Qualitätsserien X: Turn

Steini spioniert gegen ihre Majestät! AMCs Serie Turn spielt zu Zeiten des Unabhängigkeitskriegs und will die Geschichte des Culper-Rings erzählen – dem ersten Spionagenetzwerk der USA. Ist den Amerikanern nach Mad Men der nächste große Ausflug in eine andere Zeit gelungen ?

Abraham Woodhull hat gleich mehrere Probleme: Seine Kohlernte ist eingegangen, in seinem Heimatdorf patrouillieren die verhassten englischen Rotröcke, vor seiner Haustür tobt eine der erfolgreichsten Rebellionen der Weltgeschichte und er hat eine Frau geheiratet, die er nicht liebt. Die Liste lässt sich fortführen: Sein Vater will von dem Aufbegehren der amerikanischen Kolonisten nichts wissen und hält an der britischen Krone fest, während Abrahams Freunde alle auf der Seite der taufrischen Vereinigten Staaten um ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen. Aber erstmal genug davon!

In unserer zehnten Folge zu Qualitätsserien beleuchten wir die erste Staffel von AMCs Turn. Ein Novum in unserer Reihe: Die historische Dramenserie bedient sich an realen Geschehnissen und Charakteren. Wir haben noch nie eine Qualitätsserie, die auf wahren Begebenheiten fußt, besprochen.

1776?! Da war doch was!

Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg stellt für Politikwissenschaftler hüben wie drüben ein Schlaraffenland dar. Die 13 Kolonien und der zugehörige Kontinentalkongress formulierten die Archetypen des modernen Politik- und Demokratieverständnisses. So weit, so bekannt. TV-Produzenten haben der illustren Epoche bisher wenig Liebe bemessen. Seltsam, wenn man bedenkt, dass der US-amerikanische Nordosten mit historischen Plätzen und Museen überzogen ist, die ebendieser Zeit gedenken. Filmische Aufbereitung gibt es zu Hauf, wobei das Thema, laut dem Smithsonian Institute, oft nicht einfach umzusetzen ist – auch Turn wird Probleme bekommen.

Es ist also eben diese von der Weltgeschichte gefeierte Zeit, derer sich Produzent Craig Silverstein annahm, um für das Netzwerk AMC 2014 ein neues Format aus der Taufe zu heben. Der Serie als Grundlage dient Alexander Roses Buch über die aufmüpfigen, doch kriegsentscheidenden Spione: Washingtons Spies: The Strory of America´s first Spy Ring. Die Geschehnisse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben nicht nur Konterfeis für amerikanische Banknoten hervorgebracht, sondern auch ganze Bibliotheken mit Biographien, Historien, Folklore und wissenschaftlichen Arbeiten befüllt. Turn will sich an diesen Geschichten laben. Aber: Warum dauerte es so lange, bis sich jemand das Herz nahm, um diese Geschichten für das Fernsehen neu zu erzählen?

Turn macht viele Baustellen auf…

Turn wird diese Frage unfreiwillig beantworten. Dies sei vorweg genommen. Die Produktion bietet fast eine Anleitung, wie man den Stoff nicht im Fernsehen verhandeln sollte. Der eingangs erwähnte Abraham Woodhull (Jamie Bell) hat nämlich noch viel mehr Probleme als anfänglich offenbart. Das Größte von denen ist, dass der historische Chrakter die Rolle des Protagonisten in Turn nur bedingt ausfüllt. Der richtige Woodhull hatte mit Ehebruch genauso wenig am Hut, wie die Aufständischen mit der von der Krone erhobenen Steuer auf Luxusgüter, die ihren Waffengang erst befeuerte. Anders als von dem richtigen Woodhull bekannt, sind die Leiden des jungen Abes in Turn multidimensional.

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Abe mit seiner eigentlichen Liebe Anna Strong (Heather Lind) auf einem konspirativen Baumstamm. (Photo: AMC)

Zu multidimensional. AMC Serien sind dafür bekannt Handlung und Zuschauer-zentrierte Payoffs hinauszuzögern, Turn geht hier aber mehrere Schritte zu weit. Abes Einstieg in den Freiheitskampf und in das Spionagegeschäft gelingt etwas fadenscheinig. Auch weil die Serie immer wieder den Fokus auf seine persönliche Situation legt und dabei keine gute Verbindung zum Kampf gegen die Tyrannei schafft. Erst ab der fünften Episode der Serie generiert die serielle Rebellion die ersten, zarten Anzeichen von Spannung und Kohärenz. Bis dahin sind in den gut 45 minütigen Folgen soviele Themen und Plots eröffnet worden, das man sich Baron von Steubens harte Hand wünscht, die in Turn Ordnung schafft. George Washingtons Kampf gegen Krone und Loyale ist zu diesem Zeitpunkt genauso aussichtslos wie das Warten auf Spannung und Suspense. Auch wenn das nachher besser wird; kein guter Start für eine langfristig angelegte Fernsehserie.

