Vinyl – Geschichte einer Liebe – Teil1

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Vor 67 Jahren wurde die  12-Zoll-Langspielplatte mit 33⅓ min-1 aus  Polyvinylchlorid – oder kurz: Vinyl – der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Grund genug für David und Tobi über ihr gemeinsames Hobby zu berichten. Den Anfang macht Tobi mit einem Überblick über die Höhen und Tiefen des schwarzen, runden Goldes.

„Hast Du nicht Lust, was über Vinyl zu schreiben? Du musst allerdings recherchieren!“, waren in etwa die Worte meines geschätzten Kollegen David und wer kann bei so einer netten Anfrage schon ‚Nein‘ sagen? Ich jedenfalls nicht. Besonders nicht, wenn es um ein Thema geht, das seit nun drei Jahren nicht nur ein gemeinsames, sondern auch eines meiner liebsten Hobbys geworden ist. Da mache ich auch gerne den Anfang und gebe, ganz im Sinne dieser freundschaftlichen Auftragsarbeit, eine Einführung in das Thema Vinyl-Schallplatten, um dann zusammen mit David in den nächsten Teilen das Nähkästchen zu öffnen und offen über unsere Sammelleidenschaft zu sprechen. Doch genug Geplänkel, weiter geht es nach der nächsten H2 – Überschrift.

Von der Walze zum Schellack

Es begann im Jahre 1877 mit der Erfindung des Phonographen, durch den wohlbekannten Thomas Alva Edison. Beim Phonographen wurden die Töne vertikal auf eine Zinnfolie, später dann auf Wachswalzen geritzt. Das Besondere:  Edisons Erfindung konnte, im Gegensatz zu älteren Gerätschaften, auch die Töne wiedergeben, so auch die erste Aufnahme von „Mary had a little lamb“.

Dieses Aufnahmeverfahren brachte jedoch einige Nachteile mit sich.  Das Material war sehr für Verschleiß anfällig, die Aufnahmen fielen sehr leise aus. Außerdem wurden bei jedem Abspielen neue Geräusche aufgenommen, da das Gerät immer Aufnahme- und Abspielgerät zugleich darstellte.

Abhilfe schaffte 1887 Emil Berliner, indem er die Töne horizontal in eine Glasplatte ritzen ließ. Die Glasplatte wurde im Laufe der Entwicklung durch eine mit Wachs überzogene Zink- oder Kupferplatte ersetzt.  Von den entstandenen Platten konnten Negative erstellt werden, die dann zur Pressung von weiteren Platten genutzt werden konnten. 1888 führte Berliner dann ein Abspielgerät für die „Schallplatten“ vor, das Grammophon.
Um mehrere Platten vertreiben zu können, suchte Berliner ein geeignetes Material für die Pressung. Von Zelluloid kam er zu vulkanisiertem Hartgummi. Doch den wirklichen Aufschwung brachte erst die Nutzung eines Gemisches aus Schieferpulver, Baumwollflock und Schellack im Jahre 1896.

Schellack, die Ausscheidungen der Lackschildlaus, gab der neuen Generation der Schallplatte ihren Namen:  Schellackplatte. Diese wies eine höhere Klangqualität sowie eine längere Haltbarkeit auf. Je nach Größe einer Platte (10 oder 12 Zoll) kam eine Seite auf eine Spieldauer von drei bis vier Minuten bei 78 min−1. In den darauffolgenden Jahren wurde weiter an der Weiterentwicklung der Platte und deren Abspielgeräte geforscht, so wurden beispielsweise die ersten Platten nur einseitig gepresst, später wurden beide Seiten genutzt.

Grammophone

Grammophone mit Kurbelantrieb

Langer Atem dank Vinyl

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges kam es zu Materialengpässen. Oftmals musste man seine alten Schellackplatten opfern, um eine neue zu erlangen.  Man suchte nach neuem Material und stieß auf Polyvinylchlorid (kurz: PVC) oder einfach nur Vinyl. Das Material lässt deutlich schmalere Rillen zu, ist robuster und zeigt deutlich weniger Störgeräusche.  Am 21. Juni 1948 war es dann soweit,  die 12-Zoll-Langspielplatte mit 33⅓ min−1 wurde vorgestellt. Dessen Entwickler, Peter Carl Goldmark, ging als Erfinder der Langspielplatte in die National Inventors Hall of Fame ein. Der Siegeszug des Vinyls begann.  Zur Information: Die kommerziellen Einführung der Stereoplatte  geschah im Jahre 1958.

Kleine Scheibe, große Wirkung, oder: Das Vinyl ist tot!

