aus der ersten Reihe halten oder auch, ironisch überhöht, Dirk von Lowtzow Blumen ins Publikum werfen. Everything goes.

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Es ist einfach Rockmusik… oder?

Von Digital ist besser  bis zum roten Album

Und so nehmen uns Tocotronic mit auf eine Reise durch fast 23 Jahre Bandgeschichte. Und mich auf eine Reise durch mein Leben. Es gibt keine Band, die konstanter meinen Weg begleitet hat. Seit dem ich an einem späten Abend Ende der 90er zum ersten Mal das Video zu Sie wollen uns erzählen auf VIVA 2 gesehen habe, komme ich immer wieder auf die Band aus Hamburg zurück. Ein Lied, das wie die Bild und Ton gewordene emotionale Version meiner Pubertät war. Samstag ist Selbstmord löst bei mir ähnliche Gefühle von unbestimmter Sehnsucht, Nostalgie und Außenseitertum wie damals aus. Hier sind und waren Jungs, denen es egal war, wer sie mochte. Etwas, dass ich bis heute nicht schaffe. In der kleinen Stadt in der ich aufgewachsen bin war ich vielleicht der einzige, der sich Tocotronic angehört hat. Zumindest ist mir keiner bekannt, der das auch tat. In meiner Jugend war man schon Rebell, wenn man offen die Onkelz scheiße fand und bei dem Dirty Dancing Soundtrack nicht die Tanzfläche der Scheunenfete stürmen wollte. Jetzt mit 33 Jahren stehe ich hinten links vor der Bühne und vibriere mit jeder Note von Digital ist besser und Samstag ist Selbstmord.

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Den inneren Dandy extrovertiert auf die Bühne gebracht: Dirk von Lowtzow

Aber auch später war sie wichtig, diese Band, die sich so sehr seit 1993 verändert hat, um sich doch immer selbst treu zu bleiben. Bei Hier leben, nein danke bin ich wieder der orientierungslose junge Mann, der ich mal war, mit dem unbestimmten Gefühl, etwas anders machen zu wollen. Ich wollte nie jemand sein, der vor einem PC Zahlen in die Tastatur einzudrischt und sich auf den Jahresurlaub auf Malle  freut. (Gut, jetzt dresche ich Wörter in den PC und freue mich auf den Jahresurlaub in Wien. Aber das ist nicht der Punkt.) Ich habe was anderes gemacht als die meisten. Genau wie die Band, die eben nicht weiter Lieder mit „Ich“ am Anfang gemacht hat. Die sich lyrisch, musikalisch und inhaltlich weiterentwickelt hat. Bei Dieses Jahr frage ich mich spontan: Ist man eigentlich noch ein Außenseiter in einem Raum mit hunderten anderer Außenseiter? Antwort still loading.

Kein Stillstand

Fans lassen sich bei Tocotronic gerne in drei Lager teilen: Die, die vor allem die ersten drei Alben gut finden. Die Fans der mittleren Phase. Die Menschen, die sich an allem ab Pure Vernunft darf niemals siegen erfreuen und natürlich, die die alles mehr oder weniger gut finden. Komisch eigentlich, die Band in solche Phasen aufzuteilen. Klar hört man etwas von ihrem ersten Album Digital ist besser und dann etwas von Schall und Wahn, dann ist der Unterschied hörbar. Live verschwimmen aber die Grenzen. Hier gehen problemlos Jackpot und Zucker, Jungfernfahrt und Drüben auf dem Hügel zusammen. Die Band ruht in sich selbst. Beweisen müssen sie niemanden etwas und sie haben vor allem Spaß. Hier werden die Hits nicht gespielt, weil es einfaches Fan-Pleasing ist. Titel werden gespielt, weil die vier Jungs Bock drauf haben. Genau sowenig wird auf Teufel komm raus nur neuer Kram dem Publikum um die Ohren geschwurbelt. Nach dem Motto friss oder stirb. Das wird bei vielen anderen Bands, die ähnlich lange unterwegs sind ja gerne mal anders gehandhabt. Und so stehen am Ende 22 Songs aus 23 Jahren, zwei Zugaben und glückliche Medien-Nomaden. Da braucht man auch wirklich keine Vorband.

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Der grafische Beweis: Gute Mischung

Ach, ja. Da war ja noch das mit dem billigen Bier. Tobi legt nahe, dass die sehr fairen 3,20 Euro für einen halben Liter Fiege ja auch was mit der Haltung der Band zu tun hätten. So alternativ, freundlich und fan-nah halt. Ich bin da zwar nicht seiner Meinung, sondern glaube, es liegt am Veranstalter. Ich trinke das Bier trotzdem gerne.

Mehr Tocotronic geht nicht? Klar! Hier:

Der große Tocotronic-Cast #1

Der große Tocotronic-Cast #2

Der kleine Tocotronic-Cast zum roten Album

und natürlich die Setlist zum Nachhören:

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David

David

Er hat vielleicht nicht jeden Film gesehen. Er kann aber zu jedem etwas sagen. In seiner Muttermilch war Zelluloid. Auch vor Musik und Videospielen macht er keinen Halt. David sabbelt nebenbei auch professionell im Radio. Damit ist er aber offensichtlich nicht ausgelastet. Mehr von ihm gibt es hier bei den Medien-Nomaden.

david@Medien-Nomaden.de
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