Qualitätsserien IV: True Detective

Die Reihe Qualitätsserien bleibt in den USA! „True Detective“ wurde mit Lob überschüttet. Die Nomaden widmen sich dem Format des Jahres 2014, an dem keiner so recht vorbeikam und suchen einen anderen Zugang. Auch, weil die zweite Staffel im Sommer kommen soll.

„Die intelligenteste Fernsehserie aller Zeiten.“ “Eines der besten Fernseherlebnise 2014.“ „True Detective“ ist eine Fernsehproduktion, die sehr viel Lob und Preisung erfahren hat. Verspätet – also in bester Medien-Nomaden-Tradition – widme ich mich der Serie. Das Krimi Drama ist beinahe ein Jahr alt. Viele haben die Serie gesehen. Im Sommer startet die zweite Staffel. Warum war die erste Season so erfolgreich? Vielleicht liegt es in den Bildern und Thematiken, die uns präsentiert werden. Die Grundkonzepte der Serie, erinnern mich an schon erzählte Geschichten. Ist das gut oder schlecht? Wir finden es heraus! Viel mehr also, als eine schnöde Rezension, mehr eine Reise zu den vermeintlichen Grundmechanismen der Serie. Eine Reise – das passt gerade im Bezug auf „True Detective“ – auch zu einem selbst als Rezipient.

Bevor wir das jedoch ergründen, muss etwas bemerkt werden: Die Serie ist sehr gelungen (Überraschung!). Jeder, der sie noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst nachholen. Die erste Staffel ist gerade einmal acht 55-minütige Folgen lang. Damit man auch noch etwas zu Gucken hat, werde ich in unserer Tradition bleiben und spoiler-frei arbeiten. Dennoch muss die Handlung rudimentär erklärt werden – auch um einen Kontext zu schaffen.

1995 untersuchen die beiden Kriminalpolizisten Rustin „Rust“ Cohle (Matthew McConaughey) und Martin „Marty“ Hart (Woody Harrelson) einen Mordfall in den Sümpfen Louisianas. Schnell wird klar, dass das Vergehen stark ritualisiert wurde. Die Suche nach dem Mörder beginnt und erstreckt sich über 17 Jahre. Die Serie wurde von Nic Pizzolatto erschaffen und geschrieben. HBO begann „True Detective“ im Januar 2014 auszustrahlen. Das Crime Drama gewann viele Auszeichnungen, darunter vier Emmys. Wurde von Kritikern zu einer der besten Fernsehproduktionen aller Zeiten erklärt.

Aktueller Erfolg durch Vergangenes

„True Detective“ als Geheimtipp zu verkaufen, wäre anstandslos. Anders als „The Wire“ und „The West Wing“ haben viele Menschen in Deutschland die Serie bereits gesehen. Bei dem Studium ihrer Rezensionen fallen immer wieder die selben Punkte auf: Zum einem würde „True Detective“ Quality-TV auf die „nächste“ Stufe hieven. Zum anderen findet man beinahe keine schlechten Rezensionen. Zu guter Letzt beschränken sich die meisten Kritiker aber darauf, den Erfolg der Serie mit den handelsüblichen Faktoren zu erklären: Gutes Skript, starke Schauspieler und runde Photographie. Was richtig ist! Aber wenn man eine Serie schon dermaßen adelt, reichen diese Erklärungen wenig aus.

Nic Pizzolatto, der Erschaffer der Serie, war nicht immer Fernsehproduzent. Pizzolatto ist von Hause aus Literaturwissenschaftler und Schriftsteller mit einem akademischen Hintergrund. Das ist wichtig, um die Serie und ihre Dialoge zu verstehen. Um zu erklären, warum sie so erfolgreich ist. Denn man kann in „True Detective“ – wie auch in jeder anderen Serie – Anleihen an schon Erzähltem sehen.

„True Detective“ ist ein beeindruckendes Produkt modernen Fernsehens. Diese Entwicklungsstufe konnte es meiner Meinung nach nur mit bekannten und weniger bekannten Vorlagen erreichen. Natürlich; bis zum Jahr 2015 wurde beinahe jedes Thema in irgendeiner Form medial behandelt und verarbeitet. Und natürlich findet man immer etwas, was man schon mal gesehen hat. „True Detective“ ist da nicht anders, bedient sich aber, so finde ich, an sehr trefflichen Vorlagen. Berühmte oder weniger berühmte Anleihen zu finden ist immer schwer, da sie immer der Schelte Andersdenkender ausgesetzt sind. Dennoch folgt der Versuch, einen eigenen Zugang zu eröffnen.