…und verliert nicht nur manchmal den Faden…

Denn komplexe Handlungen müssen von tragfähigen Figuren erzählt werden – gerade bei historischem Stoff. Aber Turn und seine Handlungsbeauftragten wollen sich dem Zuschauer und ihrer wahren Geschichte nicht annähern. Unbeugsam, wie eben auch die Autoren der Unabhängigkeitserklärung. Aber ernsthaft: Die historischen Charaktere machen durchaus unhistorische Dinge. Dass die Serienpersönlichkeiten nicht auf denselben Pfaden wandeln wie ihre realen Vorbilder, wäre nicht schlimm, wenn sie doch nur gut geschrieben wären. Abes Ehefrau ist beispielsweise story-technisch dermaßen verkümmert, das selbst Komparsen in einem besseren Licht dastehen. Das eigentliche Kerngeschäft, dessen Turn sich angenommen hat, leidet ebenfalls darunter. Der Culper-Ring – das erste Spionagenetzwerk der infantilen USA – wird geschichtstreu von Abes Freund Benjamin Tallmadge (Seth Numrich) gegründet. Leider gleicht die biedere Figur des Geheimdienstchefs in keiner Weise ihrem realen, überlieferten Vorbild.

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Tallmadge – der Kopf hinter dem Culper-Ring – wird wenig Gelegenheit gegeben, sein Werk zu präsentieren. (Photo: AMC)

Numrichs Performance mag gut sein, das Serienkonzept arbeitet aber dagegen. Zu selten das Gefühl, Zeuge von weittragenden Geschehnissen zu sein. Zu wenig Aufmerksamkeit, die die Serie dem Aufbau und der Inbetriebnahme von Tallmadges Agentennetzwerks bemisst. Sein weltberühmter Dienstherr George Washington beschränkt seine Auftritte in Turn auf ein Minimum und entzieht sich somit der zweifelhaften Behandlung seiner Person. Turns erste Staffel hätte gut daran getan, sich mehr mit ihren Charakteren auseinanderzusetzen und sie besser zu entwickeln. Die beständig wechselnden Autoren scheinen vergessen zu haben, dass auch hier eine Zuschauer nähere Warte dem historischen Seriendrama gut getan hätte.

…sondern auch den Zuschauer

Neben Protagonisten, die einen kälter lassen als das eisige Wasser des Delaware, und einem Schwall an Themen, leidet Turn unter einem perspektivischen Problem, welches mit den Motiven zusammenhängt. Zu keiner Zeit kann sich der Zuschauer an eine gleichbleibende Erzählstruktur gewöhnen. Mal werden die verschiedenen Plots in Gänze beleuchtet, mal kommen sie zu kurz. Ein gutes Beispiel ist die Befreiung der Sklaven, die laut Turn aus dem Nichts auf ihre Freiheit pochen, diese von den Kolonialherren auch sofort erhalten, nur um in betroffener Semi-Freiheit den Engländern zu dienen. Das Liebesdreieck zwischen Abe, seiner Frau und seiner eigentlich Angebeteten wird lange ausgebreitet, während so viele historische Ereignisse entlang des Weges unbehandelt bleiben.

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Turns Cast – die coolen Kinder sitzen rechts, roter Rock obligatorisch. Rogers (Mitte) macht die Tür. (Photo: AMC)

Turn bedient sich dabei der Geschichte, wo sie es für richtig hält. Die Hauptantagonisten, der englische Hauptmann John Simcoe (Samuel Roukin) und der legendäre Robert Rogers (Angus MacFayden), waren ebenfalls reale Persönlichkeiten, deren serielle Lebensläufe mit ihren richtigen Vitaes manchmal im Konflikt stehen. Jedoch gelingt Turn bei der Darstellung der beiden Gegenspieler etwas Beachtliches: Ihr Auftreten bedeutet dem Zuschauer etwas. Simcoe ist ein gut geschriebener Gegenspieler und als solcher absolut hassenswert. Er und Rogers tun den Dienst an ihrer Majestät zwar etwas eindimensional, sind aber im Vergleich zu den restlichen Personalien Alphatiere.

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Hauptmann Simcoe: Diesmal ohne Perücke, dafür mit Blut. (Photo: AMC)

Das intrigante (Zusammen-)Spiel der Akteure rettet Turn die Ehre und hält den Zuschauer so gerade bei der Stange. Dennoch beschreitet die Serie einen schmalen Grad. Erst ab der Hälfte der ersten Staffel laufen die Dinge zusammen. Es ist ein Ungleichgewicht, mit dem das historische Drama arbeitet. Und es ist nicht vorrangig das etwas gespaltene Verhältnis zur Authentizität, das Probleme bereitet. Es sind fragwürdige erzählerische Entscheidungen und die Themenwahl, die die Entstehungsgeschichte des Culper-Rings ins Hintertreffen geraten lassen.