Anfang der 1980er brachten die Firmen Philips und Sony die Compact Disk (kurz: CD) auf den Markt. Auf der 12 cm Durchmesser großen Scheibe kann ein komplettes Album in digitaler Form gespeichert und davon auch wieder abgespielt werden. Keine Störgeräusche, kein Wenden, einfaches „Skippen“ der Tracks und weniger räumliche Platzeinnahme sind nur ein paar der Argumente, die für die CD sprachen (und für manche immer noch sprechen). Gestützt durch die großen Plattenfirmen stoppte die CD die Erfolgsgeschichte der Schallplatte und beanspruchte den Markt für sich. Ende der 80er war es dann soweit: Die Verkaufszahlen der CD überholten die der LP und stiegen immer weiter, während die des Vinyls weiter sanken. 2002 erreichte die CD eine Rekordverkaufszahl von 133,7 Millionen, während die LP bei niedrigen 0,6 Millionen lag.

Es lebe das Vinyl!

Doch das Vinyl war nicht totzukriegen. Überzeugte Bands und kleinere Indie-Label ließen weiter pressen.  2010 stiegen die Verkaufszahlen in Deutschland wieder um eine Nachkommastelle und in den darauffolgenden Jahren noch weiter, bis 2012 der LP- Verkauf wieder die Millionen-Marke erreichte. Plattenspieler fanden und finden den Weg zurück ins Wohnzimmer, sei es der alte der Eltern oder ein neues Gerät vom Hifi-Händler. Audio-Zeitschriften begannen wieder vermehrt über die Neuheiten auf dem Plattendreher-Markt zu berichten.

Nicht nur Indie-Label, meist aus dem Bereich der elektronischen Musik, die auch während der Flaute noch an das Format glaubten, lassen heute wieder auf Vinyl pressen, sondern auch die großen Labels der Musikindustrie wenden sich wieder dem vor Jahren von ihnen selbst totgesagten Medium zu. Es sind nicht mehr die verschrobenen Musikliebhaber, die begierig auf dem Flohmarkt die Kisten durchwühlen und die unter Gleichgesinnten über ihren neusten Fang fachsimpeln. Jetzt schicken sich auch die jungen Generationen Bilder ihres Einkaufs aus dem Elektronikfachmark auf ihr Smartphone. „Aufgrund der hohen Anfrage bieten wir jetzt wieder ein ausgewähltes Sortiment auf Vinyl an“, steht auf einem Schild in der Musikabteilung im Kaufhaus. Dahinter LPs sortiert von A-Z. Neuerscheinungen neben Re-Issues von Klassikern. Musik ist Back in Black! Und nicht nur das. Limitierte Sondereditionen in allen Formen und Farben erfreuen das Sammlerherz.  1,8 Millionen verkaufte Platten in Deutschland sind im letzten Jahr zu verzeichnen. Bis auf Deutschen-Schlager und Klassik kommt wieder alles in die Pressen, von Justin Bieber und Sahra Connor bis hin zu den Japanischen Kampfhörspielen und Defeater.  Der Chef von Europas ältesten Plattenhersteller, der Pallas GmbH, sagte 2013 gegenüber der Frankfurter Rundschau, er gäbe der CD noch zehn Jahre und er hoffe, dass das Vinyl überleben würde.  Alles super fürs Vinyl also?

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Microrillen und Nostalgie. Vinyl ist zurück!

Es ist nicht alles Gold was dreht

Den letzten Record Store Day nutzten zwei Indie-Label um ihren Frust Luft zu machen. Ihre Kritik: Selbst an dem Tag, der für die kleinen Plattenläden gedacht ist, mischen sich die Majors ein. Auf dem Vinylmarkt brodelt es. Indie-Labels und kleine Bands, die nie das Format der LP außer Acht gelassen haben, fühlen sich vernachlässigt und das vielleicht zu Recht. Denn: Die Möglichkeit Vinyl pressen zu lassen ist endlich.  Mit dem Aufkommen der CD stellten viele Major-Labels die Vinylproduktion ein und ließen ihre eigenen Pressen verschrotten. Folglich gibt es weltweit nur noch wenige Presswerke und die stammen meist noch aus den 70er Jahren. Für diese heißt es nun meist, Dauerbetrieb Tag und Nacht, um der Nachfrage nachzukommen. Das funktioniert nicht immer.