Belgisch Kongo, Vietnam, Louisiana – Der Versuch eine Reise zu erklären

„True Detective“ hat eine sehr lose und wenig beachtete literarische Vorlage, entlehnt aber, meiner Meinung nach, auch Vieles von anderen Geschichten. Geschichten, die die Serie wunderbar ergänzen und sie besonders machen. Zurück zum Literaturwissenschaftler Nic Pizzolatto und Rusts und Martys Odyssee. Denn darum geht es, wenn man „True Detective“ herunterbricht. Die Suche nach dem Bösen, nach Gründen und nach sich selbst, ergießt sich in einer Reise. Der Zuschauer darf mitkommen, ob am Ende des Weges ein verträglicher Schluss steht, lässt sich eigentlich gar nicht sagen. Aber, so argumentiere ich: Diese Reisen haben schon andere vor Rust und Marty getan.

1899 veröffentlichte Joseph Conrad seine Erzählung „Heart of Darkness“. Das Buch handelt von Charles Marlow, einem Seemann, der von einer Handelsgesellschaft beauftragt wird, um im von den Belgiern kolonialisierten Kongo eine Handelsstation zu retten. Mit einem Flussdampfer macht er sich auf die Suche nach dem erfolgreichen Leiter der Station, einem gewissen Kurtz. Der soll schwer erkrankt sein. Während der Fahrt wird klar, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Kurtz scheint den Vertand verloren zu haben. Wie konnte es dazu kommen?

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Louisiana und Vietnam. Immer eine Reise wert! (Photos: HBO, United Artists)

„Heart of Darkness“ bildete die lose Vorlage für – Filmaffinicados erahnen es – „Apocalypse Now“. Francis Ford Coppolas Kriegsfilm begleitet Captain Benjamin Willard (Martin Sheen) auf der Suche nach Colonel Walter Kurtz (Marlon Brando). Der erfolgreiche Offizier ist im Dschungel Vietnams anscheinend verrückt geworden und herrscht nun als Kriegsherr über seine private Armee. Willard erhält den Auftrag, ihn mit einem Patroullienboot zu suchen. Buch und Film befassen sich mit dem Bösen. Warum das Böse Menschen in Besitz nimmt, wie es dazu gekommen ist. Es geht auch um Schuld und Selbsterkenntnis, die Protagonisten versuchen sich mit der Welt die ihnen präsentiert wird, auseinanderzusetzen und sich in ihr zurechtzufinden. „Heart of Darkness“ Kernthema ist hierbei der Kolonialismus, Coppolas Film von 1979 befasst sich auf seiner Metaebene mit der amerikanischen Interventionspolitik.

„True Detective“ behandelt keines dieser beiden Themen. Aber ich finde, die Parallelen sind, ohne sie zu überstrapazieren und zu -interpretieren, vorhanden. Die Serie setzt den Zuschauer in ein unbekanntes Territorium: Die Sumpflandschaften Louisianas. Man kennt vielleicht New Orleans oder Baton Rouge, aber die Bayous mit ihren Bewohnern sind ihr eigener Mikrokosmos. Natürlich hinkt der Vergleich mit dem wildem Kongo des Buches, oder dem gefährlichen Vietnam des Filmes, aber durch die Mystizismen der Serie schafft sich ein ähnlicher, unbekannter Schauplatz, den es zu erforschen gilt. Die Anleihen, die Pizzolatto hier genutzt haben könnte, hören aber bei dem Schauplatz nicht auf. Zitat Rust: „And like a lot of dreams, there’s a monster at the end of it.“:

Die Reise ist ein zentrales Motiv. Nicht nur wird eine wirkliche Reise an unbekannte Orte getan, sondern auch eine Reise in das Innere der Charaktere. Marlow auf seinen Raddampfer fragt sich permanent, ob es der Auftrag wert ist. Die rohen Zustände im kolonialisierten Kongo, lassen ihn zweifeln. In den Wirren des Vietnamkrieges erfährt der Zuschauer mehr über Willard, als über den gesuchten Kurtz. Je weiter Willard´s Patrouillenboot in den Dschungel Vietnams vorstößt, desto absurder und lebensfremder werden die Umstände. Marty und Rust fahren nicht mit dem Boot. Der Transit zwischen den verschiedenen Handlungsorten geschieht mit einem Auto. Das dient gleichzeitig auch als Raum, um die Story und die Charaktere voranzutreiben. Die Reise zu ihrem kriminalistischen Ziel, schließt jedoch auch die Reise zu sich selbst ein.