Hohe Produktionswerte

Was Turn kann, wenn es die richtigen Entscheidungen trifft, ist dabei gar nicht mal so schlecht. Die Serie ist in ihrer Bildkomposition überraschend wertig. Beispielsweise stehen die roten Uniformröcke der Engländer in einem starken Kontrast zu dem Blau der Kontinentalarmee. Die dominierenden Farbtöne haben gegen die gewählt blasse Grundoptik, die die Chefphotographen Lol Crawley und Marvin Rush einfingen, ein leichtes Spiel. Die Ausstattung und das Setdesign sind ebenfalls erster Güte und stehen im Gegensatz zum eigentlichen Inhalt. Der Detailgrad der Bilder ist dabei fast schon interessanter als die Handlung, die sich erst mit stoischer Ruhe in Bewegung setzt.

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Opulente Sets wie in Downtown Abbey. Hier kann Turn überzeugen. (Photo: AMC)

Hätte Turn in seiner ersten Staffel nur ein Zehntel der Energie und Virtuosität für Themenwahl und Charakterentwicklung aufgewandt wie für seine Schauwerte… . Aber Szenerien kann man auch bei Deutschlands schönste Bahnstrecken (Einschalttipp!) beschauen, eine historische Serie muss erst über Handlung und Figuren funktionieren; erst dann darf man sich an die Kür machen. Turn hat das umgekehrt.

Zu viele Themen für eine klassische Serienstruktur?

Turns erste Staffel feierte im April 2014, im Nachhall geteilter Kritiken, Premiere. Das Netzwerk AMC ist dafür bekannt, mehr den Konzepten der seriellen Produkte zu vertrauen, als ihren Produzenten. Viele Produktionsteams werden für eine neue Staffel ausgetauscht. Mit Erfolg: Das New Yorker Netzwerk hat mit Breaking Bad und Mad Men in der Vergangenheit und aktuell The Walking Dead erfolgreiche Qualitätsserien kreiert. Innovation ist dabei sekundär. AMCs Produkte strotzen vor gutem Handwerk und das Netzwerk betreibt in der Regel einen hohen finanziellen Aufwand, um die eigentlich recht simplen Konzepte auf die Mattscheibe zu bannen.

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Schöne Bilder weiß die Kamera einzufangen. Turn wurde in Virginia gedreht. (Photo: AMC)

Turns erste Staffel funktioniert als historische Dramenserie nicht, weil sie viele Tugenden einer guten Fernsehproduktion nicht umsetzt. Turn eröffnet einfach zu viele ungleiche Handlungsstränge, die von den wenigsten Figuren der Serie getragen werden können. Man erkennt die Intention, wird aber von der Umsetzung enttäuscht. Über den Culper-Ring weiß man nach den zehn Folgen nur bedingt mehr.

Leider eine mittelmäßige Serie

Es scheint, dass Turn etwas mehr narrative Innovation gut getan hätte. Auf der ewigen Suche nach dem nächsten Breaking Bad-gleichen Erfolg, agiert Turn inhaltlich aufgeregt, erzählerisch chaotisch und im Hinblick auf Spannung sehr verhalten. Themen, Figuren und Handlungen leiden darunter ebensoviel wie auch der schlussendliche Sehgenuss. Es gibt weitaus bessere Beispiele für serielle Umsetzungen von historischen Geschichten (neben vielen bekannten Produktionen kann ich Manhattan und The Hour empfehlen).

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Die Darsteller wie zum Beispiel Burn Gorman sind gut gecastet. In den letzten Folgen der ersten Staffel dürfen sie dann auch vom Skript her zeigen, was sie können. (Photo: AMC)

Fernsehen im historischen Kontext verlangt einen anderen Zugang, als ihn Filmproduktionen aufstoßen. Den Culper-Ring durch den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu erfassen, ist eine natürliche und gute Entscheidung. Das Thema wartet mit vielen spannenenden Geschichten auf – die aber auch vernünftig erzählt werden wollen. Man braucht Figuren, wahlweise mit einer eigenen, fiktiven Geschichte, die sich ganz klar in dem Stoff verorten können. Turn schafft das in seiner ersten Staffel nur teilweise. Während meine Erwartungen an die zweite Staffel deutlich niedriger sind, wurde sie von den Rezensenten wesentlich besser aufgenommen, als ihre Vorgängerin. Dennoch muss AMC sich weiter um eine neue Blockbusterserie bemühen.

Die Reihe Qualitätsserien

Photos: AMC

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Steini

Steini

Als attraktiver Papier-Kanadier mit Hang zur Mettbrötchen-Verköstigung, erkannte Steini schnell, dass Medien, Medien sind. Eine Erkenntnis, die das Studium der Medienwissenschaften nur erhärten konnte. Gerne spielt er spärlich bekleidet Microsoft Train Simulator und schreckt auch vor Printerzeugnissen nicht zurück. Steini ist neben seinen Artikeln, auch für eine Vielzahl der "viel-prämierten" Medien-Nomaden Videos verantwortlich.

Steini@Medien-Nomaden.de
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