Jetzt lassen jedoch auch die Majors ihre Platten bei den verbliebenen Presswerken herstellen und blockieren wichtige Produktplätze der Indie-Labels. Lange Wartezeiten sind die Folge. Neusten Behauptungen nach fließt Geld seitens der Großen, um schon lange im Voraus die Pressen zu reservieren.  Während die Bands der Indie-Labels mit ihren Veröffentlichungen ihre Tour finanzieren, melken die Majors angeblich mit der x-ten Limited Edition eines Klassikers nur ordentlich die Vinylkuh.

Warum dann keine neuen Pressen?

Im Vergleich zu CD-Verkäufen oder gar Download-Zahlen, nimmt Vinyl nur einen geringen Marktanteil ein. Neue Pressen sind also nicht rentabel. Das Geld wird lieber in die Reparaturen der jahrzehntealten Maschinen gesteckt. Doch nicht nur Pressen sind das Problem, auch das Material zur Plattenherstellung und das Know-How nimmt weltweit ab. Neue Bezugsquellen müssen gefunden und neue Fachleute angelernt werden.  Der Vinylmarkt ist ein schwieriger Markt.

Der Konflikt des Käufers

Indie-Labels unterstützen? Trotzdem beim  Major-Label kaufen? Die Entscheidung und die Kaufkraft liegen beim Käufer. Und ja, natürlich möchte ich unbekannteren Labels und Künstler unterstützen, ich bin aber auch Sammler und Jäger, laut Spex vielleicht auch einer dieser „Neospießer“ mit  Expedit-Regal, in dem meine Plattensammlung stolz in Plastikhüllen gehüllt steht. Ich bin begeisterter Käufer beim Record Store Day, wie ich in meinem Artikel bereits erwähnt habe. Die Recherche zu diesem Artikel lassen mich aber auch die Position der Indie-Labels besser verstehen. Ist bewussteres Plattenkaufen nun die Lösung? Soll man nicht jeder Sonder-Edition hinterherlaufen?  Ich persönlich brauche keine Super – Deluxe Versionen, wühle gerne auch auf Trödelmärkten durch die Kartons. Ich möchte aber meine Lieblingsalben im Regal stehen haben und was ist, wenn  die oft nur als Re-Issue in einer limitierten Auflage oder für unerschwingliche Summen gebraucht verkauft werden? Eine Zwickmühle also. Ich unterstütze gern den Plattenladen um die Ecke, kaufe Alben direkt auf einem Konzert und hoffe, dass mein Geld zu denen gelangt, die es auch verdient haben. Hauptsache ich zahle noch für Musik oder?

Wie seht Ihr den Vinyl-Konflikt? Kauft Ihr noch Sonder-Editionen oder Re-Issues von Alben? Oder kauft ihr nur noch auf Konzerten? Was denkt Ihr, wohin die Musikindustrie in den nächsten Jahren steuern wird? Diskutiert mit und schreibt es in die Kommentare.

Interessante Links und Auswahl aus meinen Quellen zum Thema

Wikipedia Eintrag zur Schallplatte

Der Siegeszug der Schallplatte von Cornelia Wumkes

Auf Kante gepresst – Warum der Vinyl-Hype die Schallplatte kaputtmacht von Thaddeus Herrmann

Vinyl-Hype vorbei? Die Platte als Statussymbol großstädtischer Neobiedermeierspießer von Aram Lintzel

Comeback der Schallplatte – jetzt vor dem Aus?

Schallplattenhersteller im Interview „Ich gebe der CD noch zehn Jahre“ von Jochen Knoblauch

Die 20 populärsten Vinyl-Alben

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Fotos: Lupo  / pixelio.de, regenbogen56  / pixelio.de, Lupo  / pixelio.de

Tobi

Tobi

Mit dem Game Boy startete Tobi seine Reise in die Videospielwelt. Mit dem Sterben der Dreamcast waren seine Konsolenträume jedoch vorbei. Heute nutzt er zum Zocken noch den PC, wenn er nicht gerade analog die Würfel fallen lässt oder liest. Auch in Sachen Musik und Film ist er kein Kostverächter.Tobi war lange als Online-Redakteur unterwegs.

Tobi@Medien-Nomaden.de
Tobi

3 thoughts on “Vinyl – Geschichte einer Liebe – Teil1

  1. Vielen Dank für diesen informativen Überblick! Die „schwarze Scheibe“ beherrschte ja fast 100 Jahre die akustische Medienlandschaft – ob nun im Radiosender oder zu Hause erst auf dem Grammophon und dann auf dem Plattenspieler. Hier noch ein kleiner Überblick, wie alles anfing – Die Geschichte der Tonaufzeichnung: http://grammophon-platten.de/page.php?505

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