Anleihen, die Erwartungen und Überraschungen schaffen

Zu guter Letzt sind Buch, Film und Serie eine Spurensuche. Und hier sehe ich auch eine Parallele. Marlow versucht zu ergründen, was mit dem Vorzeigehändler Kurtz passiert ist. Willard kann sich nicht erklären, warum Colonel Kurtz, ein Vorbild von einem Offizier, verrückt geworden ist. Für die beiden Ermittler ist ihre Reise ebenfalls eine Etappenarbeit. Puzzlestücke werden gefunden und verarbeitet. Zentral dabei ist stets das Böse, dass sich nicht wirklich fassen lässt und bis zuletzt im Dunkeln bleibt. Das Ergründen unbekannter Faktoren. Das persönliche, sowie dienstliche Unvermögen. Dargestellter Plot ist beinahe schon eine Expedition, im wirklichen, wie auch übertragenen Sinne. Buch, Film und Serie verschmelzen an manchen Stellen und trennen sich an anderen wieder. Der Unterton bleibt bestehen und schafft dabei ein umwerfend fesselnden Rahmen, in dem sich viele Zuschauer motiviert finden, die Serie weiterzugucken. Ich möchte nochmal betonen, dass wenn man so vorgeht, viele Anleihen funktionieren. Aber als ich das Crime-Drama zum ersten Mal sah, fühlte ich mich sehr an „Heart of Darkness“ und „Apocalypse Now“ erinnert.

True Detective Vergleich

Mystische Spurensuche in der Serie und im Film. Was ist passiert? (Photos: HBO, United Artists)

Jetzt zu urteilen, „Heart of Darkness“ oder „Apocalypse Now“ wären die punktgenauen Vorlagen für „True Detective“ wäre nicht nur vermessen, sondern auch schlichtweg falsch. Vielmehr sind es die Operatoren, die sich gleichen. Und hier liegt auch der Appeal der Serie. Die nimmt einen mit in eine unbekannte, mystische Welt. Der Erkenntnisgewinn ist dabei nicht so wichtig, wie der Weg dahin. Man könnte das Obige noch weiter spinnen. Über die „Establishing-Shots“ mit einem hintergründigen „Voice-Over“, oder die musikalische Untermalung, die stets überrascht, nie unpassend ist und sich ihre eigenen besonderen Orte schafft, reden. Man könnte die Philosophie die „True Detective“ anbietet, mit der von Conrads Buch vergleichen. Und vieles mehr. Ich sehe klare Anleihen – keine Plagiate (auch das wurde Pizzolatto vorgeworfen).

Ein weiteres Beispiel: Immer, wenn ich die Serie, die auf drei Hauptzeitachsen (1995, 2002 und 2012) operiert, schaue, fühle ich mich an die Erzählstruktur des Films „Die üblichen Verdächtigen“ erinnert. Die Handlung wird nicht nur auf langen Autofahrten vorangetrieben, sondern auch in einer Befragung, die die beiden Protagonisten über sich ergehen lassen müssen. Das eröffnete Potenzial was sich dadurch für die Präsentation der Story ergibt, ist brillant umgesetzt – wenn man von ein paar Ungereimtheiten absieht. Das Verhör des von Kevin Spacey gespielten Protagonisten Verbal ist zentral für den Film. Die Serie hingegen macht hier einen Parallelstrang auf, der die Handlung weiter stützt, aber nicht zwangsläufig trägt. Dennoch kokettiert „True Detective“ mit der Undurchdringlichkeit und dem Misstrauen der Befragungssituation. Durch das Verarbeiten der Anleihen entstehen für den Zuschauer fragwürdige Sicherheiten. „True Detective“ behält sich immer vor, diese zu geben oder zu entsagen.

Ein schweres Erbe

Ich finde, gerade weil „True Detcective“ sich an bekannten (und sehr erfolgreichen) Strukturen bedient und diese für sich nutzbar macht, entsteht die Anziehungskraft der Serie. Sie bleibt dabei anspruchsvoll, die ineinander verwobene Handlung verlangt Aufmerksamkeit. Rusts Äußerungen und Monologe, die einige Kritik erfahren haben, erfordern einen hohen Grad von Zugeständnissen seitens des Zuschauers. Aber ohne den ewig-sinnierenden Nihilisten vom Dienst funktioniert Pizzolattos Werk nicht. Gerade in der ersten Hälfte der ersten Staffel droht Matthew McConaugheys Charakter, Woody Harrelson zu verdrängen. Der charismatische Detective nimmt Marty in so manchen Szenen die Luft zum Atmen. Das ist Fluch und Segen zugleich. Auch weil McConaughey seinen Part beeindruckend spielt – seine Tage als Frauenschwarm in romantischen Komödien scheinen nun wirklich vorüber. Das Ungleichgewicht tariert sich in der zweiten Hälfte der Serie ein wenig aus. Aber Rust bleibt der Charakter mit dem meisten Appeal. Auch weil er so nah an der Selbstzerstörung und Selbstaufgabe steht, wie kein Anderer. Marty hat auch diese Tendenzen, übertritt dabei aber weniger Grenzen. Erst wenn sich die moralischen und menschlichen Nullpunkte der Charaktere ähneln, haben sie die gleiche Gravitas.

True Detective Cast

Showrunner Nic Pizzolatto (li.) mit seinem Cast: Matthew McConaughey, Michelle Monaghan und Woody Harrelson. Macht HBO jetzt auch in Wasser? (Photo: Mashable)

Das scheint kalkuliert. Auch wenn man bedenkt, dass Pizzolatto die Serie in voller Autonomie und Eigenregie geschrieben hat. Er leistet wirklich gute Arbeit und wird auch in der zweiten Staffel federführend sein. Eine Abkehr von der erfolgreichen Rezeptur stellt die Wahl des Regisseurs dar. Staffel Eins wurde gänzlich von Cary Joji Fukunaga, der den einzigartigen Look der Serie etablierte, photographiert. Für die kommende Staffel sollen es mehrere Filmdirektoren richten – jede Episode ein anderer. Das kann für eine Serie, deren Stärke auch gerade im Visuellen liegt, eine Gefahr darstellen. Die Handlung verlagert sich nach Kalifornien und folgt dabei unter anderem Colin Farrell, Vince Vaughn und Rachel McAdams – mehr weiß man noch nicht. Erfrischend hingegen ist das Anlegen der Serie als Anthologie. Das totgesagte Format folgt in jeder Episode oder Staffel einer anderen Geschichte. Martys und Rusts Geschichte ist definitiv zu Ende. Da wird es die zweite Staffel sichtlich schwer haben. Man darf gespannt sein, wie Pizzolatto versuchen wird, die Linie zu halten und dabei Neues zu präsentieren. Allzu viel verändern sollte er nicht. Der neue Cast muss ebenfalls große Schuhe füllen. Ab Sommer diesen Jahres wissen wir mehr.

Eine klare Empfehlung – Anleihen hin oder her

Wir nähern uns langsam dem Ende des Artikels. Unsere Reihe „Qualitätsserien“ hat Neuland betreten und eine aktuelle Serie untersucht. Eine Serie, zu der zwar viel geschrieben wurde, aber die sich vielen Analysen entzogen hat. Die Referentialität von „True Detective“ zu „Heart of Darkness“ und „Apocalypse Now“ ist nur eine Idee und kann gerne entkräftet werden. Ob man in den Verhören einen Kniefall zu „Die üblichen Verdächtigen“ sehen will, ist jedem selbst überlassen. Wichtig ist jedoch, dass wenn dem so wirklich wäre, die Serie mit den Anleihen großartig umgeht und daraus etwas Eigenes schafft. Darüber hinaus gibt es natürlich viel mehr Gründe die Serie zu gucken und zu lieben.

Diejenigen, die „True Detective“ noch nicht geschaut haben, sollten dies wirklich tun und sind beneidenswert. Dürfen sie doch die ganze Geschichte zum ersten Mal erleben. Geguckt werden kann auf Amazon Prime Instant Video, iTunes und Sky Atlantic – alles in deutscher Synchro. Diejenigen, die das Vergnügen schon hatten, sind herzlich dazu eingeladen zu kommentieren! Was mochtet ihr an der Serie? Was nicht? Was wünscht ihr euch für die zweite Staffel? Seht ihr in „True Detective“ ebenfalls Anleihen aus anderen Geschichten/Themen? Wenn ja, welchen?

Im April wechseln wir mal wieder nur den Bundestaat. Es geht in das eingeschneite Minnesota. Hier bringt ein Autounfall eine vertraute Geschichte ins Rollen.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: HBO, United Artists, Mashable

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